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Stille Nacht! Schenken sie sich Ruhepausen

Kaum jemand beherrscht noch die Kunst des Nichtstuns. An Weihnachten bietet sich die Gelegenheit, abzuschalten und der Stille endlich wieder mehr Raum zu geben.

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Prisma, Marc Dahinden, Infografik: Nik von Almen
21. Dezember 2015

Entspannt im Hier und Jetzt: Die Weihnachtszeit ist eine gute Gelegenheit, sich im Nichtstun zu üben.


Innehalten

Mit sich selbst in Kontakt zu bleiben scheint schwer zu sein. Dafür sind die meisten Menschen permanent online und für andere erreichbar. Unterliegen wir dem Diktat der Zeit, in der wir leben?
Teilweise schon. All diese Geräte beanspruchen uns zusätzlich. Wenn ich beispielsweise am Bahnhof stehe und auf den Zug warte, atme ich tief durch und entspanne mich. Da bin ich aber oft der Einzige. Rund um mich herum sind die meisten mit ihrem Smartphone beschäftigt. Die Freiräume, die wir im Alltag hätten, nutzen wir gar nicht aus. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir einen angemessenen Umgang damit lernen können. Es geht nämlich nicht darum, auf eine Insel zu gehen und mit den Affen zu leben.

Man könnte meinen, das Fest der Liebe sei ideal, um zur Ruhe zu kommen. Dennoch gelingt dies den wenigsten die meisten Menschen sind an Weihnachten noch gestresster als sonst. Woher kommt dieser Widerspruch?
Zunächst einmal sind die Erwartungen an das Fest natürlich unglaublich hoch. Die grösste Schwierigkeit aber ist, dass viele Menschen während des ganzen Jahres von einem Termin zum nächsten rennen. Während der Adventszeit kommt dann noch mehr Stress hinzu. Das ist wie ein Schnellzug, der immer in vollem Tempo unterwegs ist. Da kann man auch nicht plötzlich aussteigen.
An Weihnachten das Denken einfach umzustellen funktioniert nicht.

Wir rennen ständig Problemen und Aufgaben hinterher.»

Hanspeter Ruch (62), Psychotherapeut und Buchautor

Ist also unsere Lebensweise das Problem?
Absolut. Wir haben ständig eine Checkliste zur Hand und rennen Problemen und Aufgaben hinterher, im Irrglauben, es werde irgendwann besser: nur noch das oder jenes erledigen, dann kommt das grosse Glück. Die meisten Menschen reden sich dies jahrelang ein. Aber: Wir werden zu dem, was wir üben. Was der Mensch ins Zentrum stellt, wird wachsen wie ein Samenkorn, das man giesst. Das gilt leider auch für die Unachtsamkeit im Umgang mit sich selbst.

Haben wir zu wenig Zeit oder teilen wir unsere Zeit falsch ein?
Zeit ist nur ein Konzept. Wir haben eigentlich genug Zeit, aber wir füllen den Alltag mit Problemen und Aufgaben. Das Leben vieler Menschen ist wie eine volle Rumpelkammer. Raum zum Leben bleibt da einfach nicht. Das fängt schon am Morgen an. Zuerst ist es für einen Moment still, aber noch während wir im Bett liegen, geht es schon los: Wir denken an alle Aufgaben und Probleme, die auf uns warten, und schon sind wir mitten im Programm drin. Das Leben ist nun mal eine Baustelle.

Eine ewige Baustelle, notabene.
Das ist tatsächlich so. Es gibt immer etwas zu tun. Kaum haben wir das eine erledigt, tun sich in einem anderen Lebensbereich Probleme auf. Seien das Sorgen mit den Kindern, unbezahlte Rechnungen, Ärger im Job oder ein Wasserrohrbruch. Das alles gehört zum Alltag. Umso wichtiger ist es, dass wir in uns selbst ruhen. Der grösste Energiefresser ist, dass es in uns drin nicht mehr still ist.

Sie sagen explizit nicht mehr still war es denn irgendwann einmal stiller?
Ja, selbstverständlich als wir klein waren. Schauen Sie einmal einem Baby in die Augen. Es ist einfach nur da, sieht uns an und staunt über das Leben. Kleine Kinder haben diese Qualität. Sie leben nur im Moment, es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nun geht es natürlich nicht darum, dass wir alle wie Babys sein sollen. Aber wir müssen erkennen, dass wir das falsche Lebenskonzept übernommen haben, und zwar meistens ungefragt. Arbeit und Leistung, das ist nicht der Sinn des Lebens. Es gibt andere Kulturen auf der Welt, wo man seinen Pflichten auch nachkommt und trotzdem ganz entspannt lebt. Wir sind so gefangen in diesem Hamsterrad.

In unserer Kultur ist Müssiggang verpönt wer nichts tut, gilt als faul. Haben wir darum Angst vor dem Nichtstun, vor der Leere?
Wir kennen sie nicht, das ist das Problem. So viele Jahre haben wir unseren Geist nach den Prinzipien der Leistungsgesellschaft trainiert. Das rächt sich jetzt. Sobald wir innehalten, meldet sich eine innere Stimme, die sagt Pass auf, das ist gefährlich oder Das ist langweilig. Leider hören wir immer auf diese Stimme. Die Leere ist also unbekannt und das Unbekannte macht Angst. Diese Barriere müssen wir überschreiten.

Was ist eigentlich Nichtstun? Eigentlich tue ich ja immer etwas, selbst wenn ich nur auf dem Sofa liege und lese. Soll ich einfach nur rumsitzen?
Meistens mache ich ja etwas, weil der Kopf sagt, du musst. Das Nichtstun oder die Musse erfordert eine andere Haltung. Es bedeutet, etwas aus einer inneren Freiheit heraus zu machen. Das heisst nicht, dass Sie nur herumliegen müssen. Sie dürfen auch ein Buch lesen oder spazieren gehen. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, warum und für wen Sie es tun. Fragen Sie sich bewusst: Wer treibt mich an, für wen mache ich das jetzt? Für mich selbst? Oder ist es wieder ein Programm, das abläuft?

Kann man das Nichtstun lernen?
Klar. Alles, was man übt, wird gross. Wenn Sie Klavierspielen lernen und jeden Tag üben, spielen Sie am Schluss Mozart. Mit dem Innehalten ist es genau das Gleiche: Wenn Sie es regelmässig tun, werden Sie sich mit der Zeit daran gewöhnen, wie an das Zähneputzen. Allerdings ist alles Neue anspruchsvoll. Die Schwierigkeit ist nicht, anzufangen, sondern dranzubleiben. Hier hilft eine überzeugte Haltung: Wenn Sie wissen, was Ihnen gut tut und Ihre Bedürfnisse bestimmt einfordern, wird Sie nichts daran hindern können, das Nichtstun zu üben.

Die ruhigen und besinnlichen Feiertage bieten eine wunderbare Gelegenheit, eine Richtungsänderung anzugehen. Nicht umsonst lautet ein beliebter Neujahrsvorsatz weniger Stress. Was raten Sie?
Warten Sie nicht, bis die grosse Krise Sie anfällt. Treffen Sie jetzt eine Vereinbarung mit sich selbst, fangen Sie an, Ihren Alltag bewusster zu leben und bleiben Sie dran. Die meisten Menschen handeln erst, wenn es ihnen schon schlecht geht. Wenn sie daheim schlaflos im Bett liegen, kommt die späte Einsicht. Das ist die Tragik der heutigen Zeit: Uns fehlt die Weisheit, zu erkennen, dass das Leben kostbar und einmalig ist.

Haben Sie ein besonderes Ritual, mit dem Sie sich in Ruhe auf Weihnachten einstimmen?»

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