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Unwiderstehlich starke Reben

Dank ihrer natürlichen Abwehrkräfte brauchen sie weniger Pflanzenschutz. Das tut dem Ökosystem im Rebberg gut, und darum sind pilzwiderstandsfähige Rebsorten sowie die daraus gemachten neuen Bio-Weine echte Naturtalente.

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Markus Lamprecht
16. September 2019

Erfolg mit resistenten Reben: Bio-Winzer Roland Lenz mit seinem Team im Rebgarten am Iselisberg TG. Hier gedeiht die Cabernet-Jura-Rebe prächtig. Unten im Tal liegt noch der Morgennebel über der Thur.

Hatten Sie schon einmal einen VB 5-02 im Glas? Das klingt so gar nicht nach Burgund oder Toskana. Kein Wunder, bekommen neu- gezüchtete Rebsorten zuweilen die abfällige Bezeichnung «Nümmerliwein». VB 5-02 ging 1992 aus den Kreuzungsarbeiten von Valentin (61) und Silvia Blattner (54) hervor. Ein Elternteil dieser Kreuzung ist Cabernet Sauvignon, und da die Neuzüchtung im Kanton Jura auf der Domaine Blattner in Soyhières entstand, erhielt sie den Namen Cabernet Jura – das klingt gleich viel besser. Tatsächlich überzeugt der Rotwein, den Bio-Winzer Roland Lenz (49) in Iselisberg TG aus dieser Rebe bereitet, auch im Geschmack.

Auf der sicheren Seite

Cabernet Jura ist eine der interspezifischen Rebsorten. So heissen Kreuzungen der europäischen Edelrebe Vitis vinifera mit anderen Vitis-Arten, meist solchen aus Amerika. Widerstandsfähig gegen Pilzerkrankungen (daher auch die Bezeichnung als PiWi-Reben) wie Echter und Falscher Mehltau oder Grauschimmel, brauchen sie viel weniger Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln als die klassischen Sorten. Bei Tests der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil hatten die PiWi-Reben deutlich geringeren Pilzbefall als ein Blauburgunder (Pinot Noir).

In den Rebbergen von Iselisberg bestätigt sich dies: «Während im konventionellen Rebbau bis zu zwölfmal gespritzt wird, haben wir hier nur zweimal behandelt», erklärt Winzer Lenz, «und erst noch mit natürlichen Mitteln wie Backpulver.» Angesichts niedrigerTemperaturen und der Feuchtigkeit – Lenz weist auf den Nebel, der über der Thur liegt – sei es hierzulande nur mit viel Chemie möglich, Rebsorten aus anderen Weinbauregionen zu kultivieren, die es eher warm und trocken mögen.

Geduld bringt Reben

So sieht das auch Valentin Blattner, mit dem Lenz eng zusammenarbeitet. Sein Credo: «Reben müssen sich selber wehren können.» So hat Blattner vor mehr als 30 Jahren begonnen, neue Rebsorten zu züchten. Doch der Weg von der Kreuzung zweier Reben bis zum neuen Wein ist lang und mühsam. «Am Anfang sind es etwa 10 000 Pflänzchen aus einer Kreuzung», weiss Lenz. Die überlässt man sich selbst und der natürlichen Auslese. «Nach drei bis vier Jahren bleiben zwischen 300 und 400, die auf genetische Resistenz getestet werden.» Nur eine Handvoll schafft es bis in den Rebgarten. Erst wenn die Weinqualität der Mikro-Vinifikation in einem 30-Liter-Fass überzeugt, hat die Neuzüchtung eine Chance, auf den Weinmarkt zu kommen. Dies gilt übrigens für PiWi-Weine ebenso wie für Edelreben-Kreuzungen. Hermann Müller (1850–1927) aus Tägerwilen TG hatte schon 1882 die Sorten Riesling und Silvaner gekreuzt. Der wirtschaftliche Erfolg des neuen Weins kam erst mehr als 60 Jahre später – als Müller-Thurgau.

Eine neue Identität

Neben Cabernet Jura und vielen anderen baut Lenz auch die weisse PiWi-Sorte Solaris an, eine Neuzüchtung des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg (D) von 1975. Beide gibts nun als «Naturtalent»-­Weine bei Coop. Winzer Lenz ist überzeugt, dass dies der richtige Weg ist, den Schweizer Rebbau zu erhalten: «Würden wir ganz auf PiWi umstellen, müssten wir auch nicht mehr die Weine der Franzosen oder Italiener imitieren.»