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Kulinarik

Hotspot der Weinwelt

Lange Zeit produzierten die Sizilianer fast ausschliesslich Marsala, Massenware oder Verschnittweine fürs Festland. Doch in den letzten 20 Jahren erkannten die Winzer das Potenzial ihrer heimischen Trauben.

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FOTOS
Alessandro Saffo/Schapowalow, Beatrice Thommen, Stockfood, zvg
06. August 2018

Zwischen Meer und Ätna: Reben bei Linguaglossa im Osten Siziliens. Im Hintergrund die Peloritani-Bergkette.


Es war Liebe auf den ersten Schluck. Konzentriert, mit Aromen roter Früchte und reich an harmonischen Gerbstoffen. Während viele vor gut 15 Jahren bei der wichtigsten sizilianischen Traubensorte noch die Nase rümpften, war ich froh, diesen sortenreinen Nero dʼAvola aus dem Hause Firriato mit nur wenigen teilen zu müssen. War er doch dazu auserkoren, nach der traditionellen Vinifizierung noch weitere zehn Monate im Holzfass zu schlummern. 

Neubesinnung im Weinbau

Dass dem Nero dʼAvola in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, verdanken Weinliebhaber unter anderem Kellereien wie eben der Casa Vinicola Firriato oder Cusumano. Sie setzten auf Klasse statt Masse und arbeiteten kontinuierlich an einer Qualitätssteigerung. Sizilien sollte nicht länger nur auf süssen Marsala oder billige Verschnittweine reduziert werden, im Gegenteil. Das grösste Weinbaugebiet Italiens mit seinen 113 000 Hektaren darf, ja sogar muss, stolz auf seine heimischen Sorten sein. Denn die verleihen den Weinen von der Mittelmeerinsel einen ganz eigenen Charakter. Da wäre beispielsweise der Nerello Mascalese, der unter anderem an sonnenexponierter Hanglage auf der Vulkanerde des Ätnas an der Ostküste gedeiht und auf einer Höhe von bis zu 1000 Metern über Meer von den starken Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht profitiert. Die nach dem Nero dʼAvola am zweithäufigsten angebaute Rebsorte bringt dadurch finessenreiche und mineralische Weine hervor, deren Gerbstoffe ausbalanciert sind. All das macht den Wein zum perfekten Begleiter von Risotto, Lamm oder Auberginen-Gerichten.

Ernsthafte Konkurrenz bekommt der Nero d'Avola ausserdem von der Sorte Frappato, die vor allem in der südlichen Provinz Ragusa beheimatet ist. Sie ist verwandt mit dem toskanischen Sangiovese, der  Hauptsorte des Chianti. Der spätreifende Frappato passt mit seiner ausgewogenen Würze und dem überraschend blumigen Aroma hervorragend zu mediterranen Gerichten mit Kreuzkümmel.

Körperreiche Weissweine

Liebesgrüsse aus Sizilien: Krustentier-Risotto, begleitet von einem  Glas Grillo.

Obwohl der Anteil an Rotweinen stetig zunimmt, produziert Sizilien als grösste Weinregion Italiens auf Dreiviertel der Fläche vorwiegend weisse Sorten wie Catarratto, Grillo, Trebbiano oder Ansonica. Aus dem aromatischen Catarratto werden nebst Wein auch Wermut oder Likörwein hergestellt. Der körperreiche Grillo, vermutlich eine Kreuzung aus Moscato und Cataratto, spielte lange ausschliesslich die Hauptrolle im Marsala, bis die lokalen Winzer das Potenzial der Traube entdeckzn. Sortenrein (und in allen Provinzen) ausgebaut passt er mit seiner frischen und mineralischen  Note perfekt zu Vitello tonnato oder einem Risotto mit gebratenen Krustentieren.

Übrigens, nichts gegen Marsala. Sizilien ist untrennbar mit dem Likörwein verbunden. Im Jahr 1773 war er das Zufallsprodukt des Engländers John Woodhouse, der eigentlich Sherry imitieren wollte.

Sizilianisches Feuer

Noch heute ist Marsala ein wichtiger Bestandteil der italienischen Küche. Der Klassiker hier ist sicherlich die süsse Zabaione oder Saltimbocca an Marsala-Sauce. Und wenn wir gerade beim Fleisch sind:  Den kräftigen Nero d'Avola  kombinieren Sie am besten mit einem ebenbürdigen Partner. Ich habe dazu am liebsten klebrige Spareribs oder Lughaniga auf Pantelleria-Linsen. Und natürlich meinen Mann. Mit ihm teile ich gerne. Muss ja, schliesslich habe ich ihn damals (unter anderem) genau mit dieser einen Flasche rumgekriegt.

   

Sizilien im Glas

Sàgana Cusumano Sicilia IGT, 2012

Dunkles Rubinrot, viel reife Frucht, auch Röstaromatik und Mokka. Kräftiges, sehr reifes Tanningerüst und stützende Säure, langer Abgang – dekantieren.

Fr. 28.50/75 cl.

Nur online erhältlich.

Terre Siciliane IGT Catarratto Bromeus, 2017

Reife Fruchtaromatik von tropischen Früchten, Holzfassnote von Vanille und Rauch. Ein Weisser mit Finesse.

Fr. 9.95/75 cl.

In grösseren Läden erhältlich und online.

   

Britta Wiegelmanns Weintipp - Leicht errötend

Dôle Blanche – wieso denn weiss? Eigentlich ist Dôle doch Rotwein. Nun, der Walliser Publikumsliebling existiert auch in einer hellen Variante. Wie sein roter Bruder wird er aus Pinot noir und Gamay gekeltert. Doch der Winzer quetscht die Trauben nur an, bis der Saft austritt. So lässt er den Most einige Stunden ruhen. Während dieser Zeit verleihen die Schalen dem Traubensaft einen Hauch von Farbe. Dann wird der Saft abgepresst und vergoren. Das Resultat ist ein ganz leicht errötender Tropfen – so hell, dass man ihn Dôle Blanche taufte. Der Alia duftet verführerisch nach Erdbeere, zeigt am Gaumen karamelligen Schmelz und erfrischt mit einem Spritzer Kohlensäure. Er ist ein Alleskönnerwein: Kein Gemüse, kein Fisch und kein Grillwürstchen wird ihm widerstehen!

Valais AOC Dôle Blanche Alia, 2017

Preis: Fr. 10.95/75 cl
Herkunft: Schweiz/Wallis
Rebsorten: Pinot Noir, Gamay
Genussreife: bis 2020
Erhältlich: in grösseren Coop-Läden.