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10 Jahre Rat der Religionen

Nun sag, wie hast dus mit der Religion?, liess Goethe einst sein Gretchen den Heinrich Faust fragen. Solche Fragen können Sie dem Rat der Religionen stellen.

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Philipp Zinniker
25. April 2016

Gottfried Locher mit dem Koran in der Hand und einer Bibel und Tora auf dem Büchergestell: Wir diskutieren im Rat intensiv, denn die Positionen liegen manchmal weit auseinander.


Kirchen

Vor zehn Jahren wurde der Rat der Religionen gegründet. Seither hörte man wenig von ihm. Zu wenig, das findet auch Gottfried Locher (49), der neue Vorsitzende des Rats, der zugleich Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes ist. Er will dies nun ändern. Wir sind unterwegs für den religiösen Frieden und wollen dies auch stärker zeigen, sagt er im Interview. Dem Rat gehören christliche, muslimische und jüdische Vertreter an. Am 22.Mai sind die Ratsmitglieder mit vielen Prominenten in einem Extrazug zwischen St.Gallen und Genf unterwegs, um sich mit der Bevölkerung sinnlich und humorvoll über Gott und die Welt zu unterhalten.

Nun gibt es den Rat der Religionen seit zehn Jahren. Kennen sich die Mitglieder untereinander noch nicht gut genug?
Wir haben uns in den letzten zehn Jahren immer besser kennengelernt, aber es gibt noch so viel, über das wir sprechen müssen. Dabei meine ich nicht nur das Schöne und Gute, mit denen die Religionen den Menschen Halt geben. Gerade in der heutigen Zeit, wo Extremisten die Menschen mit Gewalt auseinanderbringen wollen, müssen wir auch über die Kehrseite sprechen, um dann das Verbindende zu finden. Ein spannender, langwieriger wie oftmals auch sehr schwieriger Prozess.

So schwierig, dass man bis heute recht wenig hörte vom Rat der Religionen?
Ja, wir mussten erst mal die Grundlagen, die Vertrauensbasis schaffen. Nun möchten wir als Rat für die Bevölkerung sichtbarer werden. Man darf den internen Teil des Rats aber keineswegs unterschätzen. Das ist quasi ein Schonraum, in dem Religionsvertreter, die in ihren Gemeinschaften Einfluss haben, miteinander Klartext reden können. Interreligiöser Dialog heisst auch, miteinander zu streiten. Und das ist gut so. Sobald das öffentlich wird, beginnen alle, diplomatisch zu werden.

Wie funktioniert die Arbeit im Rat der Religionen konkret?
Die Mitglieder drei Christen, ein Vertreter der jüdischen Gemeinschaft und zwei Muslime kommen vierteljährlich zusammen und tauschen sich über aktuelle Themen aus. Es braucht eine gemeinsame Basis, sodass wir in heiklen Fällen, wie etwa nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo oder den Terrorattacken in Brüssel, eine gemeinsame Stellungnahme abgeben können. Wir diskutieren intensiv, denn die Positionen liegen manchmal weit auseinander.

Was meinen Sie damit?
Nehmen Sie das Beispiel der Mohammed-Karikaturen: Es war für mich interessant zu sehen, wie man Religionsfreiheit ganz verschieden verstehen kann. Jemand aus dem Nahen Osten kennt diese Form der Religionssatire nicht und hat somit auch nicht viel Verständnis dafür. Ich persönlich habe einen anderen kulturellen Hintergrund und finde, die Freiheit geht so weit, dass man jemanden hin und wieder auch beleidigen darf. Und man muss damit umgehen können, beleidigt zu werden. Denken Sie an Monty Python, die in Life of Brian den gekreuzigten Jesus singend dargestellt haben. Wo die Grenze des Erlaubten ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Über diese Grenzen wird der Rat vermutlich nie einig sein.
Wohl kaum. Darum ist es nicht zu unterschätzen, was der Rat erreicht hat allein durch die Tatsache, dass es ihn als Rat gibt noch immer gibt. Heute sind wir Dialogplattform wie auch gemeinsam Ansprechpartner für die Bundesbehörden. Doch wir sind uns einig, dass es verschiedene Ansichten gibt und dass man das akzeptieren muss.

Man muss damit umgehen können, beleidigt zu werden.»

Gottfried Locher, Vorsitzender des Rats der Religionen

Klingt bescheiden.
Im Gegenteil! Wir sind verwöhnt, weil religiöser Friede der Normalfall zu sein scheint. Dabei ist unser Land in der Vergangenheit durch manchen religiös oder konfessionell motivierten Krieg gegangen. Wenn wir den Religionsfrieden wahren und das Verständnis füreinander festigen können, ist schon viel erreicht. Das heisst aber nicht, dass wir alle gleicher Meinung sein müssen. Die Kunst ist, mit verschiedenen Meinungen umgehen zu können.

Herrscht darüber Einigkeit im Rat?
Ja, wir wollen, dass sich die Menschen ob Christen, Juden, Muslime oder Andersgläubige auf Augenhöhe begegnen können und das Unterschiedliche als Bereicherung und nicht als Bedrohung wahrnehmen. Darum sind wir am 22. Mai mit vielen spannenden Menschen, mit Künstlerinnen, Schriftstellern, Musikerinnen und Politikern aller Religionszugehörigkeiten in einem Extrazug unterwegs. Manche sind religiös, andere weniger, manche gar nicht: Uns interessiert ganz nach Faust, wies die Menschen mit dem Glauben haben. Wir wollen, dass fremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen, mit Humor, kritisch und gerade wenn es um heikle Themen geht immer mit Respekt.

In der Schweiz stellt man eine wachsende Islamophobie fest. Was sagt der Rat dazu?
Das ist ein wichtiges Thema im Rat. Wir versuchen auf verschiedenen Ebenen Verständnis zu schaffen auf beiden Seiten. Die Muslime sollten die berechtigten Ängste vor dem Islamismus ernst nehmen, die Christen und Juden sollten zur Kenntnis nehmen, dass nicht alle ihre Ängste berechtigt sind. Wichtig ist, dass die Menschen sich überhaupt kennenlernen. Das stellen wir immer wieder fest: Der persönliche Kontakt ist das A und O für den kulturellen Frieden. Der Rat der Religionen macht das zuerst einmal unter sich.

Werden im Rat auch ganz praktische Themen diskutiert, etwa Sport- und Schwimmunterricht für alle in der Schule?
Ja. Ich war selber schon dabei, als der Rat vermittelnd eingriff, um zu erklären, warum die Regeln in der Schweiz so sind, wie sie sind und ob es allenfalls eine Kompromisslösung gibt.

Dürfen Kreuze in Schulzimmern hängen?
Ich finde, in einem Land, das diese kulturelle Tradition hat, darf das sein. Aber darüber haben wir im Rat nie diskutiert.

Minarettverbot?
Der Rat der Religionen war damals entschieden gegen das Verbot. Es hilft nichts, wenn man die Religion in die Unsichtbarkeit verdrängt.

Burkaverbot?
Ich persönlich finde, hier diskutieren wir ein Thema, das mit Blick auf die wenigen Burkaträgerinnen in der Schweiz gar viel Aufmerksamkeit bekommt. Aber die Diskussion wird aufgrund der angekündigten Volksinitiative auf den Rat der Religionen zukommen, weshalb wir auch in diesem heiklen Punkt eine Linie finden müssen. So viel vorweg: Auch die muslimischen Vertreter im Rat sind der Meinung, dass man bei uns sehen soll, wer das Gegenüber ist.

Über eine viel wichtigere Gruppe haben wir noch nicht gesprochen, nämlich die nach den Katholiken und den Evangelischen drittgrösste Konfession: die Konfessionslosen. Sind die auch ein Thema für den Rat?
Sie sind ehrlich gesagt nicht auf dem Radar, wir haben genug Themen unter den Religiösen. Aber mir persönlich ist es ein sehr grosses Anliegen, weil es viele Fragen auftut: Werden die Religionen irgendwann beschränkt in der Ausübung des Glaubens? Kommt die Forderung, dass die Religionen aus der Öffentlichkeit verschwinden sollen? Dürfen christliche Festtage noch staatliche Feiertage sein?

Wie denkt man beim Rat der Religionen über die aktuelle Flüchtlingskrise, die Europa in Atem hält?
Es betrifft die Mitglieder sehr verschieden, aber alle sind betroffen. Die Christen nicht zuletzt, weil die Christen im Nahen Osten unter Druck geraten. Die muslimischen Vertreter, weil die Flüchtlinge mehrheitlich aus muslimischen Ländern kommen und die jüdischen Vertreter, weil die Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen Antisemitismus weit verbreitet ist.

Was wäre die Lösung der Krise? Gibt es überhaupt eine Lösung?
Wir müssen einen Weg finden, mit den Flüchtlingen so umzugehen, dass wir auch weiterhin Platz für Flüchtlinge haben, die tatsächlich unseren Schutz brauchen. Das gehört zu unserer humanitären Tradition. Unsere Aufgabe im Rat der Religionen ist es, den Religionsfrieden zu wahren, dass also nicht aus religiösen Gründen Spannungen in unserem Land entstehen.

Geht es dem Rat der Religionen um den Religionsfrieden oder auch um das Verständnis zwischen den Kulturen?
Das kann man nicht trennen. Schon im Osten Europas, aber ganz sicher im Nahen Osten sind Religion und Kultur nicht so zu trennen, wie wir das tun. Das ist eine Einheit, nicht nur bei den Muslimen, auch bei den Christen. Hier kann der Rat der Religionen helfen, bei uns das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass für die Menschen, die zu uns kommen, Religion und Kultur nicht einfach trennbar sind.

Wie gut ist das Verständnis zwischen den Kulturen derzeit in der Schweiz?
Ich habe den Eindruck, dass es, gemessen an dem, was wir in anderen Ländern sehen, noch immer sehr gut ist. Man gibt sich Mühe, man nimmt Rücksicht. Aber es bedingt, dass bei jenen, die herkommen, der Wille da ist, die Kultur hier zu respektieren.

Religionsvertreter

Christen, Muslime, Juden: Sie vertreten ihre Religionsgemeinschaft im Rat der Religionen

Dr. Montassar BenMrad
Stv. Vorsitzender des Rats der Religionen, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz

Wir müssen einen aufrichtigen Dialog pflegen, um uns über die Vorurteile hinaus besser kennenzulernen und denen gegenübertreten, die uns trennen wollen.

Mgr. Dr. Charles Morerod
Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK)

Ohne Dialog können wir nicht zusammen- leben. Und der Dialog ist nur möglich, wenn wir die Wahrheit gesagt bekommen leise, aber deutlich.



Dr. Farhad Afshar
Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS)

Wir hoffen, dass der Rat der Religionen die strahlende Botschaft des Friedens durch Vertrauensbildung in die ganze Welt hinausträgt.



Bischof Dr. Harald Rein
Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz

Wir legen grossen Wert auf die Überzeugung des Einzelnen. Diese entwickelt sich im Gespräch. Daher hat der Dialog zwischen den Religionen für uns einen grossen Stellenwert.

Dr. Herbert Winter
Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG)

In den letzten Jahren beobachten wir verschiedenartige Formen von religiösem Extremismus und Intoleranz. Diese gefährden den gesellschaftlichen Frieden in der Schweiz.

Verlosung

Rat der Religionen: Gespräche im Extrazug

Der Rat der Religionen feiert diesen Mai seinen 10. Geburtstag. Er tut dies am Sonntagnachmittag, 22.Mai, in einem Sonderzug, der von der Bischofsstadt St.Gallen via Zürich, Bern und Lausanne in die Calvinstadt Genf fährt. In den SBB-Salonwagen empfangen Schweizer Persönlichkeiten mit einem christlichen, jüdischen oder muslimischen Hintergrund die Bevölkerung zum Gespräch. Darunter sind etwa der Filmemacher Rolf Lyssy, Schriftsteller Lukas Hartmann, Miss Schweiz Lauriane Sallin, Poetry-Slam-Schweizermeister Renato Kaiser, Oud-Spieler Nehad El-Sayed oder Sängerin Einat Betzalel.

Die Tickets kann man nicht kaufen, sondern bei der Coopzeitung gewinnen. Wir verlosen für jede der vier Teilstrecken 152 Tickets. Die Rückfahrt zum Ausgangsbahnhof ist im Preis nicht enthalten.