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Goldrausch

Während wir uns noch am ersten zaghaften Grün erfreuen, ist im Süden Spaniens die Mispelernte bereits in vollem Gang. Die saftigen Frühlingsboten kommen aus den Obstgärten im hügeligen und wasserreichen Hinterland der Costa Blanca.

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Biel Aliño
08. April 2019

Rezept für Mispel-Mus hier downloaden

Vor wenigen Wochen fegt in der Schweiz noch Schneeregen durch die Strassen. Zur selben Zeit leuchten rund um die spanische Gemeinde Callosa d’en Sarrià, wenige Kilometer nördlich des Badeorts Benidorm gelegen, schon die ersten reifen Früchte golden aus den Mispelbäumen. Um präzise zu sein: Dort unten im Süden ist es die Japanische Wollmispel (Eriobotrya japonica), nicht die Echte Mispel (Mespilus germanica), welche hierzulande gedeiht. Innerhalb der weitverzweigten Familie der Rosengewächse gehören aber beide zur selben Sippe der Kernobstgewächse, ebenso wie Apfel, Birne oder Quitte.

Vor gut 200 Jahren von Händlern aus Asien mitgebracht, wird die Wollmispel heute auch im Mittelmeerraum kultiviert. In Spanien heissen die Früchte «Nisperos». Die aus Callosa sind besonders saftig und dafür berühmt. Zwei kleine Flüsse, Algar und Guadalest, versorgen die Region reichlich mit Wasser. Die Vermarktung der Früchte – gut zehn Millionen Kilo pro Jahr – besorgt die Genossenschaft Ruchey, in der rund 2500 Bauern zusammenarbeiten. «Die Hälfte der Ernte exportieren wir nach Italien», sagt Juan Vilaplana (64), Handelsdirektor der Genossenschaft. «15 Prozent nimmt der spanische Markt und zehn Prozent Portugal.» In die Schweiz exportiert Ruchey bislang etwas weniger als ein halbes Prozent.

Handarbeit im Obstgarten …

 Zum Schutz der Früchte vor Wind und Wetter spannen die Bauern Netze über ihre Obstbäume.  

Mitten in seinen Bäumen, an einem stotzigen, terrassierten Hang, treffen wir Salvador Solbes (52), einen der Genossenschafter. Bauern waren sie in der Familie schon immer, erzählt er, sein Vater ebenso wie dessen Vater. Der «Avi», also der Grossvater, hatte allerdings noch Apfelbäume und Artischockenfelder. Später stellten sie den Betrieb um auf Südfrüchte: Orangen, Zitronen und Mandarinen. Heute hat Salvador fünf Hektar mit Mispel- und einen Hektar mit Avocadobäumen. Zur Erntezeit beschäftigt er etwa ein Dutzend Saisonniers. Darunter Martial Iriarte (35) aus Bolivien, der schon seit 14 Jahren immer wieder für knapp ein halbes Jahr hier arbeitet. Sorgfältig pflückt er die Mispeln, ohne sie zu berühren, indem er den Stiel knickt. «Sie sind empfindlich», sagt er und zeigt auf den mit Schaumstoff ausgepolsterten Korb, in dem er die Früchte sammelt.

Salvador reicht eine Mispel zum Probieren. Er hat sie zuvor geschält – was man eigentlich nicht muss – und schaut erwartungsvoll. In Farbe und Festigkeit erinnert das Fruchtfleisch an Aprikosen. Doch die Mispel hat viel mehr Saft, der Geschmack ist fein süss-säuerlich. Ihren Beinamen «frutta della bellezza», Frucht der Schönheit, verdankt sie wohl ihrem relativ hohen Gehalt an Kalium und Vitamin A. Zudem hat die Mispel im Schnitt weniger als 50 Kalorien pro 100 Gramm.

Die Bäume auf diesen Terrassen hat Salvador Solbes vor vier Jahren gepflanzt. Jetzt sind sie etwas mehr als mannshoch und im vollen Ertrag. «Da wir sie jedes Jahr zurückschneiden, bleiben sie lange leistungsfähig», erklärt Salvador. «Sie können bis zu 50 Jahre alt werden.» Zudem wachsen die Bäume dadurch nicht in die Höhe. Martial braucht zum Ernten nur eine Art Spazierstock, mit dem er die höheren Äste vorsichtig zu sich herabzieht. 

… und beim Sortieren

«Viele unserer Saisonniers kommen paarweise», erzählt Juan Vilaplana später in der Zentrale von Ruchey. «Die Männer arbeiten draussen in den Obstgärten als Pflücker, die Frauen sortieren die Früchte hier in der kühlen Versandhalle.» Auch das ist reine Handarbeit. Jetzt, zu Beginn der Ernte, schafft das Manoli Guardiola (52) noch fast alleine. Etwa 1000 Kilogramm Mispeln bringen die Bauern Mitte März pro Tag zur Genossenschaft. Wenige Wochen später werden es auf dem Höhepunkt der Saison an guten Tagen eine halbe Million Kilogramm sein – dann braucht es viele Hände. Neben den vier Grössenklassen – auf die höchste entfallen höchstens drei Prozent der Ernte – stufen die Sortiererinnen die Qualität ein. Erst dann schneiden sie den Stiel ab, an dem sie die Früchte gehalten haben, und legen Mispel für Mispel in die Versandkisten.

 Auch das Sortieren und Verpacken ist reine Handarbeit.

Am besten frisch

In der spanischen Küche haben die «Nisperos» keine privilegierte Position, doch sie kommen in vielen Rezepten vor, etwa als Beilage und Füllung von Gebratenem, als Bestandteil von Kuchen und Torten oder als Konfitüre, die gut zu Manchego-Käse passt. Als lokale Spezialitäten gibt es Ziegenkäse mit Mispeln, Mispel-Bier, Mispel-Gin oder glasierte Mispeln. Beliebt sind sie als Bestandteil von Fruchtsalat, denn dort kommen Aroma und Saft der Mispel besonders gut zur Geltung. Am allerbesten aber sind sie pur – als ein erfrischender Vorgeschmack auf den Sommer.