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Purzelbaum: Eine neue Unterrichtsform

Im Kindergarten lernen Kinder still sitzen. Das war einmal. Heute sorgt die Kindergärtnerin dafür, dass sich die Kleinen möglichst viel bewegen.

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Viualimpact.ch / Rainer Eder
06. Juli 2015

Singen und herumrennen: Im Kindergarten lernen die Kinder, ihren Körper zu koordinieren.


Reportage

Der Unterricht im Kindergarten Schmittenacher in Weisslingen ZH hat eben begonnen. Freudestrahlend hüpfen 20 Kinder durch das Klassenzimmer, weichen anderen Kindern und etwaigen Hindernissen geschickt aus und singen mit ihren hellen Stimmen das Morgenlied Winterschlöfer wached alli uf . Es ist ein wiederkehrendes Ritual, das sich hier, wie in vielen Kindergärten der Schweiz, abspielt. Und doch ist der Kindergarten in Weisslingen speziell.
Gabriella Fink (57) unterrichtet nach dem Purzelbaum-Prinzip: Jedes Lied, jede Aufgabe wird, wenn irgendwie möglich, mit Bewegung verbunden. Bewegtes Lernen motiviert die Kinder. So macht der Unterricht allen viel mehr Spass.

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Anspruchsvolle Vorbereitung

Die Unterrichtsvorbereitung sei nicht immer einfach, sagt die Kindergärtnerin. Sie sei durch dieses neue Konzept anspruchsvoller geworden.Im Kindergarten lernen die Kinder, begleitet von Musik und Gesang, fein- und grobmotorische Fähigkeiten: Gleichgewicht, Mut, Balance, Geschicklichkeit.

Gabriella Fink, Kindergärtnerin

Hier geschieht nichts aus Zufall. Bewegtes Lernen motiviert.»

Gabriella Fink, Kindergärtnerin

Während Kinderliederstar Andrew Bond aus dem CD-Player sich auf den kommenden Frühling freut, singen die Kinder eifrig mit. Sie stehen dabei nur auf einem Bein. Beim darauffolgenden Vers kraulen sie sich mit Fingerspielen gegenseitig den Rücken. Das fördert das Fühlen und die Konzentration. Nichts geschieht hier zufällig, sagt Gabriella Fink. Im Vorraum des Kindergartens ist ein Hindernisparcours aufgebaut, den die Kinder absolvieren müssen. Dort trainieren sie ihre Geschicklichkeit, ihr Gleichgewicht, auch ihren Mut.

Mut und Geschicklichkeit üben die Kinder auf dem Hindernisparcours, der im Vorraum aufgebaut ist.

Entstanden sei die Idee des Bewegungs-Kindergartens 2004 in Basel-Stadt, sagt Claudia Hensler (30) von der Schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix. Zunehmende Bewegungsdefizite und Übergewicht bei Kindern motivierten damals zum Projektstart. Heute wird das Projekt Purzelbaum bereits in 18 Kantonen umgesetzt. Mit einfachen Mitteln werden vielseitige Bewegungen und ausgewogene Ernährung in den Alltag von Kitas, Kindergärten und Primarschulen integriert.

Purzelbaum ist kein zufälliger Name. Vor 20 Jahren konnten praktisch alle Kinder einen Purzelbaum schlagen, sagt Brigitte Fleuti, Präsidentin Verband Kindergarten Zürich. Heute sei das nicht mehr so selbstverständlich. Gleiches lasse sich etwa auch beim sogenannten Hopsehüpfen beobachten. Die Umgebung sei vielerorts städtischer geworden, viele Kinder könnten nicht mehr so einfach rausgehen und spielen, sagt Fleuti. Das alles führe dazu, dass sich Kinder weniger und damit weniger gut bewegen.

Gamen statt spielen und bewegen

In der Pause gehts an die frische Luft, auch wenn es kalt ist, wie hier im April.

Mehr gamen statt spielen und bewegen ist also Schuld, dass die Kinder gstabig werden? Wissenschaftlich lasse sich das nicht so einfach belegen, sagt dazu Oskar Jenni (48), Leitender Arzt für Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Studien seien wegen verschiedener Forschungsmethoden zwischen den Generationen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangt. So könnten Kinder heute schlechter einen Ball werfen und ein Ziel treffen, und sie schnitten bei Balanceübungen weniger gut ab als Kinder der letzten Generation, also vor etwa 30 Jahren. Dafür scheinen sie besser beim Springen aus dem Stand und im Hindernislauf zu sein, sagt Jenni.

Am Schluss wird aufgeräumt. Das gehört sich so, auch im Purzelbaum-Kindergarten.

Das müsse aber nicht bedeuten, dass die subjektiven Empfindungen von Kindergärtnerinnen und Eltern völlig falsch seien. Laut Jenni ist der Bewegungsfreiraum heute kleiner als früher und es gebe weniger Möglichkeiten für die Kinder, draussen zu spielen. Zudem sei das Sicherheitsbedürfnis der Eltern grösser, was den Spielraum der Kinder zusätzlich einenge. Das hat aber auch dazu geführt, dass der Anteil der Verkehrsunfälle bei Kindern seit Jahren stetig zurückgeht, wie es die Statistiken der Unfallversicherer zeigen, weist Jenni auf einen positiven Punkt hin. Zuverlässige Daten über Bewegungsaktivität gebe es nur für Erwachsene. Dort weiss man, dass wir uns weniger bewegen als früher und oft sitzende Tätigkeiten ausüben, was das Risiko für viele chronische Krankheiten erhöht.
In den Kindergärten in Weisslingen versucht man derweil, diesem Trend so weit wie möglich entgegenzuwirken. Auf dem ganzen Areal des Kindergartens hingen an Ostern Karotten an den Bäumen. Es war keine neue Zucht, sondern das Werk der Kinder, die sich damit beim Osterhasen für die Osternestli bedankten. Gabriella Fink motivierte ihre Kinder auf diese Weise, das ganze Spielplatzgelände zu nutzen die Böschung hinaufzukraxeln, unter Büsche zu kriechen und auf Anhöhen zu klettern. Vielseitige Bewegungsaufgaben machen die Kinder geschickt und klug, meint Gabriella Fink. Unfälle seien noch nie passiert und wenn, sieht sie es gelassen: Zu einer richtigen Kindheit gehört auch mal eine kleine Schramme.

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