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Familie

Hochbegabt: Förderung ist wichtig

Schlauberger Kinder werden von ihren Eltern oftmals überschätzt, hat kürzlich eine Studie gezeigt. Nicht diese hier: Ihr IQ liegt nachweislich über 130.

FOTOS
Christoph Kaminski
23. März 2015

Noah giesst Cola in ein Reagenzglas, aufmerksam beobachtet von Kai (rechts) und Rajiv (2. v.r.).


Bericht

Leonardo fragt: Ist das Cola weiss genug?. Er hat in einem Experiment gerade Cola mittels Aktivkohle entfärbt. Schauen Sie, wir haben zwei Schichten: Cola light und Fanta vermischen sich nicht!, jubeln Sebastian und Rajiv. Im Fanta hat es Zucker drin, deshalb ist Fanta schwerer als Cola light. An einem der anderen Tische leert ein Junge versehentlich Kohle aus und färbt Tisch und Boden schwarz ein. Es ist eine ganz normale Versuchsstunde in der Privatschule Talenta an einem ganz normalen Donnerstagmorgen. Zwölf acht- bis elfjährige Schüler experimentieren mit Eifer und Begeisterung. Was sie alle gemeinsam haben: einen Intelligenzquotienten von nachweislich über 130. Wer hier lernt, ist ganz klar hochbegabt.

In meiner früheren Schule war es mir langweilig, weil der Stoff zu einfach war. Diese Langeweile war für mich schwer auszuhalten. Mein Berufswunsch? Sportler.»

Noah, 10

Das ist wichtig zu wissen, denn viele Eltern neigen dazu, ihre Kinder falsch einzuschätzen. Das hat eine holländische Studie letzten Herbst gezeigt. Gemäss dieser Studie überschätzen 80 Prozent der Eltern ihre Kinder. Für die Studie wurden 1700 Eltern in Holland und Amerika befragt. Eine solche Umfrage in der Schweiz käme wohl zu ähnlichen Ergebnissen, sagt Georg Stöckli (64), Leiter der Forschungsstelle Kind und Schule am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Er selber hat schon vor 30 Jahren bei einer Befragung von Eltern festgestellt, dass 90 Prozent der Befragten die Begabung ihres Kindes (kurz vor dessen Schuleintritt) als überdurchschnittlich beurteilt haben. Das holländische Ergebnis ist also weder neu noch besonders originell, sagt Stöckli.

Tatsächlich haben nur etwa zwei Prozent der Bevölkerungeinen IQ von über 130. Weil nicht alle diese Kinder in der Regelschule das richtige Umfeld haben, gibt es die 1998 gegründete Privatschule Talenta, eine von vielen Privatschulen in der ganzen Schweiz. Sie nimmt nur kognitiv hochbegabte Kinder im Primarschulalter auf. Gründer und Leiter der als Tagesschule geführten Schule ist Xaver Heer (59). Das Konzept ist rasch erklärt: Bei uns gibt es keine Lernbarrieren, die Kinder können ans oberste Limit ihrer Fähigkeiten gehen, erklärt Heer. Das bedeutet: Schon 10-Jährige können mit dem Stoff der 6. Klasse fertig sein. Da-rüber hinaus bietet sie viele Vertiefungsangebote. Auch Klassenüberspringen ist normal, nur: Bei uns merken das die Kinder gar nicht, weil die Klassen altersmässig gemischt sind, sagt Heer.

Trotz allem will Heer seine Schule nicht als Talentschmiede verstanden haben. Sein Ziel tönt simpel: Die Kinder sollen wieder Freude am Lernen haben, motiviert in die Oberstufe wechseln und wissen, wie man lernt. Klingt banal, ist es aber nicht, denn viele der Kinder in der Talenta haben einen schwierigen Primarschulweg hinter sich. Manchen etwa fehlten Lern- und Arbeitstechniken, lll lll weil sie noch nie lernen mussten das rächt sich irgendwann in der Oberstufe, sagt Heer.

Meistens bin ich froh, wenn die Ferien vorüber sind, weil ich hier so gerne in die Schule gehe. In meiner alten Schule gefiel es mir gar nicht, ich kam schlecht mit der Lehrerin aus und meine Kollegen waren nicht nett zu mir.»

Anna, 7

Auffällig oder hochbegabt?

Wenn das schulische Umfeld nicht zu den Bedürfnissen hochbegabter Kinder passt oder ihre Begabung nicht erkannt wird, können sie verhaltensauffällig werden, weiss Béatrice Giovannoni (65), Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins Förderung besonders begabter Kinder im Kanton Bern: Sie werden Klassenclowns, Tagträumer, reagieren mit psychosomatischen Beschwerden oder fallen durch aggressives Verhalten auf. Im schlimmsten Fall werden solche Kinder zu Schulverweigerern. Giovannoni erhält rund vier Telefonate pro Woche von ratsuchenden, manchmal verzweifelten Eltern. Ob diese ihre Kinder überschätzen oder sie wirklich hochbegabt sind, kann Giovannoni nur von den 20 Kindern sagen, die 2014 abgeklärt wurden: 16 waren effektiv hochbegabt.

Wie bei allen Beratungsstellen melden sich auch bei Giovannoni mehr Eltern von Knaben. Auffälliges und aggressives Verhalten kommt bei Jungen häufiger vor, erklärt sie. Mädchen hingegen gehen mit Frustration anders um, im Extremfall ziehen sie sich zurück oder können depressiv werden. Dieser geschlechtsspezifische Unterschied widerspiegelt sich auch in der Talenta: Auf ein Mädchen gibt es drei bis vier Buben. Mit Hochbegabung befasst sich auch das Zentrum für Entwicklungs- und
Persönlichkeitspsychologie der Universität Basel. Leiterin Letizia Gauck hat festgestellt, dass viele dieser Kinder einen Teufelskreis aus Langeweile, fehlenden Lernstrategien, schlechten Leistungen und Angst hinter sich haben, weil das Regelschulangebot ihren Fähigkeiten nicht gerecht wird.

Nicht immer lässt sich Hochbegabung leicht erkennen. Ein Knabe kam einst aus einer Sonderklasse für Kinder mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten in die Talenta. Ein Schulpsychologe hatte zufälligerweise dessen hohe Begabung erkannt. Es war der beste Mathematiker, den wir je hatten, erzählt Heer, der in 17 Jahren 250 Kinder unterrichtet hat.

Am besten gefallen mir die Experimente, weil man selber etwas kreieren kann. Ich werde vielleicht zuerst Chemie studieren, aber dann möchte ich Sänger werden.»

Leonardo, 9

Verschiedene Arten der Förderung

Hochbegabung muss jedoch nicht zwingend mit schulischen Problemen einhergehen. Im Gegenteil: Viele Kinder mit hoher Intelligenz sind gute Schüler und haben keine Probleme, weiss Annette Tettenborn (54), Leiterin des Instituts für pädagogische Professionalität und Schulkultur der pädagogischen Hochschule Luzern. Dennoch sei klar: Hochbegabte Kinder brauchen auch Förderung. Es gebe immer noch Lehr personen mit der Haltung: Die haben es nicht nötig, die können es ja schon. Das ist falsch, sagt Tettenborn. Richtig und wichtig sei, genau zu eruieren, wo die Talente sind, und den Kindern dann eine Lernumgebung zu ermöglichen, in der sie ihre Potenziale entfalten können.

Einig sind sich die Experten in einem Punkt: Es muss nicht in jedem Fall eine private Schule für Hochbegabte sein. Die Integrative Förderung, wie sie die Regelschule anbietet, ist eine gute Förderung sofern sie gelingt. Es braucht Lehrpersonen, die genügend Ressourcen haben, um nicht nur die Lernschwachen zu unterstützen, sagt Giovannoni.

Ob Sonderschule für Begabte, Integrativer Förderunterricht in der Regelschule oder spezifische Freizeitkurse entscheidend ist, dass das Lernangebot den Bedürfnissen der Kinder entspricht: Jedes Kind hat das Recht, seinen Fähigkeiten gemäss gefördert zu werden, sagt Gauck und für Giovannoni sind Hochbegabte die kreativen Köpfe von morgen. Es ist daher dringend nötig, dass sie Förderung und Unterstützung bekommen in ihrer Andersartigkeit, und zwar möglichst frühzeitig.

Interview

Hochbegabung: Was ist das überhaupt?

Letizia Gauck (39), Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeits- psychologie

Hochbegabung schlechthin gibt es nicht, sagt Letizia Gauck, Leiterin des Zentrums für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel. Aber hohe Begabungen.

Coopzeitung: Wann spricht man von Hochbegabung?
Letizia Gauck: Die Hochbegabung schlechthin gibt es nicht. Menschen können in unterschiedlichen Bereichen hohe Begabungen haben, im Sport, in der Musik oder im Denkvermögen. In der Forschung spricht man von intellektueller Hochbegabung, wenn jemand in einem Intelligenztest einen IQ von 130 erreicht und somit besser abschneidet als 98 Prozent aller Gleichaltrigen.

Können Eltern ein hochbegabtes Kind erkennen?
Viele denken an Hochbegabung, wenn jemand aussergewöhnliche Leistung zeigt. Begabung und Leistung sind aber nicht dasselbe. Es gibt Kinder, die ihr Potenzial nicht oder noch nicht zeigen können. Checklisten können dazu anregen, auf besondere Begabungen zu achten, insbesondere bei leistungsorientierten Kriterien, aber sie können auch in die Irre führen.

Kann eine Potenzialanalyse schon bei einem kleinen Kind Sinn machen?
Ab etwa sechs Jahren sind die Resultate einer Potenzialanalyse recht stabil. Sinnvoll ist eine Analyse, wenn ein Kind einen unglücklichen Eindruck macht und die Beobachtungen der Eltern und Lehrpersonen auseinanderklaffen. In solchen Situationen kann eine neutrale Einschätzung Klarheit verschaffen.

Welchen Einfluss haben die Gene und die Umwelt?
Etwa 50 Prozent sind genetisch determiniert. Aber Anlagen und Umwelteinflüsse lassen sich nicht trennen, das heisst, je nach Umfeld können die Kinder ihre Fähigkeit
entwickeln. Ein hohes Potenzial führt nicht automatisch zu herausragenden Leistungen, dazu braucht es die passende Förderung und viel Übung.

IQ-Test und weitere Links

Einen Intelligenztest zu konstruieren erfordert sehr viel Arbeit, Zeit und Geld. Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse wiederum steht und fällt damit, dass die Kandidaten die Aufgaben vorher nicht kennen. Ein Intelligenztest, dessen Aufgaben bekannt sind, ist wertlos. Daher wird niemand, der einen Intelligenztest nach allen Regeln der Kunst konstruiert hat, die Aufgaben im Internet veröffentlichen. Die Aufgaben, die Sie hier finden, dienen nur zur Unterhaltung und erheben keinen wissenschaftlichen Anspruch. Sie sollten die Ergebnisse dementsprechend nicht allzu ernst nehmen. Haben Sie Spaß am Knobeln und grämen Sie sich nicht, wenn es irgendwo mal zwei richtige Lösungen geben sollte und der Test nur eine als richtig anerkennt, weil sein Autor die andere übersehen hat viel Spaß bei unserem kostenlosen Online-IQ-Test. (aus: www.mensa.ch)

Hier gehts zum Online-IQ-Test Netzwerk Begabungsförderung, hier sind auch Namen der in den Kantonen für das Thema verantwortlichen Personen, gesetzliche Grundlagen etc. zu finden Stiftung für hochbegabte Kinder Wegweisende Projekte im Bereich Begabungs- und Begabtenförderung in Schulen Elternverein für hochbegabte Kinder Verein zur Förderung besonders begabter Kinder im Kanton Bern Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie, Universität Basel Schule für hochbegabte Primarschulkinder Forschungs- und Beratungsstelle für kognitiv hoch begabte Kinder und Jugendliche Internationales Netzwerk von Menschen mit hohem IQ