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Nie aufgeben: Was Junge im Ausland lernen

Jugendliche, die ein Jahr in einem anderen Land verbringen, sind für Leben und Karriere gut gewappnet.

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zvg
19. Januar 2015

Alexa Hänzi zog es nach Indien. Ihr Austauschjahr ist so ganz anders als der Schulalltag in der Schweiz. Nathalie Aegerter (M.) war ein Jahr in Australien. Dort wird Schuluniform getragen. Neben allem Ernst bietet ein Austauschjahr auch Spass wie das Tauchen. Paul Knapp (links) verbrachte ein High-School-Jahr in den USA. Paul Knapp verbrachte ein High-School-Jahr in den USA.

Nathalie Aegerter (M.) war ein Jahr in Australien. Dort wird Schuluniform getragen.

Neben allem Ernst bietet ein Austauschjahr auch Spass wie das Tauchen.

Paul Knapp (links) verbrachte ein High-School-Jahr in den USA.

Paul Knapp verbrachte ein High-School-Jahr in den USA.

Bericht

Der Schultag beginnt für Alexa Hänzi mit dem Morgenappell. Die indische Nationalhymne kann sie mittlerweile im Schlaf singen. Neulich hatte sie die Krawatte zur Schuluniform vergessen. Von der Direktorin gabs sofort einen Rüffel, erzählt die 18-Jährige, an die strengen Regeln musste ich mich erst gewöhnen. Alexa Hänzi kommt aus Pieterlen BE, nahe Biel. Seit letztem Juli lebt sie in der indischen Grossstadt Bangalore bei einer lebhaften und redefreudigen Familie. Alexa Hänzi ist eine von rund 700 Gymnasialschülern pro Jahr, die mit einer dem Dachverband Intermundo angeschlossenen nicht kommerziellen Organisation ins Ausland gehen. Mit ihrer Wahl Indien ist Hänzi eine Seltenheit. Im Individualaustausch auf Gymnasialebene sind die anglofonen Länder am beliebtesten, meint Silvia Mitteregger, 56, Leiterin Bereich Austausch bei der ch Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit (unterstützt Austauschprogramme). Englisch ist Business-Sprache Nummer 1, findet Rechtsanwalt Lukas Bopp aus Binningen BL, eine Sprache kann man wohl kaum effizienter lernen als in einem Auslandsaufenthalt. Der heute 42-Jährige erwarb seine Sprachkenntnisse vor 25 Jahren in Utah, USA. Davon profitiere ich noch heute.

Alexa Hänzi zog es nach Indien. Ihr Austauschjahr ist so ganz anders als der Schulalltag in der Schweiz.

Crash-Kurs zur Vorbereitung

War zu seiner Zeit das Angebot an Auslandsprogrammen für Jugendliche noch überschaubar, hat sich mittlerweile neben den Non-Profit-Organisationen ein rechtes Geschäft privater Firmen ent sponnen. Bevor man sich für eine Organisation entscheidet, lohnt sich der Blick auf die Qualitätskriterien. Das Beratungs- und Vorbereitungsangebot sowie die Nachbereitung sind wichtige Indikatoren für die Beurteilung einer Organisation, sagt Guido Frey (50), Geschäftsführer von Intermundo, dem Schweizer Dachverband zur Förderung von Jugendaustausch. Seit November trudeln die Bewerbungen mit Motivationsschreiben und Angabe der Länderprioritäten bei den Organisationen ein.

Es folgen Selektionsinterviews, Info-Abende, die definitive Bewerbung. Nicole Rast (34), Pressesprecherin von AFS, der grössten und ältesten Austauschorganisation der Schweiz, empfiehlt, mit der Planung mindestens ein halbes Jahr vor Abflug zu beginnen. Die meisten Programme starten je nach Schulbeginn des jeweiligen Landes zwischen Juli und September. Vorgängig machen die Teilnehmer eine Art Auslands-Crash-Kurs: Dazu gehört die Sensibilisierung auf Land, Leute und Gesetze genauso wie praktische Tipps, mit Heimweh umzugehen.

Zwischen 8000 und 16000 Franken

Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, sich für ein Jahr von zu Hause zu verabschieden? Zwischen 15 und 18 Jahren, gibt Nicole Rast von AFS an, in diesem Alter haben die Jugendlichen ein gewisses Mass an Selbstständigkeit erreicht, um sich in einem anderen Land zurechtzufinden. Das Auslandsjahr kostet zwischen 8000 und 16000 Franken ein Vielfaches weniger als in einer späteren Lebenssituation: Die Kosten für einen dreimonatigen Sprachaufenthalt, etwa in Los Angeles, mit Unterbringung in einer Gastfamilie, belaufen sich bereits auf 8000 Franken. Die Regionenwahl will man das Jahr in Kalifornien oder doch lieber in Arizona verbringen gibt es bei manchen Organisationen für einen Aufpreis. Neben den sogenannten klassischen Programmen existieren Luxusprogramme mit sehr vielen Mitsprachemöglichkeiten, erklärt Leslie Aegerter (51), Geschäftsführerin der into Schüleraustausch GmbH, und gibt zu bedenken: Unabhängig von den Kosten sollte aber die Abenteuerlust vor an erster Stelle stehen. Hinzu kommt das monatliche Taschengeld von rund 200 Franken, so die Empfehlung Aegerters.

Alexa Hänzi zog es nach Indien. Ihr Austauschjahr ist so ganz anders als der Schulalltag in der Schweiz.

Kein Zuckerschlecken

Auch für ihre eigene Tochter hat sie ein Auslandsjahr organisiert. Nathalie, heute 21, verbrachte 2010/11 ein Jahr in Australien, nördlich von Brisbane eine Zeit, an die sie gerne zurückdenkt. Ein Zuckerschlecken war es aber nicht immer, meint sie. Heimweh und ein Gastfamilienwechsel haben ihr die erste Zeit schwer gemacht. Schätzungen zufolge wechselt jeder Sechste die Gastfamilie. Die zwischenzeitlich schwierigen Momente haben mich aber persönlich extrem wachsen lassen. Als ich mich dann auf die andere Mentalität einlassen konnte, habe ich meine grosse Chance in Australien nutzen können, erzählt sie.

Paul Knapp (18) aus Gebenstorf AG kehrte letzten Sommer von seinem Lebenstraum, einem High-School-Jahr, zurück. Bei allem Spass war der Aufenthalt für ihn auch praktische Lebensschule: Man lernt, nie aufzugeben. Ich habe mir das Motto Go hard or go home! bewahrt. Auch Silvia Mitteregger von der ch Stiftung meint zu den Vorzügen eines Auslandsaufenthalts: Die Erfahrung ist ein Plus für die Selbstständigkeit und interkulturelle Kompetenz. Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Luzern bestätigt: Jugendliche, die einen längeren Austausch gemacht haben, sind interkulturell kompetenter neben Fremdsprachenkenntnissen ein Muss, will man sich in der global vernetzten Schweiz beruflich etablieren.

Die andere Seite: Eine Gastfamilie erzählt

Susanne Meier (48) und Urs Albrecht (59) aus Bern nahmen 2011/12 Oliver aus Estland und 2013/14 Darius aus Litauen in ihrer Familie auf.

Familie Albrecht Meier (hier mit Gastsohn Darius) nahm zweimal einen Austauschschüler zu Hause auf.

Unser jüngster Sohn machte 2010/11 ein Austauschjahr in Norwegen. Für uns war es selbstverständlich, nach seiner Rückkehr ebenfalls jemanden aufzunehmen. Wir nahmen deshalb am Programm der Non-Profit-Organisation YFU Internationaler Jugendaustausch teil. Für uns als Gastgeber hiess das, zuerst Oliver (damals 17) und zwei Jahre später Darius (16) in unsere Familie aufzunehmen und ihnen das Land zu zeigen.

Man darf aber nicht glauben, dass jeder Gastschüler nichts lieber macht, als das Schwingfest zu besuchen oder auf der Rütliwiese tief durchzuatmen und dabei zu erschauern. Wir hatten mit unseren Gastsöhnen unglaubliches Glück. Sie haben unser Vertrauen nie missbraucht und alles, was sie erlebten, wie Schwämme aufgesogen. Schwierig war daher lediglich der Abschied von den beiden.

Wer Lust hat, sich auf einen Gast einzulassen, bekommt auch die Chance, ein Stück Welt zu sich nach Hause zu holen und den eigenen Alltag mit anderen Augen zu betrachten. Mit Darius verbindet uns mittlerweile eine tiefe Freundschaft.

Links

Wichtige Links zu Austauschprogrammen im In- und Ausland

Weitere Infos zu den hier genannten Organisationen

www.afs.ch www.intermundo.ch www.into-schueleraustausch.ch www.yfu.ch www.ch-go.ch www.switzerland.international-experience.net/

Die Studie zum Thema Sprachliche Austauschaktivitäten und deren Auswirkung auf interkulturelle Kompetenzen und Sprachlernmotivation von der Pädagogischen Hochschule Luzern finden Sie hier.