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Volkswandern: Wandern mit den andern

Eine Volkswanderung für jemanden, der es nicht kennt, klingt schon der Begriff altbacken. Doch die Sache selber ist alles andere als komisch. Ein Plädoyer für das Wandern mit den anderen.

FOTOS
Raja Räubli
12. Mai 2014

Reportage

Startkarte kaufen für zwei Franken fünfzig, und los geht der Volksmarsch von Stempel zu Stempel. Am Ziel wartet schon das Menü Waldfest, Cervelat und Brot.

Sonntag. Winterthur-Töss. Rieterareal. Erwartungsgemäss fahren an diesem Morgen keine Camions durch die grosse Einfahrt. Trotzdem ist seit Tagesanbruch Bewegung auf dem Industriegelände. Die Läufergemeinschaft Neueck Winterthur rüstet sich für den Ansturm der Volkswanderer. Schliesslich soll der 50-Jahre-Jubiläumsmarsch etwas ganz Besonderes werden. Im JJs, wo sich unter der Woche die Rieter-Mitarbeiter verpflegen, sitzt an diesem Frühlingsmorgen auch Familie Kälin aus Wilen, Kanton Schwyz: Carolina und Marcel mit ihren vier Kindern Claudia (15), Cornelia (13), Stefanie (11) und Roger (9) samt Opa Kari Salzmann. Sie trifft man in der Volksmarsch-Saison jedes Wochenende in einer anderen Ecke der Schweiz. Bewegung und Natur, das gefällt uns, freut sich der Grossvater auf die Strecke zwischen Eschenberg und Töss, und betont, dass die ganze Truppe auch bei Regenwetter gekommen wäre. Den Schirm gibts zum Glück heute nicht als Wegbegleiter, sondern nur als Souvenir an den Marsch aber erst beim Zieleinlauf. Und so zieht es die Kälins in ihren orangen Einheits-T-Shirts schon bald von den Stühlen hoch. Jetzt noch schnell die Startkarte für zwei Franken fünfzig lösen. Und dann: Gut Marsch! Man sieht sich nach zehn Kilometern wieder zu Bratwurst mit Böllesauce.

Volkswandern ist total entspannend. Kurzanleitung: Man setze einen Fuss vor den anderen und folge den orangen Klebebändern mit der Aufschrift VSL, Volkssportverband Schweiz-Liechtenstein. Der Name verrät es, hier wird Gutes für die Gesundheit getan. Zentralpräsident Gino Stieger fasst es so zusammen: Wir wandern ohne leistungssportlichen Charakter. Das Beste am Volkswandern ist, dass es keine Altersgrenze gibt. Ja, die Senioren sind stark vertreten, aber am Nachwuchs fehlts. Davon kann auch Daniel Helbling, Präsident der Läufergruppe Neueck, ein Liedchen singen. Gerade der Marsch in Winterthur bietet mit der Streckenführung durch den Wildpark Bruderhaus so viel für Familien! Nebst Blick auf Wolf und Wisent ist der Eschenberg, der Hausberg der Winterthurer, allemal eine Reise wert. Waldwege, kleine Bäche und idyllische Weiher, das hat etwas Märchenhaftes. Musse total eben. Die bei der Wandergruppe Gossau bereits augenscheinliche Entschleunigung setzt bei den Nordic Walkern spätestens bei Kilometer fünf ein.

Am Kontrollposten beim Fussballplatz ist kollektive Pause angesagt. Während die Kicker auf dem Rasen schwitzen, sitzen die Volkswanderer gemütlich auf den Bänken. Im Clubhäuschen warten bereits die Kontrolleure. Startkarten werden ausgepackt und Frieda Hollenstein zückt den Stempel: Für wär? Die Professionellen bekennen Farbe und sammeln dabei Kilometer: Für den Wanderverein Emmen. Diejenigen, die nur für sich oder eben für die Gesundheit laufen, bekommen natürlich ebenso ihren Stempel. Nach dem geschäftlichen Teil wird gegessen. Einen Lunch mitzunehmen, ist auf Volkswanderungen praktisch nie nötig. Entweder man entscheidet sich fürs Menü Waldfest, Cervelat und Brot, oder für Jiklämmts mit diverse Jilage. Die ganz Unkomplizierten entscheiden sich für Brot und Chäs. Beim Kontrollposten trifft man auch auf die weniger Ambitionierten, die den Fünf-Kilometer-Marsch absolvieren. Der gemeinsame Rückweg hält für alle wieder schöne Bilder bereit. Entlang der Töss wirds langsam urbaner, aber nicht minder attraktiv. Man begegnet Vierbeinern, Velofahrern, Kinderwagen und grüsst die Menschen in ihren Gärten. Der Asphalt unter den Füssen kündet das Ziel an. Es riecht fein nach Böllesauce und zufriedener Geselligkeit.

Der finale Stempel wird ins Wander-Erinnerungen-Büechli gedrückt und den roten Jubiläums-Schirm gibts gratis dazu. Bonbonfarben liegen die Flyer der nächsten Wanderungen im Foyer des JJs auf und laden ein, andere Regionen, Dörfer und Landschaften kennenzulernen. Einfach, günstig, familienfreundlich. Volksmarsch, wir kommen wieder und bringen unseren Nachwuchs mit!

Europiade

Ganz Europa schnürt die Wanderschuhe

In der Provinz Vicenza empfängt die Federazione Italiana Sport Per Tutti vom 19.22.Juni 2014 Wanderer aus ganz Europa zu Sport, Kultur, Kunst und Gastronomie. Marostica und Breganze heissen die Austragungsorte des Grossanlasses. Von der Eröffnungsfeier über den Marsch in Rosa, den 42,5-Kilometer-Marathon bis zur Abschlusszeremonie gibt es eine Fülle an Aktivitäten. Zu den Wanderern gesellen sich Mountainbiker, Schwimmer und Nordic Walker, die gemeinsam sportlich aktiv sein möchten. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf den Märschen. Für Anfänger und für Routiniers sind an allen Tagen verschiedene Strecken ausgesteckt. Die pittoresken Städtchen, der gute Wein, die Gastfreundschaft, oder kurz gesagt die italianità, werden die Volkswanderer begeistern. Auch Schweizer Volkswanderer werden mit von der Partie sein. Im September 2015 heisst es dann Ni hao, China! Die 14. Olympiade des Internationalen Volkssportverbandes findet in Chengdu, der Stadt der Pandas, statt.

Mehr Informationen unter: www.vsl.ch

Interview: Gino Stieger

Gino Stieger ist Zentralpräsident des Volksverbandes Schweiz-Liechtenstein.

Es gibt Freundschaften quer durch unser Land»

Gino Stieger

Coopzeitung: Was sind die Hauptaufgaben des Volkssportverbandes Schweiz-Liechtenstein?
Gino Stieger: Der Verband möchte Jung und Alt fürs Wandern begeistern. Wir koordinieren die Wanderungen in Absprache mit den Vereinen und geben einen jährlichen Terminkalender heraus. Darin sind alle Veranstaltungen detailliert aufgeführt. Die Mitgliedsvereine organisieren markierte Wanderungen mit Strecken von 5 oder 10 Kilometern Länge. Im Sommer können es auch mal 20 Kilometer sein. Die Teilnehmer entscheiden, welche Routen sie unter die Füsse nehmen.

Was fasziniert Sie am Volkswandern?
Die Veranstalter bieten jedes Jahr neue Strecken abseits des Verkehrs mit Naturschönheiten und Sehenswürdigkeiten an. Ganz wichtig ist der soziale Aspekt. Wandervereine treffen sich und es bilden sich Freundschaften quer durch unser Land. Wir nehmen es gemütlich, kennen keine Sollzeit. Mitwandern kann man auch ohne Vereinszugehörigkeit. Einfach hingehen und teilnehmen.

Wohin geht der Trend?
Das Volkswandern ist nach wie vor beliebt. 2013 haben über 30000 Personen an VSL-Wanderungen teilgenommen. Wir stellen fest, dass an vielen Veranstaltungen neue Wanderer dazustossen. Sorgen bereitet dem Verband und den Vereinen die Überalterung. Sicher ist eines: Es wird weitergehen, solange sich Freiwillige mit viel Idealismus dafür einsetzen.