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Sauber! Psychologie des Putzens

Lauter Vorzüge Putzen bewirkt die Ausschüttung von Glückshormonen, sorgt für einen klaren Kopf und hilft Kalorien verbrennen. Alles gute Gründe, den Frühlingsputz in Angriff zu nehmen.

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Darrin Vanselow, Heiner H. Schmitt, zVg
13. April 2015

Für Julie Sîrbu aus Lausanne ist Putzen eine Art Ventil.


Bericht

Was gibt es Beruhigenderes, als Pfannen abzuwaschen?

Julie Sîrbu (31) putzt gerne. Als Rezeptionistin, Lehrerin, Studentin der englischen Literatur und Schauspielerin sind ihre Tage mehr als ausgefüllt. Doch von Ausruhen hält sie auch am Wochenende nicht viel. Putzen hilft mir, mich zu entspannen und den Stress der Woche abzubauen. Es ist eine Art Ventil. Das Geräusch von Katzensand im Staubsauger gibt mir ein gutes Gefühl, meint die junge Frau aus Lausanne schmunzelnd.
Ihr 29 Quadratmeter grosses Studio, das sie mit ihrem Freund und drei Katzen teilt, erlaubt es nicht, Dinge herumliegen zu lassen. Deshalb ist sie ständig am Aufräumen und Putzen. Dabei gibt sie alles und putzt mit Staubwedel und Putzlappen bis in die hintersten Winkel.

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Endorphinausschüttung

Bei vielen Leuten ist Hausarbeit ein Mittel, um aufzutanken. Platz schaffen, aussortieren, aufräumen, wegwerfen, staubsaugen dies sind Energiequellen, erklärt die französische Journalistin Anne de Chalvron, die sich intensiv mit der Psychologie des Putzens befasst hat. Sie befragte 200 Leute zum Putzen und Haushalten und schrieb dann ein Buch mit dem Titel Apologie des petites corvées: les plaisirs secrets du ménage. Auf Deutsch heisst das: Verteidigungsrede der kleinen Schindereien die geheimen Vergnügen der Haushaltsarbeiten. Die Idee zum Buch entstand, als Anne de Chalvron die Schriftstellerin Marguerite Duras im Radio erzählen hörte, dass sie erst mit Schreiben beginnen könne, wenn sie das Bett gemacht habe. Einige Zeit später erfuhr ich aus einer Umfrage, dass die Mehrheit der Engländerinnen das Putzen dem Sex vorziehen.

Putzen ist für mich Sport, aber auch Spass.»

Julie Sîrbu, Allrounderin

Beim Putzen könne man sich den Tag nochmals durch den Kopf gehen lassen, ohne dabei von anderen beobachtet zu werden, meint die Journalistin.
Aus medizinischer Sicht führt das Putzen durch die Bewegung und die Befriedigung zur Ausschüttung von Endorphinen, das sind körpereigene Opiate oder Glückshormone. Ich habe Menschen in schwierigen Situationen erlebt, denen Putzen geholfen hat, nicht aufzugeben sagt Anne de Chalvron und fügt an: Was gibt es Beruhigenderes als ein glänzender Boden oder ordentlich auf dem Regal angeordnete Gegenstände? Julie Sîrbu sieht die Dinge genau gleich und verrät, dass ihr seelischer Zustand von der Sauberkeit ihrer Wohnung abhänge.

Sag mir, wie du putzt

Sämtliche Studien zum Thema belegen die wohltuende Wirkung des Putzens. Doch man kann es auch übertreiben: Psychologen sagen, dass Leute, die sehr viel Zeit mit Putzen verbringen, das Altern nicht ertragen, erklärt Anne de Chalvron. Und gewisse Frauen, die manisch aufräumen, haben ein übersteigertes Kontrollbedürfnis gegenüber ihrer Familie.
Manchmal helfe das Putzen, die Mängel in einer Paarbeziehung zu kompensieren. Dies, obwohl Hausarbeit auch heute eine der grössten Konfliktquellen in Partnerschaften ist. In Online-Foren beklagen sich viele Frauen über die mangelnde Beteiligung der Männer. Julie Sîrbu und ihr Partner sind in Sachen Staub auf der gleichen Wellenlänge. Er staubsaugt jeden Tag (wegen der Katzenhaare) und sie geniesst das wöchentliche Putzen.
Laut Anne de Chalvron kann Putzen und die Hausarbeit Paare auch wieder zusammenbringen. Sie erwähnt ein Ehepaar, das kurz vor der Scheidung stand, dann aber beschloss, jeden Sonntagmorgen gemeinsam in den Waschsalon zu gehen und während die Wäsche in der Maschine drehte, zusammen Kaffee zu trinken.

Putzen kann Menschen in schwierigen Situationen helfen, nicht aufzugeben.»

Anne de Chalvron, Autorin

Anne de Chalvron ist überzeugt, dass Männer heute immer weniger Angst haben, ein negatives Image zu erhalten, wenn sie staubsaugen. Der Lausanner Kabarettist Carlos Henriquez erzählt etwa, dass er mit seinen Freunden oft und ohne Hemmungen über Staubwedel und Putzmittel spreche. Früher tauschten wir unsere Putztricks aus. Nach 40 empfiehlt man sich gegenseitig die Putzfrau. Er putzt deshalb heute nicht mehr sehr oft selber, doch sein erstes Geld hat er als Putzmann verdient: Als die Putzfrau meiner Eltern kündigte, bot ich meinen Eltern an, ihren Job zum gleichen Preis zu machen. Nur benötigte ich leider sehr viel mehr Zeit dafür!
Seit zehn Jahren hat der Künstler eine Putzfrau und nein, sie arbeite nicht schwarz! Das Bügeln übernimmt er aber immer selbst. Ich brauche das, das ist schon fast eine meditative Tätigkeit und zudem liebe ich den Geruch. 90 Prozent meiner Ideen kommen, wenn ich nicht angestrengt danach suche. Sein nächstes Programm ab September handelt von den kleinen Dingen, die im Alltag nerven, wie leere Flaschen, die man aufbewahrt, oder Flohmärkte, wo man nach der Frühlingsputzete alles Überflüssige loswerden will und dann dort noch mehr Überflüssiges einkauft.

Eine Generationenfrage

Den Putzperfektionismus hat die junge Schauspielerin Julie Sîrbu von ihrer Mutter geerbt. Sie reinigt jeden Morgen das Badezimmer, selbst, wenn sie zu spät dran ist. Sie bügelte sogar unsere Unterhosen und unsere Socken! Das hat sie geprägt und sicher auch ihren Perfektionismus gefördert. Es ist nie genug, würde ihre Mutter sagen.
Der Generationenwechsel, der Feminismus und die Gleichberechtigung haben dennoch einiges bewegt. Wenn man bedenkt, dass die jungen Frauen noch vor ein paar Jahrzehnten als Hochzeitsgeschenk ein Handbuch für die perfekte Hausfrau geschenkt bekamen, ist die Veränderung schon enorm!, meint Anne de Chalvron. Aus der Ursprungsfamilie übernimmt man oft ein paar tief verwurzelte Gewohnheiten: die Reinigungsmittel oder die Art, das Schwämmchen unter das Spülbecken zu klemmen.

Wer wie Julie Sîrbu Katzen hat, muss oft staubsaugen.

Staubsauger als Schlankmacher

Und für alle, die jetzt noch nicht von der wohltuenden Wirkung des Putzens überzeugt sind, hier das wirklich schlagende Argument: Putzen macht schlank. Der Körper wird beansprucht: Handgriffe, Energieaufwand und Morphologie sind involviert, erklärt Anne de Chalvron. Auch Julie Sîrbu bestätigt: Putzen ist Sport, ich versuche dabei meine Bauchmuskeln anzuspannen. Und ich schwitze. Für die Katzen ist Julies Putzfimmel und Herumgewirbel manchmal fast zu viel, sie verstecken sich in der Badewanne. Ihren Freunden sind ihre Bemühungen rund um die Wohnung ebenfalls nicht entgangen. Zum Geburtstag haben sie ihr ein Putzset mit Gummihandschuhen, Schürze und dazu passendem Eimer geschenkt
Julie nimmts gelassen: Wenn ich mich am Abend in mein frisch bezogenes Bett lege, fühle ich mich wie eine Prinzessin in ihrem glänzenden Schloss.

Hausarbeit in Zahlen

So viel Zeit investieren Frauen und Männer ins Putzen

Frauen wenden 22,6 Stunden pro Woche für die Hausarbeit auf. Am meisten Zeit brauchen sie fürs Kochen (6,8 Std.), dann kommt das Putzen, an dritter Stelle Einkaufen und Abwaschen (je 2,5 Std.).

Männer wenden 14,3 Stunden pro Woche für die Hausarbeit auf. Am meisten Zeit brauchen sie fürs Kochen (3,4 Std.), gefolgt von Putzen, Einkaufen und Garten/Haustiere (je 1,8 Std.).

Tipps

Für den Haushalt

Wussten Sie, dass Zitronensaft bei Tintenflecken auf Kleidern hilft?
Vito de Vito, Dozent an der Berufsschule für Handwerk und Industrie (SPAI) in Locarno, verrät seine Tipps: Fettflecken auf der Granitplatte in der Küche? Einfach mit Mehl bestreuen, ein paar Stunden abwarten, dann rücken Sie den Flecken mit einem fettlösenden Mittel zu Leibe. Alte, hartnäckige Ränder auf Gläsern? Geben Sie Essig, Salz und Reiskörner ins Glas und schütteln Sie mehrmals. Mit Essig kann man auch Wasserkocher entkalken: Lassen Sie den Essig über Nacht einwirken. Für Flecken auf Ledermöbeln ist Reinigungsmilch mein Geheimtipp.
Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) ist der Sturz der häufigste Unfall im Haushalt. Damit der Frühlingsputz nicht im Krankenhaus endet, empfiehlt die bfu, nicht auf Stühle, Kisten oder Bücherstapel zu steigen. Zudem sollte man beim Fensterputzen nie aufs Fensterbrett klettern. Schwere Gegenstände mit geradem Rücken aus der Hocke hochheben und vor der Reinigung von elektrischen Geräten zuerst den Stecker ziehen. Chemische Produkte sollten Sie ausserhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren und deren Gefahrensymbole beachten.

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Prominente ganz ehrlich

So wird zuhause geputzt

Stefan Lambiel, Eiskunstläufer

Stefan Lambiel, Eiskunstläufer

Putzen ist herrlich, vor allem, wenn man fertig ist und alles sauber ist! Ich verbringe mehrere Stunden pro Woche mit Waschen, Aufräumen und Putzen. Ich bin oft unterwegs. Das Waschen nach einer Reise ist mit den Jahren zu einem Ritual geworden und hilft mir, zu Hause wieder in den Rhythmus zu kommen!

Sybil Schreiber, Kolumnistin

Sybil Schreiber, Kolumnistin

Kennen Sie den Film Und ewig grüsst das Murmeltier? So geht es mir in Sachen Aufräumen. Täglich liegen die Schuhe im Weg, Zeitungen am Boden, Bücher unterm Bett, Schultaschen auf der Treppe, Socken neben dem Telefon. Bin ich gut drauf, versorge ich die Sachen. Wenn nicht, pack ich den Kram und pfeffere ihn auf ein Bett. Ein regelrechtes Erfolgserlebnis habe ich mit unserem Auto. Das ist nach dem Putzen so schön aufgeräumt und bleibt es eine Weile, denn wir fahren nicht viel Auto. Frühjahrsputz? Mach ich, aber im Frühling bin ich lieber im Garten.

Peter Rothenbühler, Journalist

Peter Rothenbühler, Journalist 

Hausarbeiten sind für mich eine entspannende Abwechslung. Allerdings mache ich so wenig wie möglich. Bei uns ist immer schon geputzt. Am liebsten räume ich den Tisch ab, putze Pfannen, feure ein, wechsle Glühbirnen oder trage Abfall runter. Im Staubsaugen bin ich gut. Beim Putzen fühle ich mich zwar nützlich. Aber wissen Sie, meine Grossmutter Rosa hat so viel geputzt, dass es für vier Generationen reicht. Deshalb heisst Frühjahrsputz für mich: Fenster auf, lasst die Sonne rein!

Natalie Marrer, Bloggerin

Natalie Marrer, Bloggerin

Wenn ich meine Putzfaulheit bezwingen kann, putze ich jede Woche mein ganzes Zimmer. Dabei höre ich Musik und tanze ein bisschen mit dem Swiffer. Das Abstauben hasse ich, das Staubsaugen finde ich nicht allzu übel. Ich bügle und wasche gerne, falls man das als Putzen bezeichnen kann. Für den klassischen Frühjahrsputz fühle ich mich etwas zu jung. Vielleicht habe ich auch ein Kindheitstrauma, da meine Mam mich immer gezwungen hat, alle Fenster mit ihr zu putzen. Gott sei Dank habe ich nur eines in meinem Zimmer, das macht mich echt glücklich.

Chris von Rohr, Musiker

Chris von Rohr, Musiker

Hausarbeiten sind für mich paradiesisch, weil sie zum Grossteil meine wunderbare Putzfee macht! Ich bin ja zuständig für Meh Dräck! Aber hie und da ne Glühbirne wechsle ich schon selbst aus. Aufräumen und Ordnen mach ich, wenn ich in Laune bin und nichts Gescheiteres zu tun hab. Es lebe das kreative, geordnete Chaos! Am liebsten arbeite ich klar im Garten, das ist wie Pilates. Da muss ich dem Löwenzahn und den Schlingpflanzen Paroli bieten. Besonders gern putze ich meine Gold- und Platinscheiben, da kommt Stimmung auf.

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Ist Putzen bei Ihnen zu Hause Frauensache? Oder beteiligen sich alle daran?»

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