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Bio-Landwirtschaft: Nachhaltige Veränderung

Die Stiftung Tannenhof will nicht nur sozial, sondern auch ökologisch nachhaltig sein. Deshalb stellt sie auf Bio-Landwirtschaft um kein einfaches Unterfangen.

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Heiner H. Schmitt
28. Mai 2018

Roland Winkelmann (59) stellt gerade die Bio-Gurken-Lieferung für Coop zusammen. Betriebsleiter Lukas de Rougemont (rechts) ist mit den Tomatensetzlingen zufrieden, die ihm Ueli Gafner (53), Leiter Gewächshaus-Kulturen, zeigt.


Die Stiftung Tannenhof ist nicht nur Landwirtschaftsbetrieb, sondern auch Heim- und Wiedereingliederungsstätte.

Wenn man als Mann auf die 40 zugeht, fängt man an, gewisse Dinge zu hinterfragen, sagt Lukas de Rougemont (43). Manche kaufen sich dann einen Sportwagen er stellt einen 144 Hektaren grossen Betrieb auf Bio um. Damit kann ich die Welt in meinem Bereich ein klitzekleines bisschen besser machen.

2011 hat der vierfache Vater die landwirtschaftliche Betriebsleitung bei der Stiftung Tannenhof übernommen. Diese wurde vor rund 130 Jahren als Heim- und Wiedereingliederungsstätte für entlassene stellenlose Sträflinge gegründet. Mittlerweile sind es vor allem sucht- und psychisch kranke Menschen, die auf dem Hof in Gampelen BE ein Zuhause und einen Arbeitsalltag finden. War der Tannenhof früher ein reiner Landwirtschaftsbetrieb, stehen seit 2000 auch Werkstätten und Ateliers zur Verfügung.

Möchte ein Hof neu Bio-Lebensmittel gemäss den strengen Knospe-Richtlinien der Bio Suisse produzieren, gilt er zwei Jahre lang als Umstellungsbetrieb mit entsprechendem Label (siehe Box). In dieser Zeit darf das Produkt die Bio-Suisse-Knospe nur mit Zusatz tragen, weil etwa noch vor der Umstellung produziertes konventionelles Futter zum Einsatz kommt oder sich Pflanzenschutzmittelrückstände in den Böden befinden könnten. Der Landwirtschaftsbetrieb der Stiftung Tannenhof, der auch für Coop Naturaplan produziert, steht am Ende seiner Umstellungsphase.

Dass der Acker- und Gemüsebaubetrieb mit Viehwirtschaft jetzt nach Bio-Standards funktioniert, passe zum Gesamtbetrieb, findet de Rougemont. Wir waren als Institution schon immer sozial nachhaltig, jetzt folgt die ökologische und erfreulicherweise auch eine deutlich bessere ökonomische Nachhaltigkeit. Das Risiko war jedoch beträchtlich. Rund eine Million Franken hat die Stiftung in die Umstellung investiert, etwa in bauliche Anpassungen wie die Erstellung von zusätzlichem Güllelagerraum oder in spezifisch für den Bio-Landbau konstruierte Maschinen.

Reise ins Unbekannte

Angst, dass sich diese Investition nicht lohnen könnte, habe er durchaus gehabt. Die Umstellung ist eine Reise, für die man sehr viele Sicherheiten aufgibt, erzählt de Rougemont. Berufskollegen hätten Zweifel geäussert, ob solch ein Unterfangen im Seeland langfristig möglich sei. Die ehemaligen Moorböden der wichtigsten Gemüseanbauregion des Landes sind sehr fruchtbar und nährstoffreich auch für Unkraut ein Paradies. Ist das ohne chemische Herbizide zu schaffen?

Die biologische Unkrautbekämpfung nimmt tatsächlich mehr Zeit in Anspruch, als anfangs gedacht. Früher war die Arbeitsspitze zur Ernte im Herbst. Jetzt ist sie im Frühling, wenn das Unkraut stark spriesst und die Kulturen konkurrenziert. Bei Getreide, Mais und Kartoffeln übernehmen Maschinen die meiste Jätarbeit. Beim Gemüse aber ist Handarbeit gefragt. Karotten etwa wachsen bei uns auf sechs Hektaren. Das jätet man nicht eben mal schnell auf den Knien durch. Auch den richtigen Zeitpunkt müsse man erwischen. So musste der Tannenhof schon auswärtige Manpower mieten, um diese Herkulesaufgabe zu stemmen.


Motiviert trotz Totalausfall

Auch Misserfolge musste der Hof seit der Umstellung schon erleben. Ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und ohne gebeiztes also mit Pflanzenschutzmitteln behandeltes Pflanz- und Saatgut sind die Kulturen viel anfälliger. Das hat schon zu Totalausfällen bei Rosenkohl oder Zuckerrüben geführt. Solche bei konventioneller Landwirtschaft seltenen Rückschläge seien durch den höheren Preis, den man für Bio-Lebensmittel verlangen könne, aber gedeckt. Auch den gut 30 Prozent tieferen Ertrag sowie die Mehrarbeit könne der Tannenhof so kompensieren.

Ernteausfälle und Arbeitsaufwand hin oder her bereut hat de Rougemont die Umstellung nie. Und die einst zweifelnden Bauern aus der Nachbarschaft? Die schauen immer noch genau hin, aber die Skepsis legt sich langsam. Vereinzelt schicken Landwirte aus der Region sogar ihre Söhne zu uns in die Lehre das sagt doch alles.

Umstellungsknospe - Auf dem Weg zu Bio

Bauernhöfe, die neu nach den Richtlinien der Bio Suisse produzieren, müssen ihre Produkte während der ersten zwei Jahre mit der Umstellungsknospe versehen und dürfen sie noch nicht als Bio-Produkte verkaufen. Coop nimmt diese Produkte jedoch bereits zu Bio-Konditionen ab und verkauft sie mit der Umstellungsknospe unter der Marke Naturaplan. Damit erleichtert Coop die Umstellung auf Bio.