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Anregender Südländer

Ein Italiener macht seit einem Jahrhundert von sich reden: Der Negroni kommt aus Florenz und beinhaltet Wermut, Gin und Campari.

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Stefano Vergary Photographer, zvg, Guinti Editore/Negroni/Bentivoglia Family Archive
10. Juni 2019

Er wird gerührt, nicht geschüttelt und auf Eis serviert: der Negroni-Cocktail.

Ein Wort, das viele Menschen in Verzückung bringt: Apéro! In Italien bedeutet Aperitivo nicht nur die Sitte, sich abends mit Freunden auf ein Getränk zu treffen. Es ist auch das Getränk selber gemeint. Natürlich lässt er sich besonders an dessen Geburtsort geniessen. Als dieser wird Mailand gehandelt. In der italienischen Metropole greift man nicht selten bereits mittags zum Drink. Dies ist nicht nur Teil der italienischen Lebensart, sondern hat auch einen pragmatischen Grund: Der meist bittere Aperitif regt den Appetit an. Und diesen will man schliesslich vollends präsent wissen, bevor Antipasti, Primi und Secondi piatti und vielleicht noch ein Dolci verspeist werden.

 Barkeeper Luca Picchi kennt das Rezept des Negroni.

Italienische Aperitivo-Kultur wird in der Camparino-Bar in Mailand gepflegt.

Wer ein herb-bitteres Getränk in Mailand oder hier sucht, der kommt an Campari nicht vorbei: Die Firma wurde vor über 150 Jahren von Gaspare Campari (1828–1882) gegründet und ist berühmt für den Likör mit der auffallend roten Farbe. Über 80 Zutaten sollen darin enthalten sein. Darunter Chinin, das aufgrund seiner Bitterkeit auch in Bitter Lemon oder Tonic Water verwendet wird. Die Rezeptur kennt nur der Chef der Campari-Gruppe.

Dreierlei Alkohol für den Grafen

Der Gründervater Campari handelte nicht nur mit Likören, er führte zudem eine Bar. Und dort soll in den 1860er-Jahren ein Aperitivo aus nur zwei Zutaten serviert worden sein: der Americano, bestehend aus Campari und Wermut. Je nach Gusto fügte der Barkeeper einen Schuss Mineralwasser hinzu. Die Weiterentwicklung des Americano, ein Cocktail namens Negroni, wurde später in Florenz erstmals gerührt: Der mondäne Graf Camillo Negroni (1868–1934) mochte nicht mehr den immer gleichen Drink schlürfen – und verlangte nach etwas mit mehr Wums. Der Barkeeper Fosco Scarselli liess sich nicht zwei Mal bitten und ersetzte das Wasser durch Gin. Der Graf war begeistert. Fortan soll er bei seinen Besuchen nur noch «das Übliche» bestellt haben. Die Neugier der Gäste war geweckt, auch sie bestellten einen «Graf Negroni Style Americano». Schnell wurde daraus die Kurzform, wie wir sie heute kennen: Negroni.

Aus einer anderen Zeit: Das Campari-Werbeplakat «Lo Spiritello» von 1921 …

… und der Graf Camillo Negroni.

Diese Geschichte wird sich zwischen 1917 und 1920 zugetragen haben. Diese und weitere Hintergründe zum Cocktail recherchiert und aufgeschrieben hat Luca Picchi im Buch «Negroni Cocktail – An Italian Legend». Der Barkeeper ist Florentiner und hat vor 20 Jahren damit angefangen, in seiner Stadt auf Spurensuche zu gehen. «Die Geschichte hinter einem Drink ist wichtig, um diesen vollkommen geniessen zu können» sagt Luca Picchi und lächelt. Und die Negroni-Geschichte hat ihm nun selber den Genuss etlicher Abenteuer beschert: Er gilt weltweit als Experte und reist für Workshops um die Welt. Er ist auch Chef-Barmann im berühmten Caffè Rivoire in Florenz. Graf Negroni würde sicherlich gerne bei ihm einkehren.