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Wein

Die Ferienweinfalle

Es gibt Dinge, die sollte man aus dem Urlaub nur nach sehr reiflicher Überlegung mit nach Hause bringen. Den herrenlosen Hund. Das Tattoo. Den Ferienflirt. Und: den lokalen Lieblingstropfen.

12. August 2019

Vier Gründe, warum Ferienwein zu Hause anders schmeckt – und warum sie trotzdem nicht darauf verzichten sollten.

Schwören Sie sich auch immer wieder, aus den Ferien keinen Wein mit nach Hause zu nehmen? Und dann passiert es doch: Man sitzt relaxt, gebräunt und mit der Welt im Reinen am Meer, eine leichte Brise streichelt die Haut, die Sonne versinkt filmreif am Horizont, man prostet sich im Weichzeichnerlicht mit dem lokalen Tropfen zu – und hat, so scheints, nie etwas Besseres getrunken. Ganz klar: Der muss mit!

«Wir empfinden Getränke bei blauem Licht als aromatischer.»

Britta Wiegelmann

Eine Woche später im heimischen Aargau. Mit Mühe hat man sich eine ganze Dorade beschafft, das Olivenöl hatte man zum Glück im Koffer, der Tisch ist mediterran gedeckt, auch wenn das Meer nicht ganz so gut zu sehen ist wie in der Woche zuvor. Dann der grosse Moment. Ein Santé auf die Ferienerinnerung, ein tiefer Blick, ein erwartungsvoller Schluck und ... Tja. Warum nur, warum schmeckt der Ferienwein zu Hause nie so wie vor Ort?

Grund Nr. 1: Geschüttelt

2000 Kilometer im womöglich heissen Auto? Abheben und aufsetzen im Flieger? Tun dem Wein nicht gut. Grosse Hitze kann ihn dauerhaft beeinträchtigen. Schütteln hingegen ist nicht ganz so dramatisch, solange man ihm nachher ein, zwei Wochen gibt, um wieder ins Lot zu kommen. Gönnen Sie dem flüssigen Souvenir also etwas Zeit, bevor Sie es entkorken. Dann wird vielleicht doch noch alles gut.

Nr. 2: Prima Klima

Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, die Düfte der Umgebung, dies alles beeinflusst, wie wir Wein wahrnehmen. Sogar das Licht spielt eine Rolle: So empfinden wir Speisen und Getränke etwa bei rotem oder blauem Licht als aromatischer. Nur: Das türkise Meer der Ägäis oder die Würze der provenzalischen Garrigue gehen leider nicht in den Kofferraum. Und so bleibt auch ein Teil des Weingeschmacks in der Ferne zurück.

Nr. 3: Wein-und-Speise-Clash

Nicht umsonst heisst es, was zusammen wächst, passt auch gut zusammen. Ein eindrückliches Beispiel sind chinesische, indische oder thailändische Rotweine. Sie sind oft deutlich weicher und süsser, als es der mitteleuropäische Weinfreund mag. Zur scharfen, würzigen Küche passt das perfekt. Doch zum Entrecôte blamiert man sich episch ...

Nr. 4: Opfer der Romantik

Noch mal zurück zum Sonnenuntergang. Oder in den urigen Keller des lokalen Winzers. Die Szenerie ist so pittoresk, man kann sich gar nicht dran sattsehen! Und genau da liegt das Problem. Denn Bilder wirken hundert Mal schneller und zehn Mal stärker aufs Gehirn als Düfte. Da hat die arme Nase null Chance zur Objektivität.

Ja, und nun? Heisst das etwa, man soll sich das flüssige Souvenir ein für alle Mal aus dem Kopf schlagen? Wir finden: Nein, auf gar keinen Fall. Denn irgendwie gehören doch auch der ungläubige Schock und der Lachanfall zu Hause auf dem Balkon zum jährlichen Ferienritual.