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Essen & Trinken

Ein Spritz Lebensfreude

Vor hundert Jahren lancierten zwei Brüder im italienischen Padua einen orangefarbenen Bitterlikör namens Aperol. Als Spritz hat sich der lokale Klassiker innert weniger Jahre zum weltweiten Überflieger der Apéro-Kultur entwickelt.

13. August 2019

Am Ende der schmalen Gasse links, dann die dritte rechts, gleich dem schmalen Gang zwischen den zwei Häusern entlang und dann beim kleinen Bogen nochmals rechts. Wahrlich, abseits der grossen Touristenströme sind die Wege in Venedig verschlungen, und man muss schon genau wissen, wie man zum «Bacarando» kommt, einem der vielen typischen Bàcari: kleine Lokale, irgendwo zwischen Bar und Restaurant anzusiedeln. Hier findet man sie noch, die Venezianer, die abseits des grossen Rummels das Leben geniessen.

500 Spritz am Tag

Was beschaulich klingt, gibt für die beiden Besitzer Jacobo Tonetti (42) und Federico Bastigo (44) zu tun. Und wie! Das Essen ist gut und günstig, vor allem aber ist die Auswahl an Cicchetti ziemlich gross. Das sind traditionelle Häppchen, die die Venezianer gerne zum Apéro, Touristen aber auch als ganze Mahlzeit geniessen. Wer kanns ihnen verübeln? Das Leben ist eben schön in Venedig, und vor allem ist es ziemlich orange gefärbt. Kaum ein Tisch, an dem nicht Aperol Spritz getrunken wird. «205 000 haben wir letztes Jahr ausgeschenkt, über 500 pro Tag», sagt Jacobo Tonetti und macht klar, wer in der Gegend der Platzhirsch ist. «Wir trinken hier den ganzen Tag Aperol Spritz. Und das zu jeder Gelegenheit, von der Hochzeit bis zur Beerdigung.»

In der Tat, es gibt weltweit kaum eine Stadt, die derart mit einem Drink verbunden ist wie Venedig mit dem Aperol Spritz. Erstaunlich ist das nicht, denn Aperol ist quasi ein Kind der Stadt. Oder zumindest fast. Erfunden wurde der bittersüsse Likör von den Brüdern Luigi und Silvio Barbieri, ihres Zeichens Likörhersteller. Sieben Jahre sollen die beiden getüftelt haben, bis sie mit ihrem neuen Produkt zufrieden waren, einer bis heute streng geheim gehaltenen Mischung aus verschiedenen Kräutern, Bitterorange, Chinarinde und etlichem mehr. Dieses nannten sie – frei nach dem französischen Begriff Apéro – kurzum Aperol und präsentierten es 1919 auf der internationalen Messe im benachbarten Padua, wo sie ihre Liköre auch produzierten. Und sie trafen damit den Nerv der Zeit: Nach den Entbehrungen des Ersten Weltkrieges fand der aromatische und leuchtend orangefarbene Likör schnell lokale Verbreitung. In einem Markt, der vor allem von hochprozentigen Spirituosen dominiert war, erschloss die nur elf Volumenprozente starke Spirituose auch neue Konsumentenkreise und erfreute sich nicht zuletzt unter Frauen und Sportlern grosser Beliebtheit!

Vintage-Plakat: Aperol macht sich auch als Kunstdruck an der Wand gut.

Die Zäsur traf das aufstrebende Unternehmen dann, als Padua im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert und die ganze Produktionsanlage in Schutt und Asche gelegt wurde. Mit dem Aufbau neuer Produktionsanlagen wagten die Brüder Barbieri 1946 aber einen Neustart.

Nach dem Krieg waren neue Ideen gefragt und obschon an der Rezeptur von Aperol nichts verändert wurde, war plötzlich der Aperol Spritz in aller Munde. Der von venezianischen Barkeepern entwickelte, leichte Cocktail aus je einem Teil Aperol und Prosecco mit einem Schuss Soda und Orangenscheibe traf das Lebensgefühl nach den Kriegsjahren perfekt.

Dass sich der Spritz so schnell verbreitete, ist der in Venetien weit verbreiteten «Spritz-Kultur» geschuldet, die die österreichischen Besetzer im 19. Jahrhundert hierherbrachten: Den Soldaten war der Wein in der Sommerhitze zu stark, also verdünnten sie ihn mit Wasser respektive spritzten ihn auf: Ein Brauch, den die örtliche Bevölkerung, allem Widerstand gegen die Besatzer zum Trotz, aufnahm – inklusive dem Begriff «Spritz».

Alle Welt trinkt den Cocktail

Der Erfolg des Aperol Spritz wundert Andrea Neri (49) nicht wirklich. Der Managing Director Italian Icons der Campari-Gruppe, zu der Aperol seit 2003 gehört, erklärt: «Der Aperol Spritz ist komplexer und raffinierter als Bier oder Sekt, aber leichter zugänglich als ein herkömmlicher Cocktail.» Des Potenzials des bis anhin vor allem regional beliebten Aperol Spritz war sich Campari durchaus bewusst. Dem Unternehmen, einem der grössten Spirituosenkonzerne überhaupt, gelang es aber, den Klassiker aus Venetien zum orangenen Riesen zu machen. Seit die Campari-Gruppe die Marke übernommen hat, ist diese um das Achtfache gewachsen, wie Neri stolz erklärt: «Heute rangiert der Aperol Spritz laut der Zeitschrift Drinks International auf Platz 9 der meistverkauften Cocktails der Welt.»

«Wir trinken den ganzen Tag Aperol Spritz.»

Jacobo Tonetti (42)

Nur logisch, dass Campari es sich nicht nehmen liess, zum 100. Geburtstag von Aperol mit der grossen Kelle anzurühren und in Venedig gross zu feiern. Etwa mit einem gratis Open-Air-Konzert auf dem Markusplatz mit über 6000 Besuchern und unzähligen Ehrengästen aus der ganzen Welt. Für Neri ist es eine Selbstverständlichkeit, der Geburtsstadt des Aperol Spritz auch etwas zurückzugeben, schliesslich ist der Cocktail auch für ihn eine Herzensangelegenheit: «Seit ich 2005 in Venedig zum ersten Mal einen probiert habe, vergöttere ich ihn!»