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Wein

Rebenmütter

In Rebgärten und Weinkellern sind Frauen immer noch die Ausnahme. Doch die Weinwelt ist in Bewegung – das zeigt der Film «weinweiblich». Die Dokumentation über die Entstehung des 2018er-Rieslings bei vier Winzerinnen in Deutschland kommt nächsten Frühling ins Kino.

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Frames2art.com
26. August 2019

Der Winzer ist ein gemütlicher, älterer Herr, wohlbeleibt mit Lederschurz und roter Nase – nur ein Klischee: Bei internationalen Weingütern bestimmen heute Managertypen, was auf den Markt kommt. Selbst kleine Familienbetriebe lassen den Nachwuchs in Betriebswirtschaft ebenso ausbilden wie in Önologie. Und immer öfter sind es in der nächsten Generation die Frauen, die in Rebberg und Weinkeller das Sagen haben. 

Wie sie diese Aufgabe angehen, zeigt der Dokumentarfilm «weinweiblich», eine Langzeitbeobachtung in deutschen Weinbauregionen. Fast zwei Jahre hat das Filmteam um Autor Christoph Koch (52) vier erfolgreiche Winzerinnen bei der Produktion eines Rieslings begleitet, von der Auswahl der Reben bis zum Abfüllen. Dafür, dass sie bei diesem aufwendigen Projekt mitmachten, stellten die Frauen aber eine Bedingung: Der Co-Autor des Films, der renommierte britische Weinkritiker Stuart Pigott (59), musste selbst auch einen Riesling machen. Zum Finale des Films – dieser Dreh steht noch aus – wird eine Jury mit Pigott die Weine in einer Blindverkostung bewerten.

Jung, dynamisch, weiblich

Ein Weinfilm – davon habe er schon seit Langem geträumt, erzählt Koch, aufgewachsen in Rheinhessen, einer der zentralen Weinbauregionen Deutschlands, die sich linksrheinisch von Worms bis Bingen erstreckt. «Als ich die Winzerin Eva Vollmer kennenlernte, war sofort klar, dass es ein Film über die Frauen in dieser immer noch von Männern geprägten Welt wird», erzählt der Filmemacher.

Kein Wunder: Die Energie der promovierten Önologin und ihre Faszination für den Wein sind ansteckend. Seit der Übernahme vor gut zwölf Jahren hat Eva Vollmer (37) den elterlichen Betrieb im Süden der alten Bischofsstadt Mainz steil nach oben geführt. Aus dem reinen Rebbaubetrieb, dessen Most in den Fässern der lokalen Winzergenossenschaft landete, machte sie ein ambitioniertes Weingut. Schon im zweiten Jahrgang wurde sie vom Gault-Millau-Weinführer als «Entdeckung des Jahres» gefeiert. NZZ-Weinexperte Peter Keller (61) rollte ihrem 2017er-Weissburgunder bei Mondovino den roten Teppich aus mit der «Edition Peter Keller».

Australien, Burgund, Wallis

Bekannte Weinfrauen

Sie mischen die Weinwelt auf – erfolgreiche Winzerinnen gibt es nicht nur in Deutschland. Beispiele gefällig? Michelle Geber (34), Australierin mit Schweizer Wurzeln, bekam von ihrem Vater 2016 die Verantwortung für das Weingut Château Tanunda im Barossa Valley. Heute leitet sie auch die Dachgesellschaft des Familienunternehmens. Eines ihrer Vorbilder ist die Chefin des Weinguts Castello Banfi in Montalcino, Cristina Mariani-May (48). Eine höchst begehrte Position im Burgund (F) hat Ludivine Griveau (41): Sie ist Chefönologin des Hospice de Beaune. Lange vor den Winzerinnen von heute brachte die spätere Provins-Chefönologin Madeleine Gay (65) ab den 1980er-Jahren frischen Wind in die Walliser Genossenschaft. Und weltweit anerkannte Weinexpertin ist die Britin Jancis Robinson (69).

Wie Eva Vollmer sind auch die anderen Winzerinnen trotz aller Unterschiede hoch motiviert, aus ihren Reben immer das Beste herauszuholen, so auch für dieses Filmprojekt. «Jede einzelne unserer Protagonistinnen ist etwas ganz Besonderes», betont Filmautor Koch. Und erzählt, dass sein langjähriger Kameramann Marco Schulze (51) zu Beginn gar nicht vom Thema Wein überzeugt gewesen sei: «Ich musste ihn dazu überreden, den ersten Drehtag auf Probe mitzumachen.» Es ging in einen Steillagen-Weinberg im Breisgau, Schulze war sofort von der Arbeit gepackt und nahm die Herausforderung an. 

Die Natur führt Regie

Das verrückte Weinjahr 2018 mit dem heissen Sommer brachte das Filmteam ins Schwitzen: «Wir mussten unseren Drehplan den natürlichen Wachstums- und Reifeprozessen anpassen», erzählt Koch, «genauso wie es die Winzerinnen machen müssen.»

Wie die meisten berufstätigen Frauen hat Eva Vollmer neben dem Weingut die Familie zu managen. Ihr Mann Robert Wagner (43), ein ebenso begeisterter Vollblutwinzer, unterstützt sie zwar nach Kräften. Doch wenn eines ihrer Kinder Emil (3) und Klara (5) einen Virus erwischt oder er die geforderte feste Kleidung für den Waldausflug des Kindergartens vergessen hat, muss es doch meist die Mama richten.

In einem der Filmausschnitte, die online zu sehen sind, erzählt Eva Vollmer lebhaft, wie das ganz normale Chaos über sie hereinbricht – und wie sie es bewältigt.

Die Spannung steigt

Kulinarik

Wein in Szene gesetzt

In vielen Büchern spielen Weine eine tragende Rolle. Da passt natürlich ein Glas Rebensaft bestens dazu.

Unverhoffte Leichen, ein lästiges Erbe oder Freunde auf dem Roadtrip: Um Wein ranken sich in Filmen und Büchern viele Geschichten.

Auffällig ist, dass die Frauen zwar nach wie vor eine Minderheit unter den Winzern in Deutschland sind, jedoch bei den Qualitätsweinen einen überdurchschnittlich hohen Anteil stellen, sagt Filmautor Koch. Hat das vielleicht damit zu tun, dass Frauen von Natur aus einen feineren Geschmackssinn haben? «Das spielt eher indirekt eine Rolle», meint er. «Das Wissen um diese Fähigkeit gibt den Winzerinnen ein grösseres Selbstbewusstsein bei ihren Entscheidungen.»Während den Dreharbeiten haben sich die vier Frauen und Stuart Pigott einige Male zum Erfahrungsaustausch getroffen. Wenn es aber an die Degustation geht, ist jede und jeder auf sich allein gestellt. Die Arbeit einer so langen Zeit auf dem Prüfstand zu sehen, sei mit einer gewissen Anspannung verbunden, sagt Koch, für die vier Winzerinnen ebenso wie für den Weinkritiker. Lässt sich jeder Riesling seinem Ursprung zuordnen? Und macht vielleicht ausgerechnet Pigott den «weiblichsten» Wein? 

Alles noch offene Fragen. Die Antworten liefert der Film «weinweiblich», der in der Schweiz erstmals im Frühling 2020 bei einer NZZ-Veranstaltung mit Peter Keller zu sehen sein wird. 

Vom Glas auf die Leinwand

Die besten Wein-Filme

Mit Filmen ist es wie mit Wein: Es gibt zahllose Experten, die uns sagen, welche wir gut finden sollen. Deshalb teilen wir die herausragenden Weinfilme nicht in ein Ranking ein, sondern in Kategorien. Da sollte für jeden etwas dabei sein.

Für Realisten
«Somm» von Jason Wise (2013). Sommelier klingt für Laien nach einem lockeren Beruf mit Herumreisen und immer mal wieder etwas Wein probieren. Doch um diesen Titel zu erreichen, muss man durch eine eisenharte Prüfung, die auch schon mal gestandene Männer zum Weinen bringt. Ein Dokumentarfilm zum Staunen.

Für Romantiker
«Ein gutes Jahr» (2006) von Ridley Scott. Canary Wharf trifft Provence: Russell Crowe gibt den skrupellosen Börsenhai, der sich vom Zauber und der Ruhe der Provence (und von der schönen Marion Cotillard) spontan zu Ausstieg aus dem Hamsterrad entschliesst. Ein Film zum Dahinschmelzen – mit oder ohne Wein.

Für Zyniker
«Sideways» (2004) von Alexander Payne. Paul Giamatti und der herrlich chauvinistische Thomas Haden Church suchen auf ihrem Roadtrip durch die kalifornischen Weinbaugebiete nach Lösung ihrer Beziehungsprobleme, finden aber nur guten Wein – und noch mehr Beziehungsprobleme. Ein Film zum auch mal einen über den Durst Trinken.

Für Nostalgiker
«Das Geheimnis von Santa Vittoria» (1969) von Stanley Kramer. 1200 Einwohner und 1'184'611 Weinflaschen: Das ist das italienische Dorf Santa Vittoria, das seine abgefüllten Schätze im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis versteckt – angeführt vom durchgeknallten Bürgermeister Anthony Quinn. Ein Film zum Feiern.

Für Hippies
«Bottle Shock» von Randall Miller (2008). Ein Brite fährt nach Kalifornien, um zu beweisen, dass amerikanische Hippies unmöglich so guten Wein machen können wie die Franzosen. Klingt wie ein Witz, basiert aber auf wahren Begebenheiten in den 70er-Jahren. Ein Film mit Alan Rickman und Chris Pine zum sich köstlich Amüsieren.

 

Eva Vollmer bei Coop

Weissburgunder 2017, Weingut Eva Vollmer, Edition Peter Keller

Preis: 19.95/75 cl
Herkunft: Deutschland/Rheinhessen
Rebsorte: Pinot Blanc
Genussreife: bis 2021
Nur online erhältlich unter: www.mondovino.ch