X

Beliebte Themen

Familie

Kindertanz: Die unglaubliche Geschichte

Kinder mit Behinderungen tanzen im Ballett Basel: ein nicht alltäglicher Auftritt und eine berührende, aber auch fantastische Geschichte.

TEXT
FOTOS
Ismael Lorenzo, ZVG
04. August 2014

Tanz mit Behinderung und Schalk: Leon (links) und Jack bei ihrem Auftritt auf der Bühne des Balletts Basel.


Bericht

Leon (13) rollt mit seinem Rollstuhl über die Bühne, vor ihm, auf der Fussplatte sitzt Jack (11). Jack hat nur ein Bein, aber zwei Krücken, mit denen er umgeht wie ein Wirbelwind. Die Szene wirkt. Sie wirkt, weil sie so wohl noch nie auf einer Bühne zu sehen war. Und sie wirkt, weil Jack und Leon, das Bubenduo, sie so spielen, wie ihr Lehrer ihnen das beigebracht hat. Und der ist kein Geringerer als Richard Wherlock, Direktor des Balletts Basel. Die nicht öffentliche Aufführung für Eltern und Angehörige ist der vorläufige Höhepunkt eines Projekts, das mit Tanzen, Musik und viel Enthusiasmus zu tun hat. Doch davon später.

Richard Wherlock übt mit den Kindern und Physiotherapeutin Rocio Gonzalez (r.).

Dann tritt Moira (14) auf.Wie eine Elfe gleitet sie über die Bühne. Sie strahlt eine ganz eigene Leichtigkeit aus, obwohl man sieht, dass ihr das Gehen schwerfällt. Ihre Beine brauchen die volle Konzentration, damit sie den Befehlen folgen, ihre Arme kann Moira nicht bewegen. Und dennoch steht sie zusammen mit ihren Freunden auf der Bühne des Balletts Basel, über ihr die Scheinwerfer, vor ihr, im Dunkel des Raums, das Publikum. Der Saal ist voll. Moira geniesst ihren Auftritt.

Selbstverständlich ist die Szene nicht.Was heisst nicht selbstverständlich? Sie ist eigentlich unglaublich: Moira im Scheinwerferlicht auf der Bühne! Das ist für die Schülerin eine ganz spezielle Erfahrung. Mit ihrer Behinderung war Moira in ihrem bisherigen Leben zwar auch auf eine Art ausgestellt, aber auf keine gute. Sie fiel auf durch ihre Behinderung und den unsicheren Gang. Doch jetzt geht sie zum Rhythmus des Monty-Python-Songs Always look on the bright sight of life selbstbewusst über die Bühne. Kostümiert, aufgedröselt und geschminkt wie die Profis.

Moira (Mitte, rotes Kleid) und die Kinder und Jugendlichen der Tanzgruppe UKBB tanzt.

Hinter dieser Wandlungsteht eine Geschichte, die sich unglaublich und fantastisch zugleich anhört. Der Chefarzt Carol Hasler, die Physiotherapeutin und Tänzerin Rocio Gonzalez und der Ballettdirektor Richard Wherlock haben am Rande einer Konferenz eine Idee. Man müsste sie Bieridee nennen, hätte sie nicht derart positiv eingeschlagen. Die drei beschliessen, mit behinderten Kindern Workshops mit Bewegung und Tanz zu veranstalten. Das Projekt erhält rasch die Unterstützung von Conrad Müller, CEO des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB) und von der Stiftung Pro UKBB. Wherlock und Gonzalez beginnen darauf, mit Kindern derneu gegründeten Tanzgruppe UKBB tanzt zutrainieren. In Workshops und später in den Proben formen sie tänzerische Elemente, Bewegungen und Rhythmen zu kleinen Geschichten.

Die sieben Kinder und Jugendlichenzwischen 11 und 15 Jahren, die diese Geschichten vor Kurzem im Ballett Basel aufgeführt haben, müssen ihr Leben alle mit einer Behinderung meistern. Und sie meistern es fantastisch, sagt Richard Wherlock. Er hat am Projekt so richtig Gefallen gefunden.

Sie haben ganz viel an Selbstbewusstsein dazu gewonnen.»

Physiotherapeutin Rocio Gonzalez

Noch zwei Tage zuvorwird in der Aula des Universitäts-Kinderspitals intensiv geprobt. Wherlock zeigt den Kindern, wie sie sich bewegen sollen, welche Mimik und Gestik passen, wie die Abfolge der Aufritte zu erfolgen hat. Auch wenn die Bewegungen nicht ganz so sportlich wirken wie bei Profis das Timing für die ganze Produktion muss stimmen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht zählt Ballettmeisterin Cristiana Sciabordi vor, dann kommt der nächste Einsatz. Gesprochen wird deutsch, englisch und italienisch. Die Sprachenvielfalt ist fast so gross wie die der Menschen, die sich für dieses Tanzprojekt zusammengefunden haben. Ich gebe euch sieben von zehn Punkten, kritisiert Wherlock in der Probe und mahnt, bis zur Generalprobe müsse dies noch besser werden.

Moira und auch die anderen Kinderhaben nicht nur Schritte und eine Choreografie einstudiert. Sie haben ganz viel an Selbstbewusstsein dazu gewonnen, sagt Physiotherapeutin Rocio Gonzalez, die als Fachfrau das Training begleitet. Vom Ergebnis des Projekts sind alle begeistert. Die Eltern der Kinder, die Kinder, die Ärzte und Physiotherapeuten. Ziel war nicht, dass die Kinder ihre Bewegungsfähigkeit verbessern, erklärt Rocio Gonzalez, sie sollten tanzen und Spass haben. Aber es ist eingetreten als Nebeneffekt quasi. Durch die Musik haben sich die Kinder manchmal mehr zugetraut.

Interview

Richard Wherlock, Chef des Balletts Basel.

Coopzeitung: Woher stammt die Idee für das Projekt UKBB tanzt?
Richard Wherlock:Ich war zu einer Konferenz geladen, um über Balance zu sprechen. Der Chefarzt der Kinderorthopädie am UKBB, Carol Hasler, hat mich daraufhin angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, mit behinderten Kindern zusammenzuarbeiten. Wir haben mit Workshops begonnen, um zu sehen, ob es funktioniert, weil ich ja keine Erfahrung mit behinderten Kindern habe. Daraus ist ein Projekt entstanden, das am Ende bis zur Bühnenaufführung ging. Das ist einfach toll.

Wie war die Arbeit mit Kindern?
Ich habe die ganze Palette der Gefühle durchgemacht. Am Anfang war ich euphorisch, dann kam die Krise, ich wusste nicht, wie weiter. Man sagte mir, das sei ganz typisch, weil ich den Schlüssel noch nicht gefunden habe. Am Schluss war ich wieder ganz optimistisch. Die Kinder waren toll. Jedes hat eine wunderbare Persönlichkeit. Wir hatten viel Spass und lachten viel. Das ist wichtig. Natürlich können nicht alle die gleichen Bewegungen machen, wir müssen sie individuell fördern. Aber sie sind ganz stolz.

Könnte Ihr Training eine Ergänzung zu klassischer Physiotherapie sein?
Es hilft sicher auch in der Physiotherapie. Musik macht vieles einfacher, und ich arbeite viel mit Musik aus Chaplin-Filmen. Aber man muss sich auch bewusst sein: Das sind junge Menschen von heute, die wollen lieber das Hmze-Hmze-Hmze. Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass sie alle viel selbstsicherer geworden sind.

Sie arbeiten normalerweise mit Profitänzern. Was war schwieriger, die Tatsache, dass die Kinder keine Tänzer waren oder dass sie eine Behinderung hatten?
Schon die Behinderung. Wir machen ja verschiedene Erziehungsprojekte in Basel. Einmal arbeiteten wir mit 13 Jungs des Gymnasiums. Die hatten so die Stimmung, Scheisse, das wollen wir nicht. Aber wir haben es geschafft. Disziplin war wichtig, dann kann man viel fordern. Bei diesen Kindern war ich begrenzt. Im Ballett versuchen wir ja immer, Perfektion zu erreichen, und hier sind quasi nicht perfekte Körper, die etwas darstellen müssen. Das war eine Herausforderung. Aber die Kinder unterstützen einander, und sie sind clever. Das berührt das Herz.

Haben Sie selber auch profitiert?
Ja. Es ging ja nicht um Ballett, sondern um einen Event. Es hat nichts mit Profitanz zu tun, sondern wir haben mehr mit Accessoires gearbeitet, mussten andere Formen der Darstellung finden.

Was ist ihr Fazit aus dem Projekt?
Wir wollen eigentlich weitermachen und das Projekt ausweiten, denn es bringt den Kindern sehr viel. Wie es konkret weitergeht, muss nun diskutiert werden.

Behinderungen in der Schweiz

Aufgrund verschiedener Quellen wird die Anzahl Menschen mit Behinderungen in der Schweiz auf rund 1,4 Millionen geschätzt, davon hat rund eine halbe Million Menschen eine starke Behinderung, wie das Bundesamt für Statistik ausweist doch auch dieser Wert ist geschätzt.