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Wanted: Grünes Reptil im Rebberg

Aigle les Murailles feiert seinen 100. Geburtstag. Leider hat die mit dem Wein verbundene Eidechse den Rebberg verlassen. Aber es wird alles für ihre Rückkehr getan.

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Bassam Jreidi, Clément Rapaz
23. Juli 2018

Sie sind die Eidechsen-Flüsterer: Daniel Dufaux (links) und Pascal Rubin vermissen im Rebberg ihren Botschafter.


Zwei goldene Pins in Form einer Eidechse schmücken die Jacketts von Daniel Dufaux (54) und von Pascal Rubin (55). Dufaux ist Geschäftsführer von Badoux Vins SA, Rubin sein Stellvertreter. Badoux fertigt den Kultwein Aigle les Murailles. Auf dessen Flasche ist eine Eidechse abgebildet. Genauer genommen: eine Smaragdeidechse. Die Etikette entstand 1919 und ist das Werk des hiesigen Malers Frédéric Rouge (18671950). Der Legende nach soll er während eines Spaziergangs durch die Reben einer Smaragdeidechse begegnet sein, so Dufaux. Sie ist ein wichtiger Teil der DNA der Firma in Aigle im Waadtländer Chablais. Die Eidechse ist untrennbar mit uns verbunden, versichern Dufaux und Rubin einstimmig. Eine Studie ergab, dass die Etikette noch immer sehr beliebt ist bei allen Generationen: Die Jungen finden sie originell und vertrauenerweckend, erklärt Rubin.

Zwei Männer, eine Idee

Clément Rapaz ist im Rebberg auf die Suche gegangen nach der Smaragdeidechse und war erfolglos.

Als Daniel Dufaux vor zwei Jahren die Leitung von Badoux Vins übernahm, wollte er wissen, ob es auf der sonnigen, steilen Murailles-Parzelle in Aigle VD noch immer Eidechsen gibt. Die perfekte Ansprechperson fand er an der Fachhochschule Changins in Nyon VD. Clément Rapaz (22), Student in Önologie und Weinbau, hat seine Bachelorarbeit nämlich genau diesem Thema gewidmet. Die Recherchearbeit war wie gemacht für mich: Als Kind wollte ich Reptilien- und Amphibienforscher werden. Doch der Weinbau obsiegte, erklärt Rapaz. Er wird dereinst das familieneigene Weingut in Bex VD übernehmen.

Die Böden sind zu sauber

Fündig wurde er jedoch etwas abseits.

Bei seinen rund 20 Streifzügen durch das Gebiet, wo die Reben des Aigle les Murailles stehen, konnte der Student rund ein Dutzend Smaragdeidechsen beobachten. Dieses Reptil mit dem Namen Lacerta bilineata erreicht eine Länge von 25 bis 32 Zentimetern. Rapaz konnte es am Waldrand rund um die Parzellen aber nicht im Rebberg selbst entdecken. Geschäftsführer Dufaux wagt einen Erklärungsversuch: Leider haben wir es in der Vergangenheit mit der Reinigung der Böden übertrieben. Sprich: Die Reben wurden zu gründlich gehegt. Denn die Smaragdeidechse, die man hierzulande vor allem im Tessin antrifft, benötigt Gras und Hecken für ihre Ernährung. Sie liebt Käfer und Heugümper. Zudem braucht sie Steine, um sich vor ihren natürlichen Feinden etwa Vögel zu verstecken. Deshalb werden wir auf den Wegen Gras anpflanzen und Flächen mit Steinen schaffen, um die Eidechse in den Rebberg zurückzuholen, erklärt Rapaz. Die Arbeiten starten noch in diesem Sommer.

Eine Marke seit den 1950er-Jahren

Die Geschichte des weissen Aigle les Murailles, eines Chasselas, begann wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts. Es handelte sich damals um ein Clos (spezielle Bezeichnung für einen von einer Mauer oder Hecke umgebenen Weinberg). Die Produktion der Parzellen beschränkte sich auf rund 30000 Flaschen. Dieses 1918 durch Henri Badoux vom damaligen Besitzer übernommene Clos wurde in den 1950er-Jahren in eine Marke umgewandelt, um die Produktion zu erhöhen. Dank dieser Überlegung erlangte dieser Wein eine solche Berühmtheit, erklärt Daniel Dufaux. Denn inzwischen werden jedes Jahr eine Million Flaschen weisser Aigle les Murailles etikettiert, was drei von fünf Flaschen aus der Produktion von Badoux Vins entspricht.

Die Firma beschäftigt heute rund 60 Mitarbeitende und bewirtschaftet 100 Hektaren Rebfläche. 80 Prozent der Trauben sind Chasselas, die ausschliesslich für die Vinifizierung des weissen Aigle les Murailles bestimmt sind. Bei den Rotweinen findet man hauptsächlich Pinot Noir.

Den USA missfiel die Echse

Daniel Dufaux, der auch Vorsitzender des Verbands Schweizer Önologen ist, erklärt, dass die kalkhaltigen Böden des Chablais dem Wein seine mineralische Note verleihen. In den letzten fünf Jahren sind ein Rotwein (100000 Flaschen pro Jahrgang), ein Rosé (50000 Flaschen) und ein Sekt (70000 Flaschen) der Marke Aigle les Murailles entstanden. Doch das soll genügen. Das Ziel ist nicht, zig Spezialitäten unter diesem Namen zu kreieren, sagt Pascal Rubin.

Ab September wird im Musée de la vigne, du vin et de létiquette im Château dAigle eine Ausstellung zu Aigle les Murailles gezeigt. Eine Anekdote: In den 1960er-Jahren musste eine Etikette ohne Eidechse für den Export in die USA gedruckt werden. Denn bei den Zöllnern fand der Alligator keine Gnade: Ein derart brutales Tier habe auf einer Weinflasche nichts zu suchen! Heute darf die Eidechse alle Export-Flaschen zieren.

Britta Wiegelmanns Weintipp - Kult, warm und weich

Der Deutschschweizer Volksmund nennt ihn liebevoll Eidechsli-Wy: den Aigle les Murailles, einen absoluten Evergreen der Schweizer Weinlandschaft. 1919 gestaltete der Maler Frédéric Rouge das Jugendstiletikett mit der Eidechse, welches bis heute unverändert ist und Kultstatus geniesst. Die Reben wurzeln auf sonnenbeschienenen Terrassen im Waadtländer Chablais, gestützt von alten Mauern. Die erste und bekannteste Version dieses Weines ist weiss. Doch 2013 hob sein Erzeuger, das Haus Badoux, einen roten Bruder aus der Taufe. Diesen lege ich Ihnen heute ans Herz: mehrheitlich aus Pinot Noir gekeltert, duftet er nach dunkler Kirsche und Gewürzen, ist warm und weich, aber auch mit Saft und Kraft.

Chablais AOC Aigle les Murailles Rouge, 2017

Preis: Fr. 21.95/70 cl
Herkunft: Schweiz
Rebsorten: Pinot Noir, Gamay, Diolinoir
Genussreife: bis 2023
Erhältlich: in grösseren Coop-Läden. Auch erhältlich bei Mondovino.