X

Beliebte Themen

«Hier strebt man  nach Perfektion»

Zur 26. Ausgabe des «Concours mondial de Bruxelles» pilgern Weinexperten aus aller Welt zum Zentrum des Radsports: Im Velodrom von Aigle VD verkosten sie nahezu 9200 Weine.

FOTOS
ZVG
28. April 2019

Ein sportliches Programm: Thomas Costenoble, Direktor des «Concours mondial de Bruxelles», ist begeisterter Radsport-Fan.

Es ist ein Anlass der Superlative: 350 Weinprofis aus aller Welt, darunter einige von Coop, – bewerten fast 9200 Weine aus 49 Ländern. Die besten dieser Tropfen erhalten dann die begehrten Medaillen des «Concours mondial de Bruxelles», der erstmals in der Schweiz stattfindet. Ihrer Aufgabe gehen die Experten für einmal an einem ungewohnten Ort nach: dem Velodrom des Radsport-Weltverbands UCI in Aigle VD. Dort trafen wir auch den Belgier Thomas Costenoble (51), Direktor des renommierten «Concours», der seit seiner Gründung 1994 alljährlich stattfindet.

Was genau findet hier im Velodrom am Wochenende statt?

Die grösste Weinprobe der Welt! Diese Grössenordnung ist wirklich beispiellos.

Die Wahl des Schauplatzes ist überraschend.

Das Zentrum des Radsport-Weltverbands bietet genau die Dimensionen, die wir für diesen Anlass brauchen. Es ist fantastisch, zwei derart unterschiedliche Welten zusammenzubringen, die aber beide von sehr leidenschaftlichen Menschen getragen werden. Ich freue mich sehr, dass die Athleten zur Eröffnung des «Concours» einige Runden für uns drehen werden.

Aktuell ist ja auch die Tour de Romandie unterwegs. Interessieren Sie sich für Velorennen?

Ja klar! Dieser Sport ist in Belgien sehr beliebt. Seinerzeit verfolgte ich immer die Zweikämpfe zwischen Fabian Cancellara und Tom Boonen. Beide wurden bei uns sehr verehrt.

Aber hier leiten Sie einen ganz anderen Wettbewerb.

Ja, der läuft in absoluter Stille ab, mit präzisem Timing und strengen Regeln. So ist es etwa verboten, zu rauchen oder allzu intensives Parfum zu tragen. Die Verkostungen, die von Freitag bis Sonntag in der Mitte des Velodroms stattfinden, sind für das Publikum eine Art Ballett, das präzisen Angaben folgt wie in einer Orchester-Partitur.

«Der Wettbewerb läuft in absoluter Stille ab, mit präzisem Timing.»

Thomas Costenoble

Haben Sie das vorher geprobt?

Ja. Beim Service helfen 120 Studentinnen und Studenten der privaten Hotelschule in Leysin und Caux. Eine besondere Herausforderung ist es, die Raumtemperatur im Verkostungsbereich konstant zu halten und die richtige Serviertemperatur der Weine zu gewährleisten. Die Logistik ist beeindruckend. 

Wie sieht der genaue Zeitplan für das Wochenende aus?

Die Verkostungen werden immer am Morgen durchgeführt, jeweils zwischen 9 und 13 Uhr. Zu dieser Tageszeit sind unsere Geschmacksnerven am empfänglichsten, und die Verkoster können sich dann am besten konzentrieren.

Im Dialog über die Vielfalt der Schweizer Rebberge: die Önologen Thomas Costenoble (links) und Daniel Dufaux.

Und wie viele Weine verkostet ein Experte pro Morgen?

Zwischen 48 und 50, natürlich alle in Blindverkostung. Dazu haben wir die Weine in 300 homogene Gruppen eingeteilt, je nach Herkunft, Preis und Rebsorte. Diese Aufteilung ist notwendig, damit die Weine untereinander vergleichbar sind.

Welche Länder bringen am meisten Weine an den Start?

Frankreich, gefolgt von Italien, Spanien und Portugal, also die vom Volumen her bedeutendsten Produzenten. China macht seit drei Jahren mit und schickt dieses Jahr fast 300 Weine ins Rennen. Die Schweiz ist mit 600 Weinen dabei, ein Rekord. Da ist viel Engagement zu spüren, und ich bin sicher, dass es auch gute Resultate geben wird (Anm. d. Red: 2018 hatte die Schweiz 166 Weine im Wettbewerb und kam mit 49 Medaillen nach Hause).

Wie sehen Sie unsere Winzer?

Die Schweizer streben nach Perfektion, im Rebberg wie im Keller.

Warum werden die Resultate erst am 13. Mai vorliegen?

Nach der Verkostung unterziehen wir alle Bewertungen einer statistischen Auswertung. Damit können wir die Tatsache ausgleichen, dass es sehr strenge Verkoster gibt und sehr grosszügige. Durch dieses Verfahren wollen wir die Vertrauenswürdigkeit unserer Medaillenvergabe erhöhen.

Und welche Bedeutung hat der Rebbau in Belgien?

Nur eine anekdotische. Ich denke, gerade dies hat zur internationalen Anerkennung des «Concours» geführt. Wir sind unparteiisch und die Produzenten vertrauen uns. 

Gäste aus aller Welt

Der «Concours» als Schaufenster für die Region

Internationale Tournee

Portugal, Spanien, Luxemburg, China … – seit 2006 findet der «Concours mondial de Bruxelles» immer wieder an anderen Orten statt. Die Kandidatur von Aigle hatte der Stadtpräsident Frédéric Borloz (52) vor drei Jahren bei einem Aperitif zusammen mit Daniel Dufaux (55), dem Direktor von Badoux Vins, aufgegleist. Nun setzt sich ein Komitee dafür ein, den in Leysin VD untergebrachten 350 Weinexperten aus aller Welt die Region und den Schweizer Rebbau im schönsten Licht zu präsentieren. «Das ist eine grosse Chance für uns», betont Dufaux. Winzerbesuche organisiert man auch in den Nachbarkantonen. «Die Reben, der See, das Rhonetal, die Berge – das sind tolle Kontraste», freut sich «Concours»-Direktor Thomas Costenoble.