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Familie

Junge Erwachsene wollen alles auf einmal

Glaubt man der Forschung, wollen junge Erwachsene auf nichts verzichten. Was treibt diese Generation an?

FOTOS
Heiner H. Schmitt, zVg
28. September 2015

Familie, Beruf und Freizeit: Die Generation Y will alles unter einen Helm bringen.


Bericht

Bereits als Kleinkinder durften sie mitbestimmen. Sie wurden von ihren Eltern gefördert, ermutigt und auf eine Welt vorbereitet, die ihnen unendliche Möglichkeiten zur Entfaltung vorgaukelt. Und nun sind sie erwachsen geworden und fordern das versprochene Recht auf Selbstverwirklichung ein. Die Rede ist von der Generation Y, also die Altersgruppe der 15- bis 30-Jährigen, die von der Wissenschaft aufmerksam beobachtet wird. Die Soziologin Karin Schwiter (37) lehrt und forscht an der Universität Zürich und nimmt dabei die Lebensentwürfe junger Erwachsener unter die Lupe. Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2011 hat sie mit jungen Männern und Frauen über deren Lebenspläne geredet. Dabei ist ihr aufgefallen, dass die Befragten nur das tun wollen, was für sie persönlich stimmt. Sie gehen davon aus, dass alle Menschen verschieden sind und jeder auf seine Weise glücklich werden muss. So wird das Entwickeln eines Lebensplanes zu einem Projekt. Diese Selbstbestimmung habe aber auch eine Kehrseite. Wenn etwas nicht gelingt, fühlen sie sich alleine dafür verantwortlich. Sie haben die Wahl ja selbst getroffen. Auf ihnen lastet also ein grosser Druck, erfolgreich zu sein.

We want it all

Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Psychologie.

Verzichten möchten die Befragten beim Entwurf des Lebensprojekts auf nichts, wie die Studie zeigt. Sie wollen alles und das, wenn möglich, auf einmal. Die berufliche Verwirklichung muss genauso Platz haben wie Familiengründung und Freizeitgestaltung. Dieser Trend schwappt aus den USA zu uns herüber, meint die Psychologie-Professorin Pasqualina Perrig-Chiello (62) von der Universität Bern. We want it all, heisst hier der Leitspruch. Umso härter ist das Erwachen, wenn sich zeigt, dass die Realität dann anders aussieht.
Das Stichwort Work-Life-Balance, also die Harmonie zwischen Beruf und Privatleben, ist dieser Generation auf den Leib geschrieben. Karriere um jeden Preis ist keine Option. Wer nun aber denkt, es mit einem Haufen bequemer Faulpelze zu tun zu haben, liegt komplett falsch. Die Generation Y ist sehr leistungsbereit, sagt Karin Schwiter: Ihnen ist klar, dass sie für eine Arbeitsstelle kämpfen und sich ständig weiterbilden müssen. Sie haben Angst, von der Erwerbswelt abgehängt zu werden und gesellschaftlich auf der Strecke zu bleiben.

Generation Warum

Karin Schwiter, Soziologin

Dabei dürften sich die Jungen eigentlich eine gewisse Sorglosigkeit leisten. Gemäss Berechnungen des Gewerkschaftsverbands travailsuisse fehlen der Schweizer Wirtschaft 2030 eine halbe Million Arbeitskräfte. Gute Aussichten eigentlich. Aber die Generation Y ist in einer unberechenbaren Zeit gross geworden. Terroranschläge und Finanzkrisen haben ihre Sicht auf die Welt geprägt und ihr beigebracht, dass nichts sicher ist, sagt die Soziologin Karin Schwiter. Nicht ohne Grund wird der Buchstabe Y auf Englisch wie why warum ausgesprochen. Und tatsächlich hinterfragen ihre Vertreter gern gängige Normen und Werte. Muss ich im Büro wirklich als Erster kommen und als Letzter gehen? Bringt mich ein Sabbatical, also eine mehrmonatige Auszeit von der Berufswelt, persönlich weiter? Trotz oder gerade wegen ihrer Existenzängste lehnen sie die traditionellen Hierarchien der Arbeitswelt ab. Auch sei das Bekenntnis zu einer einzelnen Firma nicht mehr so absolut wie früher, sagt Karin Schwiter. Sie halten von Anfang an die Augen offen, ob sich etwas Besseres bietet. Man könnte sagen, sie feilen stets an ihren Möglichkeiten.

Ihr Lebensplan muss gelingen. Der Druck ist gross.»

Karin Schwiter

Ja zur Familie

Die jungen Erwachsenen sind durchaus fähig und willens, den Anforderungen einer sich immer schneller drehenden Welt gerecht zu werden. Dieser Abgeklärtheit steht eine grosse Sehnsucht nach traditionellen Werten gegenüber. 93 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz wünschen sich Kinder, wie eine Studie des Bundesamts für Statistik aus dem Jahre 2013 zeigt. In einer Welt, die jungen Menschen enorm viel Eigenverantwortung abverlangt und sie zu einsam streitenden Glücksrittern macht, ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit offenbar gross. Nimmt dieser Wunsch mit zunehmendem Alter ab? Bereits heute haben der Studie zufolge rund 20 Prozent der Frauen zwischen 50 und 59 Jahren keine Kinder. Im Gegensatz zu früher würden Kinder nicht mehr einfach so geboren, sagt Karin Schwiter. Zuerst müsse der Berufseinstieg geschafft und genügend Geld auf der Seite sein. Vor allem aber müsse das Bauchgefühl stimmen: Es ist für junge Erwachsene sehr wichtig, sich für Kinder bereit zu fühlen. Sie gehen davon aus, viel aufgeben zu müssen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, würden die meisten der von ihr Befragten lieber kinderlos bleiben, sagt Karin Schwiter.

Keine Rebellion

Die Soziologin bezeichnet die jungen Erwachsenen als sehr anpassungsfähig. Man findet bei ihnen keinen revolutionären Geist, wie man ihn beispielsweise von der 68er-Bewegung kennt. Der Aktivismus konzentriere sich auf Optimierungen des persönlichen Umfelds. Die Psychologie-Professorin Pasqualina Perrig-Chiello meint, dass die Ypsiloner die Gesellschaft verändern, indem sie sich ganz einfach für ihre Ziele einsetzen. Diese Generation hat Hoffnungen und Ideen. Ich traue ihr einiges zu. Lässt sich die Welt durch Selbstoptimierung tatsächlich verändern? Persönlich ist die Soziologin Karin Schwiter davon überzeugt, dass die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen wieder stärker werden muss. Das Pendel wird in die andere Richtung ausschlagen. Die Frage ist bloss, wann.

Portraits

Moritz Schläpfer (21)

Ausbildung:
Student an der Pädagogischen Hochschule in Bern
Wohnort: Bern

Ich bin wohl ein Neo-Hippie, sagt Moritz Schläpfer (21) und lacht. Der Student lebt nach seinen eigenen Regeln. Meine persönliche Freiheit ist mir enorm wichtig. Ich halte es nicht lange an einem Ort aus, sondern bin lieber mit meinem Velo unterwegs. Seine persönlichen Habseligkeiten beschränkt Schläpfer auf ein Minimum. Auch gegen ein Handy hat er sich lange gewehrt. Jetzt bleibt das Gerät oft tagelang ausgeschaltet. Ich rede lieber persönlich mit Freunden. Dann höre ich stundenlang aufmerksam zu.

Für andere da zu sein bedeutet Moritz Schläpfer viel. Er ist seit Jahren Leiter in der Jungwacht Blauring. Die Begegnung mit Kindern empfindet er als Bereicherung: Kinder haben einen unverstellten Blick auf die Welt: Ihre Neugier, Ehrlichkeit und Offenheit sind sehr inspirierend. Der Maturand studiert an der Pädagogischen Hochschule in Bern; er möchte Kindergärtner werden. Auf die Frage, ob er selber einmal eine Familie gründen will, reagiert der 21-Jährige unerwartet zurückhaltend: Ich weiss nicht, ob ich Kinder in diese Welt setzen möchte. Allenfalls könnte ich mir vorstellen, irgendwann ein Kind zu adoptieren. Ehrlich gesagt, ist das aber noch ganz weit weg.

Sindy Meyer (24)

Beruf: DiplomiertePflegefachfrau
Wohnort: Basel


Meine Familie bedeutet mir alles. Unsere Beziehung ist sehr innig, obwohl meine Eltern geschieden sind. Sindy Meyer ist in einer Patchwork-Familie gross geworden, in der sie sich stets geborgen fühlte. Ein Leben ohne eigene Kinder kann sie sich nicht vorstellen. Ich wäre sehr gerne ein junges Mami. Am liebsten würde ich mein erstes Kind noch vor dreissig bekommen. Ob dieser Wunsch bald Wirklichkeit wird? Die Baslerin ist seit Kurzem wieder Single und lebt alleine. Zwei kleine Katzen leisten ihr Gesellschaft. Ich liebe Tiere. Als Kind wollte ich Tierärztin werden. Mit der Zeit hat sich das medizinische Interesse zu den Menschen hin verlagert, sagt sie und lacht.

Vor einem Jahr hat Sindy Meyer die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau abgeschlossen. In ihrem Beruf erlebt sie nicht nur Schönes: Manchmal bedrückt mich das traurige Schicksal eines Patienten. Dann treibe ich Sport oder treffe mich mit Freunden, um mich abzulenken. Obwohl Meyer ihre Selbstständigkeit geniesst, lässt sie der Gedanke an die eigene kleine Familie nicht los. Manchmal habe ich Angst, dass mir die Zeit davonläuft. Wenn ich den richtigen Partner gefunden habe, möchte ich die Zeit zu zweit natürlich auch noch geniessen, die Welt bereisen. Bis wir uns dann beide für Kinder bereit fühlen, bin ich vielleicht schon über dreissig. Ausserdem möchte ich mich auch beruflich weiterentwickeln. Die Verwirklichung ihrer Wünsche ist Sindy Meyer sehr wichtig. Verzichten möchte ich auf nichts, das Leben ist viel zu kurz.

Giovanni Allegranza (19)

Beruf: Landwirt
Wohnort: Olivone, Tessin

In seinem Beruf lebt Giovanni Allegranza seine grosse Leidenschaft für die Natur und Tiere aus. Bei den Landwirten ist es wie bei den Priestern: Für diesen Beruf braucht man eine Berufung! Ich kann mir keine andere Tätigkeit vorstellen. Man entscheidet sich für ein Leben, das zwar Opfer verlangt, aber auch grosse Erfüllung bietet. Es ist eine Arbeit, für die ein sehr hohes Pflichtbewusstsein notwendig ist, weil man Lebensmittel produziert und den Tieren gegenüber Verantwortung hat. Für den jungen Landwirt, den ältesten der vier Söhne, steht die Familie an erster Stelle. Die Familie gibt Halt und ist ein Ort der Begegnung. Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, aber wir sind mit Respekt füreinander aufgewachsen und haben gelernt, konstruktive Diskussionen zu führen.

Eines Tages möchte er selbst eine Familie gründen und Kinder haben. Ich hoffe auf eine Lebenspartnerin, die weiss, dass der Beruf in einigen Fällen vor dem Privatleben kommt. Wenn ich eine solche Frau finde, dann ist es schon die halbe Miete!

Clara Liekmeier (24)

Ausbildung: Hotelfachschule Lausanne
Beruf: Trainee SBB
Wohnort: Orbe im Waadtland

Clara Liekmeier lebt mit ihrem 26-jährigen Freund Mehdi eine Fernbeziehung. Er studiert in Brüssel. Wir sehen uns alle drei Wochen am Wochenende in Belgien oder in der Schweiz. Zum Glück ist der Flug nicht allzu teuer. Wenn alles nach Plan läuft, kommt er nach seinem Studium hierher. Wir möchten heiraten und eine Familie gründen. Ich möchte vier Kinder, das ist viel, sagt Liekmeier und lacht. Die Familie ist ihr megawichtig! Sie ist immer für mich da. Es ist eine bedingungslose Liebe. Die dynamische Waadtländerin hat gerade ein 18-monatiges Trainee-Programm bei den SBB begonnen. Ich wurde zusammen mit 23 anderen Kandidatinnen und Kandidaten in einem komplexen Bewerbungsverfahren ausgewählt. Ich bin sehr glücklich! Es ist spannend. Da es sich um ein grosses Unternehmen handelt, lernt man zahlreiche Berufe in den verschiedenen Abteilungen kennen.

Die junge Absolventin der Hotelfachschule Lausanne hat keinen Karriereplan, wünscht sich aber eine Stelle mit Verantwortung. Ich liebe vor allem den Kontakt mit Menschen. Clara Liekmeier möchte sich nicht zwischen Familie und Beruf entscheiden. Ich will alles! Ich möchte Karriere machen, ohne dafür mein Familienleben opfern zu müssen. Ich bin überzeugt, dass sich beides bis zu einem gewissen Punkt vereinbaren lässt. In meinen Augen ist die Familie aber das Wichtigste, viel wichtiger als Geld.

Auf Y folgt Z

Die Vertreter der Generation Z kamen zwischen 1995 und 2010 zur Welt. Den Umgang mit digitalen Technologien haben sie schon als kleine Knirpse gelernt, weshalb man sie als die ersten echten Digital Natives bezeichnet. Gemäss einer Studie des deutschen Zukunftsinstituts werden sie den Arbeitsmarkt revolutionieren, da sich Firmen künftig aktiv um Bewerber bemühen müssen. Nach der Generation Z löst sich das Generationenkonzept dann auf, da auch ältere Menschen zunehmend jugendliche Lebensstile ausüben.

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Jugendsprache

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