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Nesthocker: Hotel Mama hat Konjunktur

Die Italiener lieben Hotel Mamma. In der Schweiz lebten 2013 mehr Kinder über 20 bei ihren Eltern als noch 2007. Marianne Siegenthaler weiss, warum.

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FOTOS
Eurostat Fotos: AFP, zVg
03. August 2015

Im Aare-Cheer bei Wolfwil muss man durch etwas bewegtes Wasser paddeln.


Filme dazu

Trailer: Zum Ausziehen verführt (2006)

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Trailer: Der Nesthocker (2001)

Filmausschnitt: Ödipussi (1987)

Zeitungsbericht

Generationenproblem

Autorin des Buches Die Nesthocker ist Marianne Siegenthaler (55). Das Buch ist im Knapp Verlag erschienen. Zusammen mit Familientherapeut Jürgen Feigel geht die Journalistin darin dem Zusammenleben von Eltern und erwachsenen Kindern auf den Grund.

Expertin und Buchautorin Marianne Siegenthaler (55)

Wie ist die Idee zum Buch Die Nesthocker entstanden?
Das Thema ist aktuell. Meine 24-jährige Tochter lebt selbst noch zu Hause. In meinem Bekanntenkreis zeigt sich die gleiche Situation. Für uns, die wir in den 1960er-Jahren geboren sind, war es normal, um das 20. Lebensjahr auszuziehen. Das hat sich heute mit der Arbeitsmarktsituation und dem Wertewandel massiv geändert.

Warum leben noch so viele Mittzwanziger zu Hause?
Es ist teuer, selbstständig zu wohnen. Während des Studiums oder der Ausbildung kann man sich das nur schwer leisten. Andere wohnen bei ihren Eltern aus Bequemlichkeit: Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander, bekommen die Wäsche gemacht und gutes Essen. Wieder andere sind sogenannte Bumerang-Kinder, die bereits ausgezogen sind, aber beispielsweise in einer Lebenskrise wieder zurück zu Muttern kommen.

Wie geht es Eltern mit ihrem vollen Nest? Ist die ewige Elternrolle eine Belastung oder fühlen sich Eltern mit dem WG-Groove, der sich mit ihren erwachsenen Kindern einstellt, wohl?
Eine normale WG ist es nie, wenn Kinder bei ihren Eltern wohnen. Eine Mama bleibt immer Mama, Kinder immer Kinder. Da bleiben die Konflikte nicht aus. Auch wenn alle Beteiligten erwachsen sind, diskutiert man übers Staubsaugen. Generell sind die Probleme zwischen Kindern und Eltern aber nicht mehr so essenziell. Die Generationen haben sich einander angeglichen, auch weil wir von autoritären Erziehungsmethoden weggekommen sind und unsere Kinder gleichberechtigt behandeln.

Wie passt das zunehmende Nesthocker-Phänomen mit einer Gesellschaft zusammen, die Selbstverwirklichung ganz gross schreibt?
Sehr gut. Das Hotel Mama ist ein Freipass für die Selbstverwirklichung. Die Kinder haben keinen Zwang, Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen und können sich ausprobieren, reisen gehen und Zweitausbildungen machen. Heute kann man viel länger Teenie sein.

Da sprechen Sie die verlängerten Jugend- und Ausbildungszeiten an, die symptoma-tisch für unsere heutige Gesellschaft sind. In der Diskussion wird oft bemängelt, dass Nesthocker die entwicklungspsychologische Aufgabe, sich vom Elternhaus abzunabeln, nicht bewältigen. Sehen Sie das auch so?
Als ich jung war, galt es, zielgerichtet eine Ausbildung zu machen und ratzfatz einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Heute ist das nicht mehr so einfach: Die biografischen Möglichkeiten haben sich vervielfacht. Unsere Kinder sind dadurch freier, als wir es waren, haben aber auch mehr Druck und Unsicherheiten auszuhalten und müssen viele Entscheide fällen. Die Ablösung ist damit zu einem längeren Prozess geworden.

Wenn Eltern ihren erwachsenen Kindern ein solches Moratorium bieten, haben sie es dann nicht verpasst, ihre Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen?
Das kommt darauf an, welchen Service das Hotel Mama bietet. Eltern sollten ihren Kindern nicht alles abnehmen. Wenn das Kind verdient, sollte es sich an Miete, Haushaltskosten etc. beteiligen. Budgetberatungsstellen haben da genaue Ansätze. Damit darf sich das Kind aber nicht aus der Mithilfe herauskaufen: Der Haushalt macht sich nicht von allein. Das Kind sollte sich zudem selbstständig um Versicherungen und die Steuererklärung kümmern. Darin liegt auch ein Paradox: Als Mutter räume ich meinem Kind gerne Steine aus dem Weg, aber wenn ich alle Widrigkeiten ausmerze, tue ich meinem Kind auf lange Sicht keinen Gefallen.

Sind Kinder, die noch als Mittzwanziger im Elternhaus wohnen, Niessnutzer oder profitieren auch die Eltern davon?
Es gibt für beide Vorteile. Allein aus praktischer Sicht: Durch ihre Kinder bleiben Eltern, was technische Neuheiten oder Trends anbelangt, à jour. Dazu kommt die starke emotionale Bindung, in der auch die Krux liegt: Einerseits möchten Eltern, dass ihre Kinder selbstständig sind, andererseits wollen sie diese nicht ermuntern, flügge zu werden. Denn die Ablösung ist ein schmerzhafter Prozess. Der Auszug der Kinder bedeutet, dass sich Eltern wieder als Paar finden müssen und Alleinerziehende auf sich selbst zurückgeworfen sind.

Nehmen Eltern ihren Kindern zu lange zu viel ab?»

Nesthocker und Eltern, die zu sehr behüten: Schreiben Sie einfach Ihre Meinung unten ins Kommentarfeld!