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Recycling-Design ist sexy

Die Freitags machen aus Lkw-Blachen Taschen. Sechs Walliser Gymischüler stellen nun aus Feuerwehrschläuchen Etuis her und proben das Unternehmer-Sein.

FOTOS
Photo-Genic.ch, Olivier Maire
01. Juli 2013

Der erste Schritt ist das Zuschneiden der Feuerwehrschläuche: Alexandra Brunner an der Arbeit. Yvonne Karlen: Die Jungen sind top motiviert. Näharbeiten erledigen Profis. Laura Zurbriggen kontrolliert das Ergebnis.

Yvonne Karlen: Die Jungen sind top motiviert.

Näharbeiten erledigen Profis.

Laura Zurbriggen kontrolliert das Ergebnis.

Reportage

CEO Laura Zurbriggen zeigt die Handyhüllen, aus alten Feuerwehrschläuchen gefertigt.

Am Anfang eines Projekts steht immer die Idee. Das war auch bei uns nicht anders, erzählt Laura Zurbriggen, CEO des Miniunternehmens ignea. Diese Idee war allerdings noch etwas vage: Anfangs war eigentlich nur klar, dass wir etwas recyceln wollten, sagt die junge Frau. Etwas Umweltfreundliches sollte es sein, ergänzt Florian Welschen, und natürlich musste es Anti-Mainstream sein, lacht Frédéric Kluser. Im September 2012 hatten die sechs Schülerinnen und Schüler des Kollegiums Spiritus Sanctus in Brig ihr Unternehmen ignea gegründet. Ignea verarbeitet alte Feuerwehrschläuche zu Handyhüllen und Schreib-etuis. Für diese Firmenidee sind Alexandra Brunner, Raphael Summermatter, Laura Zurbriggen, Frédéric Kluser, Kilian Frankiny und Florian Welschen mit dem Coop-Nachhaltigkeits-Award und mit dem Most Potential Startup-Award ausgezeichnet worden. Nie hätten sie mit diesem Erfolg gerechnet und nicht schlecht gestaunt, als sie sich auf der Liste der Bestqualifizierten wiedergefunden haben, erzählen die Jungunternehmer. Die Unternehmensgründung und -führung war ihre Maturarbeit.


Das Team hinter ignea: v.l. Kilian Frankiny, Laura Zurbriggen, Frédéric Kluser, Florian Welschen, Alexandra Brunner und Raphael Summermatter.

Die sechs Schülerinnen und Schülersind alle mit dem Wallis verbunden. Hier sind sie aufgewachsen und zur Schule gegangen und hier möchten sie eigentlich auch bleiben. Weil ignea auf Lateinisch feurig bedeutet, aber auch leidenschaftlich heis-sen kann, passte der Name perfekt zu den Feuerwehrschläuchen und dem Enthusiasmus der Jugendlichen. Nicht alle ausgedienten Schläuche entsprachen den Vorstellungen der Jungunternehmer. Viele hatten Brandblasen oder keine schöne Farbe, erzählen sie. Fündig wurden sie schliesslich bei Feuerwehren aus der Region. Als Produzent, der auch die nötigen Maschinen zur Verarbeitung von Feuerwehrschläuchen hat, fanden sie die Sattlerei Karlen Swiss in Törbel. Bei einem ersten Treffen habe man nicht nur den Produzenten, sondern auch gleich den Wirtschaftspaten gefunden, erzählt das ignea-Team. Die Sympathie war offenbar gegenseitig. Yvonne Karlen empfand die jungen Unternehmer von ignea als top motiviert. Sie hat auch Erfahrung mit YES-Unternehmen: Das ist schon die dritte Klasse, die wir betreuen, erzählt sie. Meist haben die jungen Leute eine Beziehung zum Dorf und wir helfen gerne. Der 1951 gegründete Traditionsbetrieb fertigt vorwiegend Taschen aus alten Militärwolldecken, alten Postsäcken und alten SBB-Sitzbezügen. Yvonne Karlen hat uns gezeigt, wie man die Stoff- und Gummiseite eines Schlauches verwenden kann, erzählt Zurbriggen. Die Schläuche werden von den Jugendlichen zugeschnitten, gewaschen und sortiert. Auf die Rohmaterialien stickt die Firma Classic Textile AG in Interlaken das ignea-Logo. Die eigentlichen Näharbeiten übernimmt die Sattlerei Karlen, und beim Stanzen der Stoffe wird sie tatkräftig vom ignea-Produktionsteam unterstützt.

Bis heutehat das Unternehmen drei Feuerwehrschläuche zu 250 Handyhüllen (Verkaufspreis 36 Franken und Schreibetuis (46 Franken) verarbeitet und damit einen Gewinn von 2000 Franken erwirtschaftet. Im Preis einkalkuliert sind der Aufwand für Produktion, Löhne und Werbung. Zudem gehen zwei Franken von jedem verkauften Produkt an ein Hilfswerk für Kinder mit einer Behinderung. Wer noch ein solches Produkt will, muss sich aber sputen, denn weitergeführt wird das Unternehmen vermutlich nicht, auch wenn es sich unter Umständen sogar lohnen würde. Aber die sechs Schülerinnen und Schüler schreiben nächstes Jahr die Matur und haben keine Zeit mehr für ignea was laut YES-Organisation auch nicht die Absicht ist. Vielmehr gehe es darum, den jungen Leuten die wirtschaftlichen Zusammenhänge näher zu bringen.

Mit ihren Handyhüllenund Schreibetuis vertreibt ignea ein schönes, nachhaltiges Produkt, sagt Noemi Mariacher, zuständig für den Coop-Nachhaltigkeits-Award. Entscheidend für die Preisvergabe sei auch die nachhaltige Lieferkette gewesen. Fast alle Materialien kommen aus dem Wallis, und dort wird auch das meiste produziert. Nachhaltigkeit sei ihnen auch im eigenen Leben wichtig, sagen die jungen Unternehmer. Das ignea-Projekt habe sie noch näher zusammengebracht. Es war nicht immer nur einfach, die Ausarbeitung des Businessplanes und der Zeitfaktor haben uns zeitweilig schon Kopfschmerzen gemacht, erzählt Zurbriggen. Wir haben aber einen guten Einblick in die Wirtschaft bekommen und gemerkt, was es heisst, erlernte Theorien in der Praxis anzuwenden, bestätigt Alexandra Brunner. Kein Wunder, wollen alle nach der Matur Wirtschaft studieren mit Ausnahme von Kilian Frankiny: er will Profiradfahrer werden.

www.ignea.ch

YES

www.young-enterprise.ch

Nachhaltigkeit