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Kulinarik

Honig: süss und berauschend

Dem flüssigen Gold werden seit Urzeiten fantastische Wirkungen zugeschrieben. Es gilt als Heilmittel, als Götterspeise. Doch auch als Aufstrich zum Zmorge ist Honig unübertroffen. Ein Loblied auf das Erzeugnis der Bienen und Imker.

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Peter Mosimann, Heiner H. Schmitt
23. Juli 2018

Dunkle Honigbienen der uralten Rasse Apis mellifera mellifera.

Honig

Lange bevor Menschen Wein oder Bier herstellten, kannten sie ein Getränk, das sie euphorisch machte: Met oder Honigwein. Dass Honigwasser in einem offenen Gefäss zu gären beginnt, entdeckten sie wohl zufällig. Doch sobald die Wirkung erkannt war, führten sie die Verwandlung von Honig in einen zuweilen hochprozentigen Trank gezielt herbei. Das Wort Met bedeutet Honig, aber auch Rausch es kommt in allen indogermanischen Sprachen vor.

Bienen, die Honig produzieren, gibt es seit über 50 Millionen Jahren. Das bezeugen Bernsteine, in denen vom tropfenden Harz überraschte Honigbienen gefunden wurden. Die Honigmäuler unter den Steinzeitmenschen verewigten die Jagd auf Bienenerzeugnisse vor 9000 Jahren in Höhlenmalereien Spaniens. Doch die eigentliche Bienenhaltung begann im anatolischen Hetiter-Reich: Dort stellte man Bienenstöcke wertmässig Schafen gleich und bestrafte deren Diebe nach Gesetz durch Bienenstiche.

Vor 3500 Jahren wurde Honig in Ägypten wichtig. Königin Kleopatras tägliches Baden zur Schönheitspflege in Milch und Honig ist ebenso belegt wie die Verwendung zum Mumifizieren oder als Götterspeise. Bei den alten Griechen war Honig als unsterblich machende Kost den Göttern vorbehalten. Die Römer liebten Honig der eigenen Gesundheit wegen. Die gerne mit Met feiernden Germanen setzten Honig wiederum rituell ein. Auch in der islamischen Kultur wird die Biene bewundert, sie kommt im Koran vor und Prophet Mohamed preist Honig als Mittel gegen Bauchschmerzen.

 

Heilendes Süssmittel

 

Zur Frage, wie und ob Honig gesundheitsfördernd wirkt, gibt es laufend neue Erkenntnisse. Kathrin Seidel (36), Ernährungsexpertin bei Coop, hält fest: In der Volksmedizin gilt, dass Honig gegen Husten und Halsweh hilft. Honig sorgt gerade bei Kindern dafür, dass sich ein wunder Hals für kurze Zeit deutlich besser anfühlt, laut Seidel vor allem, wenn man ihn mit heisser Milch trinkt. Als Mittel gegen Magen-Darm-Beschwerden hilft ein Löffel Honig in Kamille-, Pfefferminz- oder Fencheltee. Laut Medizinern sollten aber Kinder sowie schwangere und stillende Frauen keine grossen Mengen zu sich nehmen. (20 Gramm gelten als normale Portion.) Und für Babys unter zwölf Monaten ist Honig absolut tabu, sagt Seidel. Babys können erkranken, da ihr noch unreifes Immunsystem sich im Darm nicht gegen ein Bakterium im Honig wehren kann.

Kathrin Seidel, Ernährungsexpertin bei Coop, isst zum Frühstück oft ein Honigbrot.

Kathrin Seidel, die im hessischen Fulda Haushalt- und Ernährungswissenschaft studiert hat, bestreicht ihr Vollkornbrot fast immer mit Honig. Ernährungsphysiologisch wäre Salziges morgens sinnvoller, da dann der Blutzuckerspiegel nicht gleich so ansteigt, meint sie. Doch sie liebt Honig auch deshalb, weil ihr Vater seit seiner Pensionierung selber imkert und die Tochter gern mit seinem Honig versorgt. Auf die Frage, ob regionaler Honig besonders gut ist für die Gesundheit, meint die Expertin: Es gibt leider noch keine Studien, die das belegen. Punkto Nachhaltigkeit sei es aber sicher sympathisch, wenn Honig nicht zu weit herumreise, bevor er bei den Konsumenten landet.

Ein Honig, der weltweit exportiert wird, ist der Manuka-Honig aus Neuseeland. Dieser überaus teure Honig wirkt stark antibakteriell und entzündungshemmend. Wenn er mit Gammastrahlen sterilisiert wird, entsteht daraus sogar ein Medizinprodukt, das für die Wundbehandlung zugelassen ist. Doch das heisst nicht, dass man normalen Speisehonig als Pflaster auf offene Wunden streichen soll, betont Kathrin Seidel. Zudem weist sie darauf hin, dass Coop unterstützt vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL in Frick AG immer mehr auf Bio-Honig setze.

Facts zum Bienensterben

Dunkle Honigbienen der uralten Rasse Apis mellifera mellifera.

So wohltuend Honig für uns Menschen ist Honigbienen leiden derzeit stark unter Varroamilben, weiss Vincent Dietemann (46) vom Zentrum für Bienenforschung Agroscope. 2018 verloren die Schweizer Imker 13,8 Prozent ihrer Völker. In den letzten Jahren waren es jeweils zwischen 10 und 25 Prozent. Das ist nicht katastrophal, doch bedauernswert, sagt Dietemann. Die Bienen seien nicht vom Aussterben bedroht, doch für die Imker sei das mühsam. Es gibt zwar Mittel gegen die Milben, doch die Behandlung ist aufwendig und kompliziert, so der Experte. Auch gewisse Pestizide können für Bienen ein Risiko darstellen. Etwa die Neonicotinoide, mit denen Saatgut behandelt wird. Die drei schlimmsten Substanzen sind jetzt verboten, lobt Dietemann. Doch andere Neonics seien immer noch erlaubt.Laut Agroscope ist die Honigbiene nach dem Rind und dem Schwein in der Schweiz das drittwichtigste Nutztier und damit ein Wirtschaftsfaktor von hoher Bedeutung. Rund ein Drittel der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt von der Insektenbestäubung ab: 70 Prozent aller Nahrungspflanzen werden von Honig- und Wildbienen bestäubt!

Vom Wert der Bienen

So wohltuend Honig für uns Menschen ist, leiden aber Honigbienen derzeit stark unter Varroamilben, weiss Vincent Dietemann (46) vom Zentrum für Bienenforschung Agroscope (siehe Interview).

Laut Agroscope ist die Honigbiene nach dem Rind und dem Schwein in der Schweiz das drittwichtigste Nutztier und damit ein Wirtschaftsfaktor von hoher Bedeutung. Rund ein Drittel der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt von der Insektenbestäubung ab: 70 Prozent aller Nahrungspflanzen werden von Honig- und Wildbienen bestäubt!

Die Honiglust der Schweizer

Schweizer sind grosse Honigschlecker: Der Pro-Kopf-Verzehr liegt seit 2007 jährlich zwischen 1,1 und 1,3 Kilo. Am beliebtesten ist Blütenhonig. Laut Bienenexperte Salvador Garibay (55) vom FiBL importiert die Schweiz 65 Prozent aus dem Ausland. 3200 Tonnen oder ein Drittel des Bedarfs produzieren unsere 19500 fleissigen Imker, die durchschnittlich zehn Völker fliegen lassen. Während früher vor allem Bauern Bienen hielten, ist Imkern heute als Hobby im Trend vermehrt auch bei Städtern.

Woher kommt der Honeymoon?

Ein letztes Wort zum Honigwein Met, der in Europa so lange einen Spitzenplatz inne hatte, bis ihn im Norden das Bier und im Süden der Wein verdrängte. Im Mittelalter war es üblich, dass ein Paar während den ersten Wochen nach der Hochzeit täglich berauschenden Met trank. Da der erste Monat nach der Hochzeit eh als der süsseste gilt, wurde und wird er Honeymoon genannt. Aber natürlich darf man sich auch den 333. Monat mit Honig versüssen.

 

Coop und die Bienen - Blühende Schulen

 

Zahlreiche Schweizer Schulklassen helfen mit, unser Land grüner und farbiger zu machen. Unter dem Motto Blühende Schulen verteilten Coop und Bio Suisse 2018 schon zum dritten Mal 1200 Pflanzsets an Schulen. Die Klassen erhielten im Frühling Saatgut für Bio-Gemüse und -Blumen sowie Bio-Kräutersetzlinge, um für Bienen und andere Lebewesen wertvolle Lebensräume zu schaffen. In den ersten zwei Jahren wurden fast 20000 Quadratmeter Boden zum Blühen gebracht und über 27500 Schüler/innen wurden zu Bienenexperten.

Interview

Wie gefährdet sind Honigbienen?

Vincent Dietemann vom Zentrum für Bienenforschung Agroscope in Bern mit Facts zum Bienensterben.

Welches sind die Hauptgründe des Bienensterbens in der Schweiz?
In erster Linie die Varroamilben. Beteiligt ist auch die Sauerbrut, eine bakterielle Krankheit. Oft wird die Monokultur erwähnt, also die fehlende Anbau-Diversität, aber das ist noch nicht wissenschaftlich quantifiziert. Labortests zeigen, dass gewisse Pestizide ein Risiko darstellen, aber in Feldversuchen konnte kein direkter Zusammenhang belegt werden.

Wie ist die Situation momentan?
2018 verloren die Schweizer Imker 13,8 Prozent ihrer Völker. In den letzten Jahren waren es jeweils zwischen 10 und 25 Prozent. Das ist nicht katastrophal, doch bedauernswert. Die Bienen sind nicht vom Aussterben gefährdet, doch für die Imker ist es problematisch. Sie haben mehr Aufwand und ernten weniger Honig.

Gibt es Mittel gegen die parasitären Varroamilben?
Ja, und die Imker werden immer besser darin geschult, die Milben zu bekämpfen. Wirkungsvoll ist eine auf organische Säuren basierende Behandlung, die aber aufwändig und kompliziert ist. Immerhin führt sie bis jetzt zu keiner Resistenz in der Milbe und hinterlässt keine Rückstände in den Bienenprodukten.

Was geschieht, wenn man die Varroamilben nicht bekämpft und die Honigbienen sich selber überlässt?
Ohne Behandlung stirbt die grosse Mehrheit der Völker innerhalb von zwei bis drei Jahren..

Sind die für Wild- und Honigbienen sehr schädlichen Neonicotinoide, mit denen Bauern ihr Saatgut behandeln, noch erlaubt?
Die drei schlimmsten Substanzen sind jetzt verboten. Doch andere, viel weniger giftige Neonics sind immer noch erlaubt.

Was kann der Normalbürger tun, damit es den Bienen besser geht?
Im Garten und auf dem Balkon Bienenpflanzen setzen und Bioprodukte kaufen. Man kann auch politisch zeigen, dass man Bienen und die Umwelt für wichtig hält.

Die Situation ist nicht katastrophal, doch bedauernswert.»

Vincent Dietemann (46), Bienenexperte

Bio und Nicht-Bio

Die wichtigsten Richtlinien für die Herstellung von Bio-Honig:

  • Nur Bienenvölker biologischer Herkunft.
  • Die Bienen dürfen nur in Bienenkästen gehalten werden, die aus natürlichen Rohstoffen wie Holz, Lehm und Stroh bestehen. Aussenanstriche nur mit schadstofffreien Farben. Behandlung der Innenflächen nur mit Bienenwachs, Propolis oder Pflanzenölen.
  • Nur bienenverträgliche Reinigungs- und Desinfektionsmittel.
  • Gewährleistung von pestizidfreiem Bienenwachs für die Herstellung von Waben.
  • Das Beschneiden der Flügel der Königin ist verboten.
  • Im Umkreis von drei Kilometern besteht die Bienenweide vor allem aus Pflanzen des ökologischen Anbaus oder Wildpflanzen. Schadstoff ausstoßende Anlagen im Umkreis sind verboten.
  • Keine künstliche Fütterung während der Blumentracht.
  • Nur bienenschonende Honiggewinnungsmethoden erlaubt.
  • Zufütterung der Bienen bei Bedarf nur mit Biohonig, Biofutterwaben, Biozucker(sirup) oder Biofutterteig.
  • Bereitstellung umfangreicher Honig- und Pollenvorräte in den Brutwaben zur Überwinterung.
  • Konsequente Krankheitsvorbeugung. Ausschliesslich natürliche Mittel und Methoden für die direkte Bekämpfung von Krankheitserregern und Schädlingen.
  • Besondere Anforderungen für die Aufbewahrung und Verpackung des Honigs und die Sicherung der Produktqualität.