Querdenker: Vegi-Food aus dem Toggenburg | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Kulinarik

Querdenker: Vegi-Food aus dem Toggenburg

Seit über 80 Jahren produziert Morga ihre Lebensmittel im sanktgallischen Ebnat-Kappel. Das soll trotz Globalisierung auch so bleiben.

FOTOS
Christoph Kaminski, ZVG
24. Juli 2017
Wenn spontan eine Apfelringli-Produktion aufgegleist wird, legen auch die Chefs Karin Anderegg, Ruedi Lieberherr und Jörg Anderegg (v.l.) selber Hand an.

Wenn spontan eine Apfelringli-Produktion aufgegleist wird, legen auch die Chefs Karin Anderegg, Ruedi Lieberherr und Jörg Anderegg (v.l.) selber Hand an.


Traditionsbewusst

In seinen Ursprungsländern Bolivien und Peru wird Quinoa noch hauptsächlich von Hand geerntet.

Hübsch ist es in Ebnat-Kappel SG, mitten im Toggenburg. Den Zug teilt man sich mit passionierten Wanderern, an den Hängen fressen Kühe das üppig grüne Gras. Ein Bergidyll wie aus dem Bilderbuch. Doch nicht nur das. Ebnat-Kappel hat, was andere Touristenorte nicht haben: eine boomende Industrie. Diese hat der Ort nicht zuletzt der Firma Morga zu verdanken, gemeinhin für Trockenfrüchte und Bouillon bekannt.

Ein Familienbetrieb, in dem alle ein klein bisschen anders ticken. Ein Traditionsbetrieb, der lange schon vor dem Hype um die Ernährungsformen vegan und glutenfrei auf ausgewogene, vegetarische Ernährung setzte. Zu verdanken hat Morga dies ihrem Gründer Ernst Lieberherr. Der Toggenburger arbeitete Anfang des 20.Jahrhunderts bei einer Import-Export-Firma und wollte eigentlich nach England gehen, um dort die Sprache zu lernen. Stattdessen schickte ihn sein Arbeitgeber nach Indien.

Zum Glück denn er verliebte sich in das Land. Er liess sich dort nieder, lernte diverse indische Sprachen und gründete eine Familie. 1927 wurde er sogar zum Schweizer Honorarkonsul ernannt. Gesundheitliche Probleme, er erkrankte mehrfach an Malaria, zwangen Lieberherr jedoch, im Jahr 1930 in die Schweiz zurückzukehren. Er brachte nicht nur eine Vorliebe für indische Bräuche (er machte zeitlebens Yoga), sondern auch für vegetarische Ernährung und exotische Gewürze mit. Und so gründete Lieberherr die Firma Morga, die sich anfangs auf den Import von Gewürzen, Soja und Schwarztee konzentrierte.

Wir Toggenburger müssen zusammenhalten.»

Jörg Anderegg (66), ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung

Heute wirbt die Firma zwar noch damit, natürlich vegetarisch zu sein. Was für ihre Produkte gilt, ist für deren Mitarbeiter aber längst keine Pflicht. Enkel Ruedi Lieberherr (63) und Geschäftspartner Jörg Anderegg (66) wollen auch auf ein gutes Schweinsschnitzel nicht verzichten. Trotzdem ist bei den Lieberherrs zu Hause eine gewisse Liebe zu Indien geblieben: Jeden Sonntag trinkt der Patron einen Chai-Tee. Selbstverständlich ein Produkt aus dem eigenen Betrieb.

Neue Generationen sind gestartet

Morga ist ein Familienunternehmen im doppelten Sinn: Ruedi Lieberherr leitet das Unternehmen schon in dritter Generation sein 19-jähriger Sohn interessiert sich auch schon dafür, in den Betrieb einzusteigen.Auch bei den Andereggs ist Nachwuchs am Start beziehungsweise schon gestartet. Tochter Karin (35) eine Vegetarierin arbeitet seit 2013 in der Firma und hat letztes Jahr, nach der offiziellen Pensionierung ihres Vaters, dessen Sitz in der Geschäftsleitung übernommen. Ich habe sie aber nicht eingestellt, meint dieser mit einem Augenzwinkern. Trotzdem kann es Jörg Anderegg nicht ganz lassen, ist weiterhin an drei Morgen pro Woche im Büro anzutreffen.

Zwei Generationen in der Geschäftsleitung so ganz ohne Reibereien funktioniert das natürlich nicht. Etwa, wenn es um die Themen Inhaltsstoffe, Social Media oder Verpackungsdesign geht. Ich will unseren Produkten neuen Schwung verleihen, sagt Karin Anderegg.

Chefs für das Handfeste

Gemeinsam ist allen dreien die Leidenschaft für ihre Firma. Sie scheuen sich nicht davor, selbst Hand anzulegen. Etwa vor einigen Monaten, als der Produzent von Coop-Naturaplan-Apfelringli plötzlich ausfiel. Da haben wir innerhalb weniger Wochen Schneidemaschinen, Öfen und natürlich Äpfel organisiert, erzählt Karin Anderegg. Weil die Öfen aber zu wenig leistungsfähig waren, dauerte der Trocknungsprozess viel länger als gedacht. Das hatte zur Folge, dass nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Geschäftsleitung manchmal nachts um 2 Uhr die Bleche aus dem Ofen nahmen.

Dass Morga seit 82 Jahren in Ebnat-Kappel ist, ist kein Zufall. Klar könnte man es sich punkto Logistik und bei der Kader-Suche einfacher machen und die Firma an einen zentraleren Standort verlegen, sagt Jörg Anderegg. Aber ein Wegzug stand nie zur Debatte: Wir kennen die Menschen aus der Region und sie kennen uns. Wir Toggenburger sind ein ganz spezielles Völklein, wir müssen zusammenhalten!

Grosses Sortiment

Tee, Nüsse und co.

Am bekanntesten ist Morga für seine Trockenfrüchte, Nüsse und seine Bouillon. Der Konzern kann aber noch viel mehr: Von Heiltees über Instant-Cremen, Sirupe und Konfitüren bis hin zu Apfelmus das Sortiment ist riesig. Einer der Bestseller und Favorit der Familien Lieberherr und Anderegg sind die Soja-Vollkornteigwaren, welche ganz ohne Eier auskommen. Zudem stellt Morga diverse Produkte für die Coop-Marken Free From und Naturaplan her.