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Fragen als Kunstprojekt: Sind Sie ein guter Schweizer?

Zwei Künstler wollen im Juli die Befindlichkeit der Schweiz ergründen. Das versuchte man schon einmal, 1964 im Rahmen der Expo in Lausanne. Damals wurde das Ganze zum Skandal.

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Keystone, Blackstone, Prisma, zVg
30. Juni 2014

Worin ist die Schweiz ein Vorbild für andere Nationen? Kann man ein guter Schweizer sein, wenn man niemals abstimmen geht? Welches ist die Hauptaufgabe der Schule?

Kann man ein guter Schweizer sein, wenn man niemals abstimmen geht?

Welches ist die Hauptaufgabe der Schule?

Reportage

Kann man ein guter Schweizer sein, wenn man keinen Militärdienst leistet? Oder wenn man nie abstimmen geht? Diese und viele andere Fragen sollen möglichst viele Schweizerinnen und Schweizer beantworten. Die Volksbefragung Point de Suisse haben Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger alias Künstlerduo Com&Com inszeniert. Sie nehmen damit eine Idee auf, die an der Expo64 in Lausanne schon einmal umgesetzt wurde. Heute lächeln wir über solche Fragen, doch vor 50 Jahren fand das vor allem der Bundesrat gar nicht lustig. Er liess erst die Fragen entschärfen und verhinderte schliesslich die Publikation der Ergebnisse ganz. Zu heikel schien ihm der zum Ausdruck gebrachte Zeitgeist. Die Zensur fand den Weg in die Presse und wurde als Affäre Gulliver bekannt. Der Lausanner Soziologieprofessor René Levy begleitet die heutige Volksbefragung wissenschaftlich. Was er schon mal versprechen kann: Dieses Mal werden die Resultate nicht vernichtet!

René Levy, Professor für Soziologie, Uni Lausanne.

Coopzeitung: Was ist ganz generell die Absicht hinter der Volksbefragung?
René Levy: Es ist vor allem ein Kunstprojekt, das 50 Jahre später diese Befragung des Projekts Gulliver wiederholen will. Es wird interessant sein zu sehen, wie die Schweiz ein halbes Jahrhundert später aussieht.

Die Ergebnisse einer Vergleichsgruppe sind ab 1.Juli öffentlich. Sind die Antworten konformer als vor 50 Jahren, oder leben wir in einer freieren Schweiz, als sie es noch 1964 war?
Auf jeden Fall das Zweite. Die Schweiz ist heute klar freier, was Politdebatten und die Meinungsäus-
serung angeht. Man darf nicht vergessen: 1964 waren wir mitten im Kalten Krieg. Ansichten, die konservative Geister früher schockierten, sind heute angekommen, auch wenn die meisten Themen nach wie vor kontrovers beurteilt werden.

Was hat Sie persönlich erstaunt oder überrascht?
Wenn man schon so lange forscht, wie ich es mache, sollte man einigermassen im Bild und nicht mehr erstaunt sein über die Ergebnisse solcher Befragungen. Aber es sind doch einige bemerkenswerte Dinge zum Vorschein gekommen. Zum Beispiel hat ein erstaunlich hoher Anteil der Schweizerinnen und Schweizer zugewanderte Grosseltern, sie sind also Kinder der Einwanderung in zweiter oder dritter Generation. Die Schweiz ist heute ein Einwanderungsland wie die USA. Zudem kommt stark zum Ausdruck, dass sich fast die Hälfte der Bewohner durch keine Partei systematisch vertreten fühlt. Die Leute können sich dennoch für Politik interessieren, aber sie entscheiden je nach konkretem Thema. Und schliesslich fällt die hohe Akzeptanz der Sterbehilfe und der Abtreibung auf sowie der flexiblen Pensionierung.

Aufgrund ihres Geschlechts fühlen sich 86 Prozent der Männer nie benachteiligt. 35 Prozent der Frauen hingegen fühlen sich zumindest manchmal benachteiligt.
Hier müsste man spontan fragen, warum nur ein Drittel der Frauen? Es ist erstaunlich, dass sich nicht mehr Frauen und nicht noch weniger Männer benachteiligt fühlen. Bei den Männern ist dies vielleicht weniger falsch als bei den Frauen, aber beide Geschlechter werden durch Geschlechtsstereotypen benachteiligt. Als Mann, wenn man zum Beispiel nicht aushandeln kann, die Arbeit zu reduzieren.

76 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind aber sehr oder zumindest eher glücklich. Ein Ergebnis unseres Wohlstands?
Man muss vorsichtig sein mit Interpretationen. Dieser hohe Wert entspricht nicht meinen Erfahrungen, er ist in vielen anderen Ländern tiefer. Man muss sich bewusst sein, dass viele Leute nicht ohne Weiteres zugeben, dass sie nicht glücklich sind. So etwas sagt man nicht einmal Freunden oder dem Arzt gerne. Und erst recht nicht einem anonymen Interviewer. Ich hege Zweifel an diesem hohen Wert.

Was ist in den heutigen Ergebnissen generell anders als vor 50 Jahren?
Direkt übernommen wurde nur die Frage, unter welchen Bedingungen man guter Schweizer sein kann. Die Antwortverteilung ist etwas liberaler als früher, aber die Unterschiede sind nicht umwerfend. Viele Fragen, die damals kontrovers waren, sind es immer noch und sind insofern nach wie vor aktuell.

Was erhofft sich die Wissenschaft von der neuen Volksbefragung?
Viele der wichtigen Themen werden auch in anderen Studien behandelt. Das ist normal, es wäre geradezu komisch, wenn plötzlich völlig neue Sachen auftauchten. Diese Befragung ist ein Animationsinstrument. Schon hinter dem Gulliver-Fragebogen steckte die Absicht, die Leute zum Nachdenken zu bringen, nicht wissenschaftliche Ergebnisse zu erhalten. Darum geht es auch hier.

Point de Suisse

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