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Für Hobbygärtner Ueli Schmid beginnt Ende Juli die schönste Zeit des Jahres. Die Aufzucht und Pflege seiner seltenen Tomatensorten trägt endlich aromatische Früchte.

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Peter Mosimann
23. Juli 2018

Sein Garten ist sein Paradies: Ueli Schmid liebt die Natur und Tomaten. Von über 120 Sorten pflanzt Ueli Schmid jedes Jahr zwischen 30 und 39.


Klein und fein: die hellroten Basler Röteli und die Black Cherry von Pro Specie Rara.

Hier möchte man Blume sein. Oder Huhn. Oder Schmetterling. Oder noch besser: Tomate. Liebevoll gehegt und gepflegt durch Gartenpapa Ueli Schmid. Fast jede freie Minute verbringt der 55-Jährige in seinem 1300 Quadratmeter grossen Refugium in Konolfingen BE. Willkommen sind hier nicht nur Tiere und Pflanzen, auch Liebhaber alter Gemüsesorten kommen bei einem Besuch im Berner Mittelland voll auf ihre Kosten. Ich bin einer von 400 aktiven Sortenbetreuer für Pro Specie Rara und vermehre Saatgut von über 120 Tomaten- und diverser Gemüsesorten, erzählt Schmid und entfernt mit einer leichten Drehbewegung die Seitentriebe einer Tomatenpflanze. Eine kluge und sehr wichtige Beschäftigung. Je weniger davon vorhanden sind, desto mehr Energie und Nährstoffe bleiben für die Tomaten übrig.

Rot bedeutet nicht mehr Aroma

Eigentlich wäre Ueli Schmid gerne Landwirt geworden. Mein Traumberuf! Doch auf Drängen seiner Eltern absolvierte er damals eine Lehre bei der Post. Jetzt ist halt mein Garten meine Berufung, sagt er und lacht. Berufung? Hobby! Denn eigentlich arbeitet Schmid Vollzeit als Teamleiter Fahrdienst bei den Verkehrsbetrieben STI in Thun BE. Meine Liebe zu Tomaten habe ich 1993 entdeckt. Damals bestellte ich mir die Samen einer Wildtomate. Damit kam der Stein ins Rollen. Weitere unbekannte Sorten wie die Tëmnokrasnij, eine kaum auszusprechende Rundtomate aus Russland, die Gelbe von Thun oder Fleischtomate Guido kamen hinzu. Den richtigen Namen kenne ich nicht. Ich weiss nur, dass die Samen ursprünglich von einem Italiener namens Guido in die Schweiz gebracht wurden. Die Früchte sind bis zu ein Kilogramm schwer und klassisch rot. Es ist lustig: Viele Menschen haben mit gelben oder grünen Sorten Mühe. Doch wenn ich eine Blindverkostung mache, schneiden diese oftmals vom Geschmack her sogar besser ab.

Aufräumen mit Mythen

Nun wissen wir es also: Tiefrote Tomaten haben nicht automatisch mehr Aroma. Auch die Zahl an Mindest-Sonnenstunden pro Tag ist eine Mär: Eine Tomate ist ein Nachtschattengewächs. Sie braucht eher Wärme als Licht. Bei Ueli Schmid steht etwa die Hälfte der aktuell 34 Pflanzen in einem Gewächshaus, das von allen Seiten her geöffnet werden kann. Die Luft muss zirkulieren können. Stauwärme mögen Tomaten ganz und gar nicht. Die andere Hälfte ziert die Hauswand des Mehrgenerationenhauses, in dem er zusammen mit seiner Frau Renate (52), Tochter Anna Lena (20) und Schwiegermutter Ruth (78) wohnt. Eine Wand ist deshalb ideal, weil sie nachts Wärme abstrahlt. Schmid zeigt auf die Fassade des Hauses: Noch ist sie unbewachsen, doch bald erfreuen wir uns hier an einer Baumtomate, die bis zu vier Meter hoch wird. Dass Tomaten zwingend überdacht sein müssen, stimme ebenfalls nicht. Ein normaler Sommer stellt eigentlich kein Problem dar, weiss er. Wenn die Pflanze einen guten Wuchs hat, ist sie sowieso nicht anfällig für Fäulnis. Genau das sei ein Vorteil von alten Sorten: Sie sind grundsätzlich robuster.


Das Revival der alten Sorten

Welche Tomaten das Pro-Specie-Rara-Gütesiegel bekommen, hängt von verschiedensten Kriterien ab. Es kommen nur Sorten infrage, die nicht mehr im grossen Stil gehandelt werden, erklärt Mira Langegger (48), Projektleiterin Samenbibliothek von Pro Specie Rara. Des Weiteren müssen sie ein gewisses Alter aufweisen und eine sehr erhaltenswerte Eigenschaft haben. Dass die Stiftung seit nunmehr 25 Jahren auf die ehrenamtliche Mithilfe von Hobbygärtner Ueli Schmid zählen kann, macht ihn für den Erhalt und die Wiederbelebung kulturhistorischer Pflanzen besonders wertvoll. Wir profitieren sehr von seinem Wissen und Engagement, lobt Langegger den Sortenbetreuer. Der wiederum zählt auf seine landesweite Kundschaft, die bei ihm Samen bestellt oder vor Ort Setzlinge kauft. Urban Gardening ist ein grosser Trend, weiss Tomatenueli, dessen Spitzname sich im Laufe der Jahre etabliert hat. Selbst im Internet findet man ihn so ganz einfach über Google. Besonders Stadtmenschen haben das Bedürfnis, sich auf dem Balkon auszutoben. Lobenswert fände er das. Schliesslich sind wir auf Erden bloss geduldet und dazu da, Spuren zu hinterlassen.

Alte Tomatensorten sind grundsätzlich robuster.»

PSR-Sortenbetreuer Ueli Schmid

Sommer im Konfiglas

Sein persönliches Fleckchen Erde teilt Schmid übrigens auch mit zwölf Schildkröten, Güggel Oskar, den vier Hennen und drei Küken, die es sich auf luxuriösen 100 Quadratmetern Grünfläche unter den beiden Bäumen gemütlich machen. Auch Vögel und Insekten fühlen sich durch Brombeerblüten, den Ewigen Lauch, Korn- und Ringelblumen magisch angezogen. 2005 wurde mein Garten von Pro Natura als besonders schmetterlingsfreundlich ausgezeichnet, freut er sich und verfolgt mit seinem Blick ein tänzelndes Falterpaar. Regenwasser fange ich zur Bewässerung auf, aus Pflanzenresten gäre ich einen Naturdünger damit die Tomaten gross und stark werden. Demnächst. Noch kümmert er sich vermehrt um die Aufzucht sowie eben die unliebsamen Seitentriebe. Wenn Ende Juli dann erstmals geerntet werden kann, köchelt über mehrere Tage hinweg ein Topf Sugo auf dem Herd vor sich hin den ganzen Sommer lang. Mhhh, eine Sauce aus sonnengereiften Früchten ist doch einfach das Allerbeste! Bei dem Überangebot von PSR-Sorten wie beispielsweise Basler Röteli und Richard aus Magden wird er jedoch auch gerne mal experimentell. Süsse Konfi oder Chutney mit Sultaninen habe ich auch schon gemacht. Beides hocharomatisch, schwärmt er. Ach, hier will man vielleicht doch lieber Gast anstatt Blume, Huhn, Schmetterling oder Tomate sein.