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REPORTAGE

Down Under – Pratteln

Er hat schon grössere Kellereien gesehen, doch der Coop-Neubau in Pratteln ist für den australischen Winzer beeindruckend. Dass dort «sein» Wein in Flaschen abgefüllt wird, ist auch für die Umwelt ein Gewinn.

26. Mai 2019

Lehmanns Strahlemann: Winemaker Tim Dolan zu Besuch in der modernen Abfüllanlage von Coop.

Red Blend Clancy's

Lob des Landlebens

Der Wein, der neu in Pratteln abgefüllt wird, ist der Red Blend Clancy’s (Fr. 17.50/75 cl), eine Mischung (auf Englisch: Blend) von Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. Der Name erinnert an eine Ode auf das Landleben und den treuen Hirten Clancy, verfasst im 19.Jahrhundert vom australischen Nationaldichter Andrew Barton «Banjo» Paterson (1864–1941). Von ihm stammt auch der Text der inoffiziellen National­hymne Australiens, «Waltzing Matilda».

Der junge Mann wirkt freundlich und zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern. In der Weinwelt ist er ein Star, aber einer ohne Allüren. Tim Dolan (33) ist Senior Winemaker, Winzer mit Erfahrung also, und die Nummer zwei im Önologen-Team der Kellerei Peter Lehmann Wines im südaustralischen Barossa Valley. Auf einer Europa-Tour besuchte er im vergangenen Jahr den Neubau der Coop-Kellerei «CAVE» in Pratteln BL und zeigte sich nach dem Rundgang beeindruckt: «Das ist wirklich die modernste Anlage, die ich bisher gesehen habe!»

Um den halben Globus

Der gute Eindruck hatte Folgen: Der Plan, australischen Wein offen in die Schweiz zu importieren und erst hier in Flaschen abzufüllen, wurde inzwischen verwirklicht. Am 18. Februar ging von Yenda im australischen Bundesstaat New South Wales ein Container mit Flexitank auf die Reise, die ersten 20 Kilometer per Camion, dann mit der Bahn bis Melbourne, wo fünf Tage später das Frachtschiff ablegte.

Quer über den Indischen Ozean, durchs Rote Meer, den Suez-Kanal und das Mittelmeer ging es an Gibraltar vorbei in den Atlantik, schliesslich durch den Ärmelkanal bis zum Zielhafen, dem niederländischen Rotterdam. Sieben Wochen dauerte diese Reise über mehr als 11 000 Seemeilen, umgerechnet rund 20 600 Kilometer. Dagegen war die Weiterfahrt nach Ostern per Rheinschiff und Bahn bis Basel ein Klacks. Anfang Mai erreichte der Container Pratteln. Ökonomisch wie ökologisch ein Gewinn: Hätte man dieselbe Menge in Flaschen importiert, hätte es drei statt einen Frachtcontainer gebraucht.

Der Rest ist Routine – der Wein wird vor und nach der Einkellerung genau untersucht, und wenn nach einer finalen sensorischen und analytischen Prüfung alles in Ordnung ist, gibt ihn der Kellermeister frei zur Flaschenfüllung. Nach einer Ruhepause – bei Rotweinen vier bis acht Wochen – kommt der Wein in die Coop-Läden.

Passion in dritter Generation

Auch Tim Dolan ist schon viel in der Welt herumgekommen. Die Leidenschaft für den Beruf bekam er quasi in die Wiege gelegt: Sein Grossvater und sein Vater waren renommierte Winemaker im Barossa Valley, als Schüler verdiente Tim sein Taschengeld mit Hilfsarbeiten auf dem Weingut. Später studierte er Önologie in Adelaide, sammelte Erfahrung in Weinbauregionen wie Kalifornien (USA) oder im italienischen Barolo und kam 2011 ins Lehmann-Team. «Rund 140 Weinbauern liefern ihre Ernte an unsere Kellerei», erzählt Dolan bei seinem Besuch in Pratteln, «und gut 60 Prozent der Produktion gehen in den Export.» Die gesamte Produktion liegt durchschnittlich bei 5,4 Millionen Litern Wein pro Jahr.

Im vergangenen November durfte Dolan in Australien an einem begehrten Lehrgang teilnehmen, bei dem jedes Jahr zwölf Hoffnungsträger der Branche eine Woche lang unter der Anleitung erfahrener Experten ihr Wissen und ihre Fähigkeiten vertiefen können. Unter anderem bei der Verkostung exklusiver Weine: Höhepunkt war ein roter Burgunder, ein 1952er Domaine de la Romanée-Conti Échezeaux. «Einfach unglaublich, wie schön und einwandfrei dieser Wein über mehr als 60 Jahre gealtert ist», erzählte Tim Dolan, nachdem er den Lehrgang als Jahrgangsbester abgeschlossen hatte.

Neues Transportverfahren spart Gewicht

Der Flexitank steht dem Edelstahltank in nichts nach

Bildquelle: maritima.com

Dass die Coop-Kellerei «CAVE» in Pratteln BL Weine aus Übersee in Flaschen abfüllt, ist nichts Neues. «Das machen wir schon seit vielen Jahren», erklärt «CAVE»-Leiter Reinhard Vögele (48). «Doch früher war das viel aufwendiger, da wir die Tankcontainer anschliessend leer ins Ursprungsland zurückschicken mussten.» Neu kommt der Wein in sogenannten Flexi­tanks, die in Standard-Container eingehängt sind – vergleichbar den Bag-in-Box-Behältern für Süssmost und andere Getränke, nur viel grösser. Gegenüber den herkömm­lichen Edelstahltanks lässt sich analytisch wie sensorisch kein Unterschied feststellen. Die Standard-Container lassen sich danach zum Transport beliebiger anderer Güter nutzen.

Wie lange dauert die Seereise von Melbourne nach Rotterdam? Welche Route schlagen die Tankcontainer ein? Finden Sie es heraus auf der interaktiven Seekarte.