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Windel will weg: Trocken durch Training?

Mit einem Jahr gehen, mit zwei Jahren reden, mit drei Jahren trocken. So lautet bei uns in etwa die Faustregel für die normale Entwicklung von Kindern. Die Schweden machens anders.

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Classic Stock
24. August 2015
Kinder werden mit etwa drei Jahren trocken. Das lässt sich auch mit Training nicht beschleunigen, sagt Kinderarzt Sepp Holtz.

Kinder werden mit etwa drei Jahren trocken. Das lässt sich auch mit Training nicht beschleunigen, sagt Kinderarzt Sepp Holtz.


Aufs Töpfchen

Schweden vs. Schweiz: Beim Töpfchentraining gehen die Meinungen auseinander.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wer kennt diesen pädagogischen Lehrsatz nicht? Er gilt immer und überall. Ausnahmen gibt es wenige, allenfalls das Trockenwerden der Kinder. Das passiert irgendwann automatisch. Meinte man bisher.
In Schweden denkt man heute anders. Dort wird das sogenannte Töpfchentraining stark gefördert. Man sollte dies tun, bevor das Kind laufen kann, sagt etwa die schwedische Psychologin Helena Bergqvist (65). Sie ist an der Kinderklinik am Akademiska Sjukhuset in Uppsala mit den Folgen des späten Trockenwerdens konfrontiert. In den Spitälern in Schweden musste sie immer mehr Kinder behandeln, die nicht aufs Töpfchen gehen konnten. Bisher habe man in Schweden die Kinder erst mit etwa 18 Monaten aufs Töpfchen gesetzt. Dieser Zeitpunkt erschwere das Trockenwerden, denn die Windeln würden die Kinder davon abhalten, ihr Geschäft zu machen, meint Bergqvist. Mit Windeln wird es für die Kinder schwieriger, den Darm oder die Blase vollständig zu leeren. Die Folge: Sie bekommen Verstopfungen oder Blasenentzündungen. Deshalb werden schwedische Eltern angehalten, ab dem 10. Lebensmonat mit dem Töpfchentraining anzufangen

Immer mit der Ruhe

Unsinn, sagt dazu Sepp Holtz (59), Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Entwicklungsspezialist am Kinderspital Zürich. Eine Schweizer Studie von Kinderarzt Remo Largo aus dem Jahr 1996 zeige, dass jedes Kind seinen eigenen Zeitpunkt habe, um sauber zu werden. Dieser sei unabhängig davon, wann das Kind mit dem Töpfchentraining anfängt. Die Zeit nutzt man besser zum Spielen, meint Holtz. Ich betone immer, dass man mit einem Jahr noch nicht ans Töpfchen denken muss, denn viele Eltern fühlen sich durch die ältere Generation unter Druck, dass das Kind möglichst früh trocken werde.

Kinder entwickelten zwischen zwei und fünf Jahren ein Gefühl dafür, wann sie müssen, sagt Holtz. Etwa zehn Prozent der gesunden Kinder seien selbst mit vier Jahren tagsüber und mit fünf Jahren nachts noch nicht ganz trocken. Dies ist ganz normal und oft familiär bedingt. Die meisten Kinder in der Schweiz sind mit etwa 36 Monaten tagsüber trocken. Vermehrte psychosomatische Probleme wie in Schweden hat man hierzulande nicht feststellen können, sagt auch Angelina Grazia (56), Mütterberaterin aus Samedan GR. Schuldgefühle und Verstopfung beim Kind kommen laut Grazia nicht vom späten Trockenwerden, sondern eher vom Druck der Gesellschaft. Das Kind spürt die Erwartungshaltung der Eltern oder der Betreuungspersonen.
Ähnlich tönt es beim Windelhersteller Pampers. Eine rigorose Erziehung oder ein bewusst herbeigeführtes Unwohlsein durch nasse Windeln seien dem Ziel des Sauberwerdens nicht zuträglich, sagt Katharina Marquardt, Leiterin der Wissenschaftskommunikation. Uns liegt das Wohl von Babys am Herzen. Deshalb bemühen wir uns, Windeln zu entwickeln, die Babys trocken halten.

Öfter probieren erhöht die Chance

In der Schweiz gilt das Buch Babyjahre von Kinderarzt Remo Largo (72) immer noch als Wegweiser in der Kinderentwicklung. Largo empfiehlt darin, gänzlich auf das Töpfchentraining zu verzichten. Aufs Töpfchen gehen zu können, sei ein Reifungsprozess und könne nicht forciert werden.
Die neue schwedische Lehrmeinung scheint indes nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein. Immerhin hat sich der Zeitpunkt des Trockenwerdens deutlich nach hinten verschoben: Vor 60 Jahren waren Kinder in Europa und in den USA bereits mit 18 Monaten trocken. Und: Diverse Studien zeigten, dass Kinder bereits im ersten Lebensjahr spüren können, wann sie aufs Töpfchen müssen, sagt Helena Bergqvist. Kinderarzt Sepp Holtz relativiert: Es ist richtig, dass schon Säuglinge bestimmte Zeichen geben, wenn sie müssen. Kleinkinder machen dann ihr Geschäft, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt aufs Töpfchen setzt. Mit Kontrolle der Ausscheidungen hat das aber nichts zu tun. Auch dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, wenn man das Kind oft aufs Töpfchen setze, lerne es, den Darm zu kontrollieren. In Armenien, das ich durch meine Arbeit gut kenne, wurden früher die Kinder in den Krippen nach jedem Essen aufs Töpfchen gesetzt. Das erhöht natürlich die Chance, dass sie ins Töpfchen machen und auch Zweijährige abends noch saubere Unterhosen haben. Es hat aber nichts mit Kontrolle zu tun. Das ist einfach eine unsinnige Fleissleistung des Krippenpersonals.
In Schweden probiert man trotzdem den neuen Weg: Für Ulrika Adolfsson (47), Krankenschwester in einem Kindergesundheitszentrum in Uppsala, überwiegen die Vorteile: Die Kinder bekommen ein gutes Gefühl, wenn sie merken, dass sie ihre Ausscheidung kontrollieren können.

Windeln: Vom Moos zum Seitenbund

Vor der industriellen Revolution wurden Leintücher mit Moos gefüllt oder handgewebte Wickel verwendet.

Ab den 30er-Jahren entstanden Ideen für Einwegwindeln: Weiche Gewebetücher wurden in Stücke geschnitten und in die Hose gelegt.

1961: Procter&Gamble lanciert Pampers.

1966: Pampers bekommen klappbare Seitenflügel.

1973: Pampers-Windeln werden in der Schweiz eingeführt.

1987: Der neue, saugfähige Kern entsteht.

1989: Die Pull-up-Höschen kommen.

1991: Pampers produziert New Baby, Active Fit und Easy Up.

2000/01: Die superelastischen Seitenbündchen kommen.