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Räuschling statt Chardonnay

Das Schöne an der Weinwelt ist die Vielfalt. Unzählige Anbaugebiete in- und ausserhalb Europas, bekannte und fast vergessen gegangene Rebsorten, unterschiedliche Stilistiken: Jeder Geniesser findet das Passende für sich.

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Illustration: Jens Bonnke
20. Mai 2019
Der Genussmensch liebt den Wein so sehr, dass er ihn nicht nur trinkt, sondern auch darüber schreibt.

Der Genussmensch liebt den Wein so sehr, dass er ihn nicht nur trinkt, sondern auch darüber schreibt.

Manchmal verlasse ich die altbekannten Wege von Chardonnay und Cabernet Sauvignon und schaue mich nach spannenden Alternativen um – beispielsweise vor der Haustüre in der Schweiz. Hierzulande werden mehr als 250 Rebsorten auf einer kleinen Fläche von 15 000 Hektaren angebaut. Das ist vermutlich Weltrekord. Von den einheimischen Varietäten hat es mir vor allem der Räuschling angetan. Von den lediglich rund 25 Hektaren, die mit der weissen Sorte angepflanzt sind, befindet sich der grösste Teil im Kanton Zürich. Die Sorte stammt aber ursprünglich aus Deutschland und wurde bereits 1546 möglicherweise unter dem alten Namen Drutsch erstmals erwähnt. ­Räuschling entstand durch eine natürliche Kreuzung zwischen der Gouais Blanc aus dem ­Nordosten Frankreichs und der Savagnin aus dem Osten Frankreichs.

Die besten Resultate ergibt die Sorte, wenn die Erträge bei rund 700 Gramm pro Quadratmeter liegen. Ihr Nachteil: Während der Blütezeit neigt sie zur sogenannten Verrieselung. Dabei werden ungewöhnlich viele Blüten oder kleine Beeren vom Stielgerüst abgestossen.

Was kaum jemand weiss: Die Weissweine verfügen über ein bemerkenswertes Alterungs- und Reifepotenzial. Dies zeigen zumindest die Beispiele des Weinguts Reblaube der Familie Schwarzenbach in Meilen ZH. Der Betrieb zählt zu den herausragenden Räuschling-Produzenten. Dies hatte seinerzeit eine Vertikal-Verkostung von 18 Jahrgängen bewiesen. Das älteste Gewächs stammte aus dem Jahr 1935. Es war zwar oxidiert, aber dank vorhandener Säure noch trinkbar. Erstaunlich gut erhalten waren dagegen die Jahrgänge 1964 und 1967. Die Oldtimer überraschten mit nussigen Noten und präsentierten sich schlank, frisch und angenehm im Trinkfluss. Von den jüngeren Abfüllungen brillierte das Trio 2008/2009/2010.

Warum nicht einmal einen etwas jüngeren Räuschling geniessen? Spezialitäten liegen im Trend und bieten eine abwechslungsreiche Alternative zu Chardonnay, Sauvignon Blanc und Co. Das Weingut Schwarzenbach hat für meine Edition Peter Keller einen hochwertigen, saftigen, spannungsvollen Räuschling 2018 aus verschiedenen Lagen, inklusive der Toplage Seehalden, abgefüllt (Fr. 21.95). Das Jahr rechtfertigt eindrücklich die hohen Vorschusslorbeeren.

www.mondovino.ch/peterkeller