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Wunschkinder: Ungewollte Kinderlosigkeit

Eines von sieben Paaren in der Schweiz benötigt heute medizinische Hilfe, um ein Kind zu zeugen. Für die Paare eine emotionale Achterbahnfahrt.

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Keystone, zVg
08. Juni 2015

Bei künstlichen Befruchtungen gibt es mehr Zwillingsgeburten als bei der natürlichen Zeugung.


Bericht

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Helene Saxer Gogos (41), Gynäkologin

Heute weiss Daniel nicht mehr, was er damals gestammelt hat. Aber wahrscheinlich merkte der Kollege, dass ihm das Thema unangenehm war. Daniel und seine Frau haben zwar nie ein Geheimnis um die künstliche Befruchtung ihrer Kinder im Reagenzglas gemacht. Aber sie gehen auch nicht hausieren damit. Das ist nicht untypisch, sagt die Gynäkologin Helene Saxer Gogos (41). Die Reproduktionsmedizin ist ein grosses Tabuthema. Auch nach einer erfolgreichen IVF behalten das viele Paare lieber für sich (Grafik Seite 27). Saxer arbeitet im Fachinstitut für Reproduktionsmedizin Fiore in St.Gallen und betreut Paare, die medizinische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um ein Kind zu bekommen. In den letzten Wochen wurde das Thema wegen der Abstimmung über die Präimplantationsdiagnostik am 14.Juni viel diskutiert. Heute kommen auf 100 natürlich gezeugte Kinder geschätzte zwei Kinder aus einer medizinisch unterstützten Zeugung zur Welt, also etwa 2000 pro Jahr.

Eines von sieben Paaren ist heute in der Schweiz ungewollt kinderlos und braucht medizinische Unterstützung bei der Zeugung. Das reicht von sogenannt einfachen Fällen, die medikamentös oder operativ gelöst werden können, über Insemination bis zur Invitro-Fertilisation, erklärt Felix Häberlin (60). Häberlin ist leitender Arzt der Fortpflanzungsmedizin an der Frauenklinik des Kantonsspitals St.Gallen. Die Erfolge der Reproduktionsmedizin sind beachtlich: Von zehn Frauen, die sich in eine Behandlung begeben, werden sieben bis acht Frauen schwanger.

Ältere Mütter

Nach einem steten Anstieg der Zahl von Paaren, die sich in eine Fruchtbarkeitsbehandlung begeben, ist laut Häberlin jetzt ein Plafond erreicht. Warum so viele Paare keine Kinder bekommen können, ist nur teilweise erklärbar, die Ursachen sind vielfältig. Ein wichtiger Faktor ist laut Häberlin, dass das Durchschnittsalter der Frauen bei der Erstgeburt in den letzten 50 Jahren von 25,6 auf 31,6 Jahre gestiegen ist. Die Frauen, die sich in eine Fruchtbarkeitsbehandlung begeben, sind im Durchschnitt 36 Jahre alt. Die Ursache liegt aber nicht nur bei den Frauen. Die Statistik zeigt, dass in etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle die Frau die Ursache der Unfruchtbarkeit ist, in 30 bis 40 Prozent ist es der Mann, manchmal beide. Manchmal ist die Ursache unklar. Ganz schwierig sei die Forschung beim Mann, sagt Häberlin, weil keine früheren Vergleichsdaten vorliegen. Tendenziell stellen Forscher einen Rückgang der Spermienqualität fest. Derzeit halten sie Umweltfaktoren für die Hauptursache: Männer nehmen zu viele östrogenähnliche Stoffe auf, die aus dem Kunststoffabbau stammen.

Felix Häberlin (60), leitender Arzt der Fortpflanzungsmedizin an der Frauenklinik des Kantonsspitals St.Gallen. 

Für Frauen ist die Behandlung fast schmerzfrei.»

Für die Frau ist die Behandlung laut Häberlin fast schmerzfrei. Viele machen jedoch emotional schwere Zeiten durch, auch Daniel und seine Frau. Bei einer IVF-Behandlung weiss man von Anfang an, dass eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter der Frau ist. Wenn sich das Ei dann aber nicht einnistet und die Menstruation einsetzt, ist die Enttäuschung riesig. Es seien dieselben Gefühle, die ein Paar hat, das sein Kind in den ersten Wochen verliere, sagt Häberlin. In der Natur passiere das andauernd, nur weiss das Paar dann gar nicht, dass eine Befruchtung stattgefunden hat. Kommt hinzu, dass eine IVF-Behandlung nicht billig ist. 5000 bis 8000 Franken kostet ein Behandlungszyklus, den das Paar selbst bezahlen muss. Die Krankenkasse übernimmt nur die Kosten für drei (viel günstigere) Inseminationen. Die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Fruchtbarkeitsbehandlung sind neben dem Alter der Frau die sorgfältige Arbeit des Arztes und die Qualität des Labors, sagt Häberlin. Wenn alles stimme, stehen die Chancen für eine Schwangerschaft bei 35 bis 45 Prozent pro zurückgegebenem Embryo. Die kumulative Chance von IVF über mehrere Zyklen ist deutlich höher.

Daniels Kollege hatte seine Bemerkung übrigens keineswegs aus der Luft gegriffen: Bei einer künstlichen Befruchtung kommt es 15 Mal häufiger zu Zwillingen als bei einer Spontanzeugung.

Zur Internetseite des BetroffenenNetzwerks Kinderwunsch Zu swissmom alles über Schwangerschaft, Geburt, Baby und Kind

Fortpflanzungsmedizin

Intrauterine Insemination

In vitro-Fertilisation

Intracytoplasmische Sperma-Injektion

Ein geeignetes Spermium wird mit einer Mikronadel in die reife Eizelle eingebracht bei niedriger Sperma-Qualität oder bei unbeweglichen Spermien. *

* Quelle: www.t-online.de

Beispiele

Beispiel 1: Antikörper

Florence (37) und Paul (38) haben einen Sohn (2). Und sie hätten gern ein Geschwister für ihn. Aber auch nach acht Versuchen wurde Florence nicht mehr schwanger.

Wir haben lange Zeit nicht gewusst, warum wir kein Kind bekommen können. Die Spermiogramme von Paul wurden zweimal untersucht, es war alles okay. Dann wurde vermutet, es läge an Florence, zu wenig Gelbkörperhormon. Zwei Jahre versuchten sie es mit Inseminationen. Dann wendeten sie sich an eine Spezialklinik. Dort fand man heraus, dass Pauls Körper Antikörper gegen die eigenen Spermien produziert. Florence und Paul können gar kein Kind auf natürliche Weise bekommen. Hätten wir das von Anfang an gewusst, hätten wir uns einiges erspart. Wir entschieden uns für eine IVF. Nachdem die beim ersten Kind auf Anhieb erfolgreich war, wagten wir, das ganze für ein zweites Kind auf uns zu nehmen. Doch das ging nicht mehr. Inzwischen hat das Paar acht erfolglose Versuche hinter sich mit allen Nebenerscheinungen: Hormonbehandlungen, Stimmungsschwankungen, Hoffnung und Enttäuschung. Jetzt brauchen wir eine Pause oder ein Ende des ständigen Hin und Her zwischen Hoffen und Bangen, damit die Familie wieder in den Vordergrund rückt. Diese ständigen erfolglosen Versuche dominieren das ganze Leben, und die Hormonbehandlungen gehen auch nicht spurlos an einem vorbei. Florence braucht auch psychologische Unterstützung. Ob die beiden es nochmal probieren, wissen sie noch nicht. Aber wir hätten von der letzten Eizellenentnahme noch eingefrorene Eizellen.

Beispiel 2: Erfolg dank Spendersamen

Peter (32) und Gabriella (32) sind die glücklichen Eltern des 16 Monate alten Samuel. Samuel ist der Sohn von Gabriella und einem unbekannten Samenspender.

Peter ist Träger einer Erbkrankheit. Sie birgt die Gefahr in sich, dass seine Kinder körperlich und geistig schwer krank zur Welt kommen. Feststellen lässt sich das mit einer Untersuchung der befruchteten Eizelle, bevor sie der Frau eingesetzt wird (Präimplantationsdiagnostik). Weil das Verfahren in der Schweiz verboten ist, reisten wir nach London in eine Klinik. Wir haben drei Mal eine Invitro-Fertilisation (IVF) durchgemacht: medikamentöse Stimulierung der Frau, damit die Eierstöcke möglichst viele Eizellen heranreifen lassen, dann die genau auf den richtigen Zeitpunkt abgestimmte, spontane Reise nach London zur Befruchtung und Untersuchung der Zellen. Insgesamt konnten wir vier Mal eine gesunde Eizelle einsetzen, haben aber alle verloren, einmal erst in der zehnten Woche. Das war emotional eine ganz harte Zeit. Wir haben damals viel miteinander geredet, über unsere Pläne und Gefühle. Irgendwann gaben wir auf. Wir wollten nicht mehr. Emotional nicht mehr und finanziell nicht mehr. Bis dahin hatte uns das rund 50000 Franken gekostet und nur Enttäuschungen gebracht. Dadurch rückte unser Plan B immer mehr in den Vordergrund: Spendersamen. Zuerst mussten wir uns klar werden, ob wir das wirklich wollten. Können wir ein Kind lieben, das nur zur Hälfte unsere Gene in sich trägt? Nach vielen Gesprächen miteinander, aber auch mit einem Psychologen, haben wir uns für eine Insemination mit Spendersamen entschieden. Das hat funktioniert und wir haben Samuel bekommen.

Beispiel 3:Schneller Erfolg

Sandra (38) und Andreas (39) haben drei Kinder. Eines ist vier, die Zwillinge sind zwei Jahre alt. Alle drei wurden mit Unterstützung der Reproduktionsmedizin gezeugt.

Kinder waren lange Zeit kein Thema für uns. Mit gut 30 aber wurde der Kinderwunsch aktuell. Nachdem wir ein halbes Jahr vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen, wendeten wir uns an die Klinik für Reproduktionsmedizin in St. Gallen für weitere Abklärungen. Es stellte sich heraus, dass sowohl der Hormonspiegel von Sandra wie auch die Spermienqualität von Andreas nicht optimal waren. Nach drei erfolglosen Inseminationen entschieden wir uns für die Invitro-Fertilisation (IVF). Sandra wurde bereits im ersten Versuch schwanger. 2010 kam unser erstes Kind zur Welt, zwei Jahre später entstanden aus eingefrorenen Eizellen aus demselben Zyklus die heute zweijährigen Zwillinge. Auch wenn es bei uns schnell geklappt hat: Die Zeit davor war sehr nervenaufreibend; in dieser Zeit drehte sich alles ums Kind. 2009 brauchten wir sogar ein Time-out: Ein halbes Jahr vermieden wir es bewusst, Kinder zum Thema zu machen. Wir kauften ein Pferd, ein kleines Auto wir mussten unsere Köpfe freibekommen. Danach haben wir uns ein Zeitfenster von einem Jahr gegeben. Wären wir in dieser Zeit nicht schwanger geworden, hätten wir unser Leben anders ausgerichtet. In unserem Umfeld kennt nur ein kleiner Kreis unsere Geschichte. Wir machen kein Geheimnis daraus, hängen es aber auch nicht an die grosse Glocke. Wir schämen uns nicht, sondern sind glücklich, dass wir die Möglichkeiten der modernen Medizin nutzen konnten.