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Familie

Gefühle: Im Film und im Gehirn

Was passiert, wenn sie verrückt spielen, zeigt ein neuer Disney-Film. Alain Di Gallo erklärt,wie wir zu unseren Gefühlen kommen.

FOTOS
Disney, zvg
28. September 2015

Der amerikanische Lego-Künstler Nathan Sawaya (hier mit seinem Hugman am Escher-Wyss-Platz in Zürich) hat sich als Zehnjähriger aus Lego einen Hund gebaut weil er keinen richtigen haben durfte. Die Skulptur My boy ist eines von rund 100 Exponaten, die an der Lego-Ausstellung in Zürich zu sehen sind.


Emotionen

Wahrscheinlich empfinden Kinder ab Geburt Neugier, Interesse, Ekel. Alain Di Gallo (54), Direktor und Chefarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel Alain Di Gallo über Kinder: Ein zehn Monate altes Kind kann sich ärgern, aber noch nicht schämen.

Die fünf Hauptrollen in Alles steht Kopf: (v. l.) Sadness, Fear, Anger, Joy und Disgust. Im Gehirn der elfjährigen Riley (hier in ihrer neuen Klasse) sitzen die fünf Emotionen.Diese Woche läuft der Disney- Animationsfilm Alles steht Kopf (englischer Originaltitel: Inside out) in den Schweizer Kinos an. Mit ihm dringen die Zuschauer tief in das menschliche Bewusstsein ein, sehen, wie die Emotionen mit den Erlebnissen eines Kindes umgehen und wie Freude, Kummer, Ekel, Angst und Ärger seine Gefühlswelt steuern. Der Film ist raffiniert gemacht, meint der deutsche Tagesspiegel, weil er uns einen alten Wunsch erfüllt: in den Menschen hineinsehen zu dürfen. Und der Filmkritiker des New Yorker jubelt, der neue Wurf des Animationsstudios sei an Erfindungsreichtum in diesem Jahr wohl nicht zu überbieten. Tatsächlich ist der Film unterhaltend und verblüffend zugleich und der Funktionsweise unseres Gehirns näher, als man von einem Animationsfilm erwarten würde. Die Emotionen sind bei der Geburt nicht vollständig ausgereift in uns Menschen vorhanden. Sie entwickeln sich im Laufe der Zeit, die einfachen wie Neugier, Interesse und Freude zuerst, komplexere wie Neid und Scham später, erklärt Alain Di Gallo (54), Chefarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel. Wie wir empfinden, sei aber immer eine Mischung aus genetischen Anlagen und Lernen.

Interview:

Wahrscheinlich empfinden Kinder ab Geburt Neugier, Interesse, Ekel.»

Alain Di Gallo (54), Direktor und Chefarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Basel.

Alain Di Gallo, woher kommen unsere Gefühle?
Wir Menschen sind sensomotorische Wesen. Das heisst, wir nehmen die Welt über unsere fünf Sinne wahr: Wir sehen, hören, tasten, riechen und schmecken. Zusätzlich erhalten wir Mitteilungen von innen: Hunger, Frieren oder Muskelspannung. Auf diese Reize antworten wir mit einer motorischen Reaktion. Sehe ich etwas, das mir gefällt, wende ich mich dem zu, missfällt es mir, wende ich meinen Blick ab. Fühle ich Kälte, schlottere ich und die Gefässe verengen sich. Zwischen dem Reiz und der Reaktion steht immer ein Gefühl, ein angenehmes oder ein unangenehmes. Schauen wir zum Beispiel zusammen Fussball und es fällt ein Tor, empfinden und handeln wir völlig verschieden, wenn wir nicht zur selben Mannschaft halten. Wir haben aber den genau gleichen Spielzug gesehen. Man geht davon aus, dass Säuglinge schon sehr früh Emotionen wahrnehmen. Wahrscheinlich empfinden sie ab Geburt Neugier, Interesse, Ekel. Ab zwei bis drei Monaten kennen sie Freude, und ab etwa sechs bis acht Monaten Ärger, Trauer und Angst. Eine der ersten Ängste ist wahrscheinlich das Fremdeln.

Warum kommen Gefühle wie Scham oder Schuld erst später?
Schamgefühl setzt voraus, dass ich mich in jemand einfühlen kann und weiss, der beobachtet und bewertet mich. Schuldig kann ich mich nur fühlen, wenn ich die Fähigkeit besitze, mir vorzustellen, dass ich etwas gemacht habe, was jemand traurig macht oder verletzt. Das entwickelt sich erst im zweiten und dritten Lebensjahr.

Woher weiss man das? So kleine Kinder kann man ja noch nicht fragen.
Das ist tatsächlich schwierig. Aber man hat gelernt, Gesichtsausdrücke von Kindern zu analysieren und verschiedenen Emotionen zuzuordnen. Die meisten Studien über Emotionen bei Kindern beruhen auf solchen Untersuchungen.

Wut, Ärger, Enttäuschung setzen voraus, dass ich etwas erwarte, was dann nicht eintrifft. Können sich solche Emotionen schon in frühester Kindheit zeigen?
Ja. Ein zehn Monate altes Kind kann sich ärgern, wenn es einen interessanten Gegenstand, der ausserhalb seiner Reichweite liegt, nicht packen kann. Aber es kann sich noch nicht schämen, weil es sich dafür überlegen müsste, dass die Mutter es beobachtet und vielleicht denkt: Mein Kind ist aber ungeschickt.

Ein Baustoff, den alle kennen

Warum weint ein hungriger Säugling? Nur aus Hunger oder aus Ärger, dass die Brust oder der Schoppen noch nicht da ist?
Es ist wohl beides. Hunger löst ein unangenehmes Gefühl und damit das Weinen aus. Weinen ist seine einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.

Im Disney-Film Alles steht Kopf spielen fünf Gefühle die Hauptrolle: Freude, Trauer, Angst, Ekel und Wut. Sind das eine Art Basis-Emotionen?
Das sind grundlegende Emotionen. Sie gehören zu den frühesten, die ein Kind empfindet.

Lernen Kinder Emotionen?
Gewissermassen und besonders im Gegenüber. Wenn Eltern zum Beispiel mit dem Kind Gugus Dada spielen, jauchzt und lacht es vor Freude. Das löst auch bei der Mutter oder beim Vater ein Lachen aus. Auf diese Weise lernt das Kind die eigenen Gefühle im Gesicht der Eltern, quasi im Spiegel, kennen.

Wir haben alle verschieden ausgeprägte Emotionen. Manche sind ängstlicher, manche näher am Wasser gebaut. Ist das in uns genetisch angelegt oder erlernt?
Auch hier trifft beides zu. Wir bringen genetische Anlagen mit, etwa das Temperament. Es gibt vor, ob wir eher vorsichtig sind oder forsch an Dinge herangehen. Aber natürlich prägen uns auch unsere Lebenserfahrungen und die Art, wie Bezugspersonen und die Gesellschaft mit Herausforderungen umgehen.

Der Draufgänger ist genetisch so veranlagt?
Nicht nur. Ab neun Monaten beginnen Kinder, sozial Rücksprache zu nehmen. Das heisst, in unklaren Situationen schauen sie ihre Bezugsperson an und orientieren sich an deren Blick. Sie können das etwa auf dem Spielplatz beobachten. Ein Kind klettert die Leiter zur Rutsche hoch und wird plötzlich unsicher. In diesem Moment erfolgt sein Blick zur Mutter. Wenn diese zuversichtlich nickt, fasst das Kind Vertrauen und klettert weiter. Verwirft die Mutter aber erschrocken die Hände, hält das Kind sofort inne.

Hört das irgendwann auf, dass sich Menschen am Gegenüber orientieren?
Nein. Das bleibt ein fester Bestandteil von Beziehung und Kommunikation. Auch jetzt, wenn wir miteinander sprechen, orientiere ich mich an Ihnen. Würden Sie die ganze Zeit an Ihrem Handy herumnesteln anstatt mich anzuschauen, wäre ich verwirrt und würde denken, Sie hören mir ja nicht zu, vielleicht interessiert es Sie gar nicht, was ich erzähle. Wenn die Kommunikation zwischen Kindern und Eltern wie eine harmonische zweistimmige Melodie aufeinander abgestimmt ist, ist das enorm entwicklungsfördernd.

Gibt es Menschen, die gefühlskalt sind?
Die Fähigkeit, sich ins Gegenüber einfühlen zu können, ist bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Autistische Menschen haben zum Beispiel grosse Schwierigkeiten, sich auszumalen, wie sich andere fühlen. Manche gewaltbereite Menschen ebenso. Wenn ich Sie unverhofft mit einem Stock bedrohen würde, würden Sie mit Angst reagieren. Ich würde das erkennen und daher vielleicht davon ablassen. Es gibt aber Menschen, die die Angst des Gegenübers nicht erkennen oder sogar als Aggression missdeuten.

Was können Eltern tun, damit sich die Emotionen bei ihren Kindern richtig entwickeln?
Entscheidend ist die Feinfühligkeit. Eine Mutter wird ihr hungriges, schreiendes Neugeborenes nicht warten lassen. Sie wird es sofort stillen oder ihm den Schoppen geben. Wenn das Kind aber mit acht Monaten im Kinderstuhl sitzt und Hunger hat, kann die Mutter es durchaus etwas ablenken und ihm eine kurze Wartezeit zumuten. Feinfühligkeit heisst, sich dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend zu verhalten.

Das erfordert einiges an Wissen.
Die meisten Eltern verhalten sich intuitiv feinfühlig und wissen, was ihr Kind in einer spezifischen Situation braucht. Der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat von der good enough mother gesprochen. Man muss als Eltern nicht perfekt sein, good enough, gut genug zu sein, reicht.

Filmplot

Alles steht Kopf

Sie fragen sich, was in Ihrem Kopf vorgeht? Wer das genauer wissen will, kann in Disney/Pixars neuem Film Alles steht Kopf tief in das menschliche Bewusstsein eindringen und dort eine spektakuläre Achterbahnfahrt durch die Welt der Gefühle erleben. Im Kopf der elfjährigen Riley leisten fünf Emotionen Schwerstarbeit: Angeführt werden sie von Joy (Freude), einer Frohnatur mit viel Temperament und schier unerschöpflicher Energie. Ihr assistieren Sadness (Kummer), ein fülliges blaues Elend, das nicht so recht weiss, was es tun soll; Anger (Wut), ein roter Quadratschädel mit grosser Klappe und einem Hang zum Cholerischen; Disgust (Ekel), eine grüne, raffinierte Diva, die gerne allen alles madig macht; und schliesslich Fear (Angst), ein zaundürrer, netter Kerl, der nur Gefahren sieht. Der Film läuft ab dem 1.Oktober in den Schweizer Kinos!