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Männersache: Arbeiten im Alterszentrum

Der 12.Mai ist der Tag der Pflege. Für Jan Zürcher ist dies aber der Alltag: Er ist Pflegefachmann in einem Alterszentrum.

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Keystone
11. Mai 2015
Geduld und Einfühlungsvermögen sind wichtig in Jan Zürchers Beruf.

Geduld und Einfühlungsvermögen sind wichtig in Jan Zürchers Beruf.


Bericht

In Pflegeberufen sind junge Männer wie Jan Zürcher selten anzutreffen. 

Er trägt ein grünes Polo-Shirt, eine braune Hose, ein Namensschild auf der Brust, Jan Zürcher, dipl. Pflegefachmann HF. Mitfühlend drückt er Hände, die in tiefen Runzeln liegen, hilft in Stützstrümpfe, manchmal spricht er auch mit Bewohnern übers Sterben. Jan Zürcher, 24, arbeitet im Alterszentrum Heimberg BE, vier Zugminuten von seinem Wohnort Thun entfernt.
50 Pflegefachkräfte, darunter sechs Männer, arbeiten im Alterszentrum. Der Beruf ist immer noch eine Frauendomäne. Das verstehe ich nicht. Es kommt darauf an, ob man sich gerne um Menschen kümmert. Und das können Männer genauso gut wie Frauen, findet Zürcher. Er pflegt und betreut mit seinem Pflegeteam zwölf Personen mit Demenz auf einer spezialisierten Abteilung sowie 30 Betagte, die in den Alters-wohnungen leben. Dass er in Früh-, Spät- und Nachtschichten arbeitet, ist für den 24-Jährigen kein Problem. Dafür kann ich unter der Woche einkaufen gehen, während alle anderen ihre Erledigungen am Samstag machen müssen, sagt Zürcher.

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Das Schamgefühl überwinden

Ein Bewohner, der nur mit Einwegunterwäsche bekleidet durch den Gang läuft, kann Jan Zürcher nicht aus der Ruhe bringen. Man braucht Geduld und Einfühlungsvermögen in dem Beruf, sagt er. Wenn er der Frau aus dem zweiten Stock das Kopfkissen Millimeter für Millimeter hinrücken muss, bis es für sie stimmt, strapaziert das aber auch seine Nerven. Ich versuche, mich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Die Bewohnerin kann ja nichts für meine Grenzen und auch nicht dafür, dass noch vier andere auf mich warten.
Den Entscheid für seinen Beruf habe er nie bereut. Ins Straucheln kam er einzig zu Beginn seiner Ausbildung vor acht Jahren als Fachmann Gesundheit (FaGe). Die Körper- und vor allem Intimpflege kostete mich Überwindung, gibt Zürcher zu, doch mit der Zeit sieht man das Ganze objektiver. Dass ich Personen wasche, ist eine Notwendigkeit und wenn ich nicht über mein Schamgefühl hinwegkomme, ist es für sie erst recht unangenehm. Gespräche über die Enkel oder vergangene Zeiten helfen dabei, dass Peinlichkeit die Situation nicht beherrscht.

Man muss sich gerne um andere kümmern.»

Jan Zürcher, dipl. Pflegefachmann HF

Übers Altern nachdenken

Wie aber geht ein junger Mensch wie Jan Zürcher damit um, täglich mit körperlichem und geistigem Rückschritt konfrontiert zu sein? Es stimmt mich natürlich nachdenklich, die Krankheitsverläufe wie etwa Demenz zu beobachten. Auch habe Menschen bis zum letzten Atemzug zu begleiten ihm bewusst gemacht, dass der Tod zum Leben dazugehört. Wenn ihm doch mal etwas zu nahe geht, setzt sich Jan Zürcher ans Klavier, konzentriert sich auf das Notenblatt und seine Finger. Jeder, der in einem Pflegeberuf arbeitet, braucht solche Bewältigungsstrategien, schliesslich hat man es mit Menschen zu tun.


Trends

SENIOcare ist die führende private Heimgruppe der Schweiz und betreibt derzeit 27 Wohn- und Pflegeheime. CEO Beat Ammann sagt, was bei der Betreuung älterer Menschen wichtig ist und wohin die Wohntrends im Alter gehen.

Welche Anforderungen müssen Alters- und Pflegeheime sowie Senioren-wohnungen erfüllen?
Die zentralen Bedürfnisse sind die hohe Qualität der Pflege- und Hotel-Leistungen sowie die zusätzlichen Betreuungsangebote wie zum Beispiel Ausflüge, gemeinsames Kochen und Backen, Gedächtnistraining, Spaziergänge. Eine Mehrzahl der Bewohnerinnen und Bewohner wünscht sich einen eher urbanen Standort, am besten eingebunden in das umliegende Leben, wie ein Einkaufs-zentrum, eine Schule, ein Coiffeur. Persönlich bin ich überzeugt, dass man das Basisangebot die Langzeitpflege mit Seniorenwohnungen ergänzen sollte. Diese bieten die Servicebereitschaft des Pflege-Hotels und trotzdem können die Pensionäre selbstständig wohnen. Sollte die Pflegebedürftigkeit steigen, kann man in die Pflegeabteilung wechseln.

Was wünschen sich die Senioren von heute in Sachen Wohnen?
Sie möchten so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben. Und auch wenn dies nicht mehr möglich ist und sie in eine Seniorenwohnung mit Service oder in ein Pflegeheim ziehen, möchten sie ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit so lange wie möglich bewahren und soziale Kontakte pflegen können.

Was hat sich in den letzten Jahren verändert?
Die Ansprüche an die Pflegeheime sind gestiegen. Die Bewohnerinnen und Bewohner vergleichen intensiver die Angebote und üben das Recht auf Wahlfreiheit des Pflegeplatzes aus. Dabei spielt das Zimmerange-bot eine immer wichtigere Rolle. Zudem erfolgt der Heimeintritt heute deutlich später als früher, damit erhöht sich der pflegerische Aufwand. Das klassische Altersheim, wo man nach der Pensionierung eintritt und bis ans Lebensende bleibt, gibt es nicht mehr.

Welche Formen von Wohnen im Alter sind in Zukunft denkbar?
Es ist davon auszugehen, dass folgende Wohnformen beliebter werden: Seniorenwohnungen mit Servicedienstleistungen, Senioren-Wohngemeinschaften mit und ohne Spitexleistungen, Mehrgenerationen-Häuser, -Siedlungen oder -Dörfer, Pflegehotels, bestehende Wohnungen, die hindernisfrei um- oder ausgebaut werden, multikulturelle Wohnformen. Wohnen im Alter wird flexibler und individueller.

12. Mai: Tag der Pflege

Der Internationale Tag der Pflege geht zurück auf den Geburtstag von Florence Nightingale (18201910), die als Pionierin der modernen westlichen Krankenpflege gilt. Sie trug massgeblich dazu bei, dass die Krankenpflege zu einem gesellschaftlich geachteten Berufsweg anfänglich nur für Frauen wurde. Heute können auch Männer Krankenschwester werden. Die korrekte Berufsbezeichnung lautet nun allerdings dipl. Pflegefachmann resp. -frau. Seit zehn Jahren gibt es zudem den Beruf Fachfrau/-mann Gesundheit EFZ (FaGe). Er erfreut sich grosser Beliebtheit und befindet sich auf Platz drei der zwanzig am meisten gewählten berufli Der Internationale Tag der Pflege geht zurück Der Internationale Tag der Pflege geht zurück auf den Geburtstag von Florence Nightingale (18201910), die Pionierin der modernen westlichen Krankenpflege. Sie trug massgeblich dazu bei, dass die Krankenpflege zu einem geachteten Berufsweg anfänglich nur für Frauen wurde. Die korrekte Berufsbezeichnung lautet heute dipl. Pflegefachmann resp. -frau. Seit zehn Jahren gibt es zudem den Beruf Fachfrau/-mann Gesundheit EFZ (FaGe). Er ist auf Platz drei der zwanzig meist gewählten beruflichen Grundbildungen hinter KV und Detailhandel.

Live dabei heisst es für Jugendliche am Dienstag, 20. Oktober 2015. An diesem Tag öffnen acht Spitäler im ganzen Kanton Bern ihre Türen für den kantonalen Tag der Gesundheitsberufe. Vom Fachmann Gesundheit über den Ernährungsberater bis zur Pflegefachfrau können Schülerinnen und Schüler 14 Berufe vor Ort vertieft und hautnah kennenlernen. Fachpersonen erklären ihre Arbeit mit anschaulichen und interaktiven Beispielen und beantworten Fragen.

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