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Wein

Ein Fall für die Nase

Wie oft muss ich den Wein vor dem Degustieren schwenken? Und muss ich ihn nachher wieder ausspucken? Weinexperte Joachim Günther verrät die Dos and Don’ts des Degustierens.

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Heiner H. Schmitt, zvg
03. Juni 2019

Nach dem Degustieren nicht wegkippen: «Wir trinken Wein doch, weil er Freude macht», sagt Joachim Günther. Er leitet die Académie du Vin.

Die klassische Situation an jeder Weinmesse: Ihnen wird eingeschenkt. Sie riechen und nippen ein wenig daran. Der Weinhändler wartet auf Ihr Fazit. Doch dann kommt Ihnen ein selbst ernannter Weinkenner zuvor: «Oooooh, der ist aber mineralisch mit ganz starken Tanninen und etwas dunklen Beeren in der Nase!» Und Sie? Sie sind plötzlich verstummt, weil Sie nicht als Weinbanause dastehen wollen. Weil sie weder Mineralien noch schwarze Beeren riechen, sondern einfach sagen wollten, dass Ihnen der Wein schmeckt.

Der Sinn hinter der Degustation

Dabei müssten gar nicht Sie verstummen. Sie haben alles richtig gemacht. «Beim Degustieren geht es eigentlich nicht darum, möglichst viele Dinge herauszuriechen», erklärt Joachim Günther (56), Leiter der Académie du Vin. Vielmehr müsse man beim Degustieren herausfinden, ob ein Wein den für ihn typischen Kriterien entspreche. «Ein Amarone sollte zum Beispiel eine Rosinen-Schokoladen-Dörrfrucht-Feigen- aromatik aufweisen», weiss Günther. Schmeckt der Wein danach, ist es ein guter Amarone. Im Freundeskreis sei es selbstverständlich in Ordnung, einfach mal zum Spass herauszufinden, welche olfaktorischen Facetten ein guter Roter aufweist.

Schwenken oder nicht?

Aber beginnen wir noch mal von vorne: Für eine Degustation benötigen Sie ein gutes Glas, welches sich gegen oben etwas schliesst, und eine Flasche Wein in der richtigen Temperatur. Wann Sie diese öffnen, spielt keine Rolle. «Riechen Sie zunächst am Wein, ohne ihn zuvor zu schwenken», rät Günther. Denn so rieche man Fehler, wie etwa den berühmten Zapfen, am besten. «Es ist ganz einfach: Wenn der Wein komisch riecht, etwa nach Karton oder Moder, kippen Sie ihn weg!» Zudem kämen die floralen Noten beim ersten Riechen sehr gut hervor.

Danach schwenkt man das Glas ein Mal sanft und riecht daran. Dabei kommen besonders die fruchtigen Noten hervor. Das Glas immer wieder schwenken, tut übrigens nichts für den Wein. Danach nimmt man einen Schluck und schlürft die Flüssigkeit in Richtung Gaumen. «Schlürfen ist tatsächlich sehr wichtig. So kommt viel Luft an den Wein, der Duft kann besser Richtung Nase hochsteigen», erklärt Günther.

«Es ist tatsächlich sehr wichtig, den Wein zu schlürfen.»

Joachim Günther

Und ganz zum Schluss – daran erkennt man laut Günther den wahren Weinkenner – riechen Sie am leeren Glas. Spätestens da erfahren Sie mehr darüber, wie der Wein gelagert wurde, ob im Eichenfass, im Chromstahlfass.

Übrigens: Runterschlucken dürfen Sie den Wein natürlich auch, zumindest wenn Sie im privaten Rahmen degustieren: «Seien wir ehrlich, wir trinken den Wein doch, weil er Freude macht. Da muss man ihn definitiv nicht immer ausspucken.»

So trainieren Sie Ihre Nase

Ob ein Wein nach Karamell, Birne oder frischem Gras riecht, merkt am Anfang vielleicht nicht jeder. «Das kann man aber lernen!», ist Günther überzeugt. Als Training rät er, täglich bewusst an Dingen zu riechen und dabei die Augen zu schliessen. «Erst wenn unser wichtigstes Sinnesorgan wegfällt, aktiviert unser Körper die anderen Sinne.» 

Und was sage ich jetzt zu den selbst ernannten und vermeintlich wortgewandten Weinexperten an der nächsten Weinmes- se? «Am besten seien Sie ehrlich», meint Günther. «Und sagen einfach, ob Ihnen der Wein schmeckt oder nicht. Das ist ja schliesslich das Wichtigste!»

Richtig degustieren lernen Sie am 2-teiligen Coop-Basisweinkurs bei der Académie du Vin (Fr. 185.–)