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Wein

Von Reben und Farben angetan

Alice Wiederkehr ist Kellermeisterin der Weinbaugenossenschaft Birmenstorf. Die Liebe zum Wein hat die 34-Jährige eigentlich schon als Kind mitbekommen. Doch erst nach dem Lehrabschluss ist sie mit dem Wein so richtig warm geworden.

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Heiner H. Schmitt
21. Oktober 2019

Die Pinot-Noir-Trauben sind kurz vor der Ernte Mitte September prall am Sonnenhang über Birmenstorf.

Gleich bei der Bushaltestelle Birmenstorf AG, Post – zentraler könnte er nicht liegen, der Weinkeller der Weinbaugenossenschaft Birmenstorf. Vor dem Trottstübli ist Alice Wiederkehr anzutreffen. Hastig entfernt sie einen Kopfhörer aus dem Ohr und schaltet ihren MP3-Player aus. «Hallo!», ruft sie freudig und ein Lächeln tritt auf ihr Gesicht.Hier ist ihr Reich: Seit einem Jahr ist sie Kellermeisterin und für den Wein der Weinbaugenossenschaft verantwortlich. Der Keller liegt unter der Trotte, 57 Winzer liefern hierfür Trauben an.

Die 34-Jährige besitzt auch selber Reben und kennt somit nicht nur die Arbeit im Keller, sondern auch diejenige im Rebberg. Ihre Eltern haben selber Weinbau betrieben, sodass sie und ihre Schwestern schon früh mit der Materie in Kontakt kamen: «Wir durften uns um eigene Reben kümmern und nach der Lese unsere Trauben an die Genossenschaft verkaufen.»

Als sie sich auf Lehrstellen-Suche begab, kamen für sie zwei Bereiche infrage: Winzerin oder Malerin. Sie widmete sich drei Jahre lang dem Weinbau, jeweils ein Jahr absolvierte sie in Würenlos AG, Zeiningen AG und in Stäfa ZH. Wein habe sie damals aber nicht gerne getrunken, «die Degustations-Einheiten waren immer unangenehm für mich», erinnert sie sich.

Bis zu 60 000 Kilogramm Trauben

Nach der Lehre konnte sie einige Aren im Rebberg pachten, eine Stelle als Winzerin in der Region konnte sie nicht finden: «Ich hätte in die Romandie oder ins Ausland gehen müssen.» Da sie nicht weggehen wollte, entschied sie sich für eine weitere Lehre als Malerin. Nebenher kümmerte sie sich um ein paar eigene Reben und diejenigen der Familie. Überraschend kam für sie die Anfrage des Vorstandes, ob sie nicht Kellermeisterin der Genossenschaft sein wolle. Nun sind ihre Tage ihren zwei Leidenschaften gewidmet: Vormittags ist sie im Rebberg oder im Weinkeller, nachmittags arbeitet sie im Labor eines Lackherstellers. «Meine zwei Berufe haben gar keine Parallelen», sagt sie inmitten der reifen Trauben im Rebberg und schmunzelt. Mittlerweile wacht sie über 35 Aren mit Pinot-Noir-Trauben. Nach der Lese verarbeitet sie bis zu 60 000 Kilogramm Trauben. Für eine Flasche à 7,5 dl Wein bedarf es eines Kilogramms Trauben. Und Wein trinkt sie mittlerweile auch gerne: «Ich unternehme Blinddegustationen mit Freunden aus der Genossenschaft.» Bis zu 20 Weine werden da pro Abend verkostet.

Der Fortschritt des Weines wird von Alice Wiederkehr im Keller immer wieder überprüft.

Im hinteren Teil des Rebbergs deutet sie auf einige Reben. «Diese werde ich bald ersetzen», erklärt sie. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Stöcke morsch und verwinkelt sind. Sie tragen kaum Trauben, haben wohl schon 40 oder mehr Jahre auf dem Buckel und sollen neuen Reben weichen. Wiederkehr will gerne auf eine Piwi-Sorte setzen. Diese sind widerstandsfähig gegen Pilzerkrankungen und brauchen weniger Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln als die klassischen Sorten. Doch zuerst geht es mit der Lese los, die schönste Zeit des Jahres. «2019 könnte trotz Frost gut werden, denn der Sommer war bei uns sonnig und warm», fachsimpelt Wiederkehr und lässt den Blick vorfreudig über den Rebberg schweifen. 

Birmenstorfer Pinot Noir Classique, 2017

Preis: Fr. 15.80/75 cl
Rebsorte: Pinot Noir
Charakter: rubinrote Farbe. In der Nase herrliche Frische, frische Beeren im Mund.
Erhältlich: in den Coop-­Läden der Region.