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Wein

Unterschätzte Schweizer Weine

Das Urteil des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) war vernichtend: «Als Gott die Schweizer strafen wollte, gab er ihnen Schweizer Wein».

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Illustration Jens Bonnke
29. Oktober 2018

Mondovino-Experte

Peter Keller

Der Genussmensch liebt den Wein so sehr, dass er ihn nicht nur trinkt, sondern auch darüber schreibt.

Weitere Informationen hier: https://www.mondovino.ch/peterkeller

Vielleicht mag der bekennende Bordeaux-Liebhaber zu seiner Zeit mit der Aussage recht gehabt haben. Heute stimmt sie definitiv nicht mehr, denn die Qualitäten der einheimischen Tropfen sind in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Selbst im Ausland hat der Schweizer Wein eine beachtliche Karriere hingelegt, was beispielsweise die (hohen) Bewertungen des amerikanischen Fachmagazins «Wine Advocate» belegen.

Heute will ich ein häufiges Missverständnis ausräumen. Viele glauben, die Weine aus den sechs Anbauregionen des Landes müssten möglichst jung getrunken werden. Exemplarisch der Fall eines Gastes in einem Thurgauer Restaurant, der sich über einen Chardonnay 2015 beklagte: Er wolle lieber einen jüngeren Jahrgang bestellen. Ohne Zweifel: Einfachere Gewächse sollte man ein, zwei Jahre nach der Abfüllung geniessen. Aber die Pioniere, die das helvetische Weinwunder erst möglich gemacht haben, lieferten und liefern langlebige Preziosen. Beispiele gefällig? In der Bündner Herrschaft war Thomas Donatsch der erste Winzer, der seine Pinot-Noir-Weine im Barrique reifen liess. Sie entwickeln erst im Laufe der Jahre ihre Vielschichtigkeit und Komplexität. Im Tessin sind es die Merlots der Deutschschweizer Aussteiger wie Werner Stucky oder Christian Zündel sowie der einheimischen Produzenten wie Zanini oder Gialdi, die Zeit und Geduld erfordern. Oder probieren Sie einmal einen 10- oder gar 20-jährigen Dézaley der Waadtländer Legende Louis Bovard: Der würdevoll gealterte Chasselas bietet aussergewöhnliche Genuss-Momente!

In der privaten Vereinigung «Mémoire des Vins Suisses» sind rund 60 eidgenössische Weine von ebenso vielen Spitzenproduzenten vertreten. Ihre für das Weinland Schweiz repräsentativen Produkte verfügen über ein Lagerpotenzial von mindestens zehn Jahren. Dies zeigen regelmässige, auch der Öffentlichkeit zugängliche Degustationen. Mit dem Merlot Pio della Rocca ist auch das Castello di Morcote aus dem Tessin dabei, das kürzlich den Betrieb von Adriano Kaufmann erworben hatte. Das zuverlässige Gut hat meinen Monatswein für Oktober produziert: Il Rubino Special Edition Peter Keller 2016. Der hält sicher zehn Jahre. 

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