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Resi und die alten Römer

Nachdem Cäsars Legionen 58 v. Chr. die Helvetier besiegt hatten, machten sie es sich auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gemütlich. Dazu brachten sie auch Trauben und Wein mit.

FOTOS
Lucia Hunziker, zvg
02. September 2019

Vindonissa-Winzer Bruno Hartmann mit römischer Tunika und rotem Pallium (Umhang) im Museumsrebberg Remigen AG.

Wie die Römer vor gut 2000 Jahren im heutigen Bezirk Brugg AG gelebt haben, lässt sich auf dem Legionärspfad und im Vindonissa-Museum in Brugg gut nachvollziehen. Im Zusammenhang damit stehen aber auch vier Museumsrebberge in den umliegenden aargauischen Orten Remigen, Oberflachs, Schinznach-­Dorf und Villigen. Dort sind die Anbaumethoden zu sehen, die bei den Römern üblich waren.

In Remigen ist dies der sogenannte Kammerbau: Die Reben ranken dabei an Holzgerüsten, entweder hüfthoch oder so hoch, dass man unter dem Gerüst durchlaufen kann und die Trauben über dem Kopf des Winzers hängen. Der heisst in diesem Fall Bruno Hartmann (60) und ist einer der Initianten des Projekts Vindonissa-Winzer: «Schon in der Schule war ich von der Geschichte unserer Region begeistert», erzählt Hartmann. So war er sofort dabei, als vor über zehn Jahren die Idee der Römer-Rebberge aufkam, auch wenn deren Anlage mit viel Frondienst verbunden war. Als Jungbauer hatte Hartmann 1978 ein Austauschjahr in Dänemark verbracht und beim Freilichtmuseum Vingsted in Jütland Reben gepflanzt. Dass schon die Wikinger der Eisenzeit in diesen Breiten Reben und Wein kannten, hatte man vermutet. 2017 fanden Archäologen Traubenkerne aus lokalem Anbau, die dies bestätigen könnten. Die in Remigen gezeigte Art des römischen Rebbaus kann man übrigens noch heute im Tessin sehen: die Pergola.

Verdünnt, gesüsst, gepanscht

Dass die Römer mancherorts Reben ganz ohne Stützen angebaut haben, zeigt der Museumsrebberg in Villigen. Von Pfählen oder Bäumen gestützt ranken die Reben dagegen in Oberflachs. Und in Schinznach-Dorf schliesslich geht es um die Erziehung am Joch – zwei Pfähle, die mit Stricken, Schilfrohr oder Querlatten verbunden sind. Diese Methode hat schon sehr viel Ähnlichkeit mit den gespannten Drähten, die als Rankhilfe in modernen Rebgärten dienen.

Die Römer tranken den Wein allerdings nicht so wie wir heute. Sie verdünnten ihn meist mit Wasser, würzten ihn mit Kräutern und süssten mit Honig.Auch das Panschen (Vermischen) mit Beerensaft war üblich. Zu diesen Besonderheiten der römischen Weinkultur gibt es in den vier Museumsrebbergen bebilderte Informationstafeln.

«Schon in der Schule war ich von Geschichte begeistert.»

Bruno Hartmann, Winzer

Der Wein, den die beteiligten Winzer heute als «Vindonissa-Wy» vermarkten (u. a. in ausgewählten Coop-Supermärkten der Region), entspricht dagegen ganz den modernen Standards. Eine der Rebsorten, die im «Römer-Wy» enthalten sind, ist aber immerhin eine sehr alte: Die César, benannt nach dem Eroberer Galliens und späteren Imperator Gaius Julius Cäsar, kam vermutlich einst mit den römischen Legionen in die Gegend von Auxerre (F), wo sie heute noch angebaut wird.

Im Süden der Schweiz finden sich ebenfalls frühe Spuren des Rebbaus. Das Walliser Weinmuseum in Sierre verweist namentlich auf eine heute nur noch in wenigen Rebgärten zu findende Sorte, die Resi, französisch Rèze. Bei ihr handelt es sich möglicherweise um einen Nachfolger der «uva raetica», einer Weintraube aus der römischen Alpenprovinz Rätien, die in den Schriften des römischen Gelehrten Plinius des Älteren (23–79 n. Chr.) sowie des Feldherrn und Staatsmannes Cato des Älteren (234–149 v. Chr.) lobende Erwähnung findet.

Spurensuche in der Latrine

Bis heute ist Catos Alterswerk «De agri cultura» («Über den Ackerbau») eine der wichtigsten schriftlichen Quellen zur Geschichte des römischen Rebbaus, erklärt Pirmin Koch (39), der als Archäologe das Projekt der Vindonissa-Winzer begleitet hat. Abgesehen von einem Rebmesser, das bei Nyon VD am Genfersee gefunden wurde, gebe es aber wenig handfeste Nachweise für den Rebbau auf Schweizer Boden in römischer Zeit, sagt Koch. Im Unterschied zu Weinbauregionen in Südfrankreich oder in Deutschland an der Mosel konnte man hierzulande bislang keinerlei Spuren von Rebbergen oder Kelteranlagen entdecken.

Beim Römerfest in Brugg wurde 2010 die erste Ernte mit den blossen Füssen gestampft, so wie schon 2000 Jahre zuvor.

Ochsenkarren mit Weinfass - dieses Relief markiert die Römerrebberge.

Doch die moderne Archäologie wird auch im Kleinen fündig. Traubenkerne können unter Luftabschluss (im Wasser), verkohlt oder mineralisiert über viele Jahrhunderte erhalten bleiben – unter anderem in Latrinensediment, den Ablagerungen antiker Toiletten. Solche Traubenkernfunde in der Schweiz könne man vor allem auf die Zeit ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. datieren, weiss der Archäologe; dies stimmt überein mit der Blütezeit der römischen Herrschaft. Während es bei Importfrüchten wie Feige, Dattel oder Pfirsich später keine Spuren mehr gibt, sind Traubenkerne über die Zeiten hinweg nachweisbar – dies deutet drauf hin, dass die Traube hier tatsächlich angebaut wurde.

Held der Helvetier

Von welchen Rebsorten die Kerne stammen, bleibt im Dunkeln, auch wenn die Forscher heute sogar auf Pollenfunde zurückgreifen können, etwa aus der Gegend am Neuenburgersee. Die Edle Weinrebe (Vitis vinifera) sei schwer zu unterscheiden von der Wildrebe (Vitis vinifera sylvestris), betont Koch.

Die vernichtende Niederlage der Helvetier gegen Cäsars Legionen im Jahr 58 v. Chr. – fern der Heimat bei Bibracte im heutigen Burgund (F) – steht am Anfang des Rebbaus in der Schweiz. Anführer der Helvetier war damals der greise Divico (um 130–58 v. Chr.). Nach ihm ist eine neue Rebsorte benannt, die jüngst an der Forschungsanstalt Agroscope Changins VD gezüchtet wurde.  

 

Aktuelle Veranstaltungen

Grosses Gastmahl – Schlemmen wie die Römer
7. September 2019, 20.30 Uhr, Legionärspfad Vindonissa 5210 Windisch

Sensus-Weinfest
14. und 15. September 2019, Weingut Hartmann 5236 Remigen

 

 

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