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Checks: Viel hilft nicht viel

Vorsorgeuntersuchungen gibt es viele, doch nicht alle sind bei allen sinnvoll. Worauf es im Präventionsdschungel zu achten gilt.

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Getty Images, ZVG
28. November 2016

Jemand von Kopf bis Fuss zu durchleuchten, macht ohne konkreten Grund keinen Sinn. Auch die Blutentnahme kann eine Vorsorgeuntersuchung sein.

Auch die Blutentnahme kann eine Vorsorgeuntersuchung sein.

Reportage

Belastungs-EKG, Krebsmarker, Mammographie, PSA-Wert-Messung, Ganzkörper-MRI, Lungenröntgenbild, Darmspiegelung, Bauchultraschall. Die Liste der Checks liesse sich beliebig weiterführen. Die zunehmenden Möglichkeiten und wohl auch das steigende Sicherheitsbedürfnis der Menschen haben mancherorts zu einer Check-up-Manie geführt. Nicht nur wegen der jährlich steigenden Gesundheitskosten eine fragwürdige Entwicklung.

Beziffern lässt sich der Anteil der Vorsorgeuntersuchungen an den Gesundheitskosten allerdings nicht. Doch, so Dr. med. Thomas Walser, Hausarzt und Blogger aus Zürich: Krankenkassen, Lebensversicherungen, Strassenverkehrsamt und viele Arbeitgeber verlangen immer noch die Generaluntersuchung. Zudem verzichten die Ärzte ungern auf den Check-up, weil sie glänzend daran verdienen.

Die richtigen Untersuchungen

Tatsächlich gibt es bezüglich Sinn oder Unsinn von Gesundheits-Checks zwei Seiten. Sie können als Kostentreiber wirken. Vor allem dann, wenn sie unnötige Untersuchungen und Behandlungen nach sich ziehen, erklärt PD Dr. med. David Fäh, Wissenschaftler am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Aber sie haben auch das Potenzial, Gesundheitskosten zu senken. Dann nämlich, wenn bei den richtigen Leuten zur richtigen Zeit die angemessenen Vorsorgeuntersuchungen vorgenommen werden.
Mehr ist also nicht unbedingt mehr.

Checks können als Kostentreiber wirken»

David Fäh, Präventivmediziner

Oder wie es Walser sagt: Wer viel misst, misst auch viel Mist! Zu den Gesundheizs-Checks gehören nichtnur komplizierte Verfahren, sondern auch einfache Untersuchungen. Schon die Blutdruckmessung beimPatienten, der wegen einer Schnittverletzung oder einem Harnwegsinfekt ärztlichen Rat sucht, ist eine Präventiv-Massnahme, so Dr. med. Reto Guetg, Vertrauensarzt des Krankenkassenverbandes Santésuisse.

Flächendeckend bei allen Frauen und Männern dieselben Checks durchzuführen, wäre jedoch nicht nur teuer, es würde auch nichts bringen. Die Untersuchungen müssen auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sein. Wenn sich eine vitale Dreissigerin oder ein kerngesunder Vierziger einem Check-up unterziehen, dann prüfen Ärztinnen und Ärzte auf Herz und Nieren und wissen schon sie finden nichts!, erläutert Allgemeinmediziner Walser. Santésuisse-Vertrauensarzt Guetg: Viel sinnvoller als Checks istein gesundheitsförderliches Leben. Dasbedeute genügend Bewegung, ausgewogene Ernährung, kein Tabakkonsum, massvoller Umgang mit Alkohol, dieVermeidung von Übergewicht und ein erträgliches Mass an Stress. Hier sollte man schon früh im Leben ansetzen, sagt Präventivmediziner Fäh.

Lebensstil ist wichtig

Doch welche Checks bringen wirklich etwas? In den Augen von Reto Guetg sind das jene, welche die Grundversicherung bezahlt. Also beispielsweise die gy näkologische Vorsorgeuntersuchung inklusive Krebsabstrich, die Darmkrebs- Früherkennung und die Mammo graphie. David Fäh favorisiert Checks, die in erster Linie auf den Lebensstil eingehen. Thomas Walser hält aufgrund seiner langjährigen Praxiserfahrung Gebärmutterhals-Abstrich, die Blickdiagnose einer Adipositas (Fettleibigkeit) sowie Messung von Augendruck, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin für besonders wichtig. Aber viele Tests, die Sinn machen und einfach durchzuführen sind, gibt es nicht, resümiert er.

Wir müssen wieder lernen, mehr uns selbst zu vertrauen!»

Thomas Walser, Allgemeinarzt

Was kann man sich also getrost sparen? Zum Beispiel ein Ganzkörper-MRI bei beschwerdefreien, gesunden Menschen, erklärt Fäh. Natürlich gebe es auch Grauzonen und Meinungsver schiedenheiten: So spricht heute mehr gegen die routinemässige Untersuchung des Prostatakrebs-Risikos als dafür und selbst das systematische Brustkrebs- Screening ist unter Experten nicht unumstritten.

Häufigstes Motiv: Angst

Verlangt ein Patient oder eine Patientin aus eigenem Antrieb einen Check-up, so gibt es einen Grund dafür. Häufig ist es Angst. Der Mediziner muss diese Spur verfolgen und im Gespräch heraus finden, ob diese Angst berechtigt ist.

Es existieren zwei Risiken, die für den Check-up wichtig sind: Kommen gewisse Krankheiten in der Familie gehäuft vor und/oder ist der Betroffene in letzter Zeit gesundheitliche Risiken eingegangen?, erklärt Thomas Walser. Nicht selten zeige sich schliesslich, dass ein Bekannter oder Verwandter an einer bestimmten Krankheit leide, welche die Patientin oder der Patient nun auch fürchte.

Kritisch bleiben

Es gilt sorgsam abzuwägen, welche G esundheits-Checks tatsächlich an gebracht sind. Denn schlimmstenfalls passiert nicht einfach nichts, sondern es drohen unter Umständen schwer-
wiegende Konsequenzen. Einige Tests können Fehlalarm auslösen, indem sie vermeintliche Risiken erkennen, die für die Betroffenen nie gesundheitsrelevant werden. Oder aber sie wiegen Betroffene in falscher Sicherheit, sagt David Fäh. Santésuisse-Mann Reto Guetg sieht das ähnlich: Medizinische Untersuchungen an gesunden Menschen bergen das Risiko, dass eine Bestimmung etwa von Laborwerten oder Bildgebungen zur Diagnose einer nicht vorhandenen Krankheit führen. Zuweilen fallen Tests falsch-positiv aus. Aber auch falsch- negative Tests können gefährlich sein.

Es gehe nicht darum, Angst zu verbreiten, meint Thomas Walser, aber es ist unerlässlich, dass wir wieder lernen, mehr uns selbst und unserem Gespür zu vertrauen. Er hält es mit der US-Initiative Choosing wisely (Klug wählen, www.choosingwisely.org; auf Englisch), die mit über 90 Ratschlägen helfen will, unnötige und manchmal sogar schädliche Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden. Denn, so der Hausarzt: Nicht alles, was die Medizin zu bieten hat, dient dem Patienten. Präventivmediziner Fäh pflichtet ihm bei es sei wichtig, kritisch zu bleiben und nicht alles durchzuführen, was technisch möglich sei.

Gesundheitschecks

Die wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen

Dr. med. Thomas Walser hat aufgrund seiner jahrzehntelangen Hausarzt-Tätigkeit folgende Tabellen zusammengestellt.

Blutdruck

Wer?
alle ab dem 21. Altersjahr.

Wie oft?
alle 3-5 Jahre Messung in Arztpraxis evtl. häufiger, falls in Familie metabolisches Syndrom

Cholesterin + weitere Blutfette

Wer?
a) Männer und Frauen ab 40 Jahren ohne Risiko b) ab 20 Jahren für Personen, die rauchen oder mit familiärer Belastung für Herzkrankheiten oder erhöhtem Cholesterin, erhöhtem Blutdruck.

Wie oft?
a) alle 5 Jahre Blutfettmessungb) nach ärztlichem Rat, mind. alle 5 Jahre

Blutzucker (Diabetes mellitus)

Wer?
über 40 Jahre: übergewichtige Patienten mit einer familiären Belastung für Zuckerkrankheit (Diabetes)

Wie oft?
Nüchternblutzucker, evtl. HbA1c, Wiederholung auf ärztlichen Rat

Bauchumfangmessung

Wer?
Männer über 94 cm / Frauen über 80 cm

Wie oft?
Kontrollen gehen zusammen mit Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker!

Brustkrebs

Wer?
Hohes Risiko haben Frauen mit einer Verwandten 1. Grades (Eltern, Geschwister, Kind) mit Brustkrebs, der vor 40 aufgetreten ist oder 2 Verwandte 1.Grades vor 60. a) Selbstuntersuchung: alle Frauen b) medizinische Untersuchung: alle Frauen

Wie oft?
Bei hohem Risiko: genetische Beratung und jährliche Mammographie nach 35-50jährig! a) Selbstuntersuchung: ideal ist monatlich nach der Menstruation b) medizinische Untersuchung: bei gynäkologischer Routinekontrolle c: Mammographie allgemein sehr umstritten

Eierstockkrebs

Wer?
Hohes Risiko haben Frauen mit 2 Verwandten ersten Grades (Mutter, Schwester, Tochter) mit Eierstockkrebs jeden Alters oder ein Fall von kombiniertem Brust- und Eierstockkrebs oder 1 Verwandte 1. Grades mit Eierstockkrebs jeden Alters und 1 Verwandte 1. Grades mit Brustkrebs unter 50.

Wie oft?
genetische Beratung und jährlich CA 125, Mammographie und Ultraschall!

Gebärmutterhalskrebs

Wer?
3 Jahre nach Beginn Geschlechtsverkehr bis 65. Nicht mehr nach Entfernung der Gebärmutter wegen einer Ursache, die nicht Krebs war. HPV-Test nie unter 30 Jahren.

Wie oft?
1. und 2. Jahr jährlich, dann 3-jährlich Krebsabstrich (PAP).

Hodenkrebs

Wer?
Hohes Risiko bei einem Verwandten 1. Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) mit Dickdarmkrebs, der vor 40 auftrat - oder 2 Verwandte 1. Grades vor 70 - oder familiärer adenomatöser Polypose (FAP).

Wie oft?
Zwischen 60- und 70-jährig (v. a. Männer): Stuhluntersuchung auf Mikroblutspuren (immunologischer, quantitativer Test) jährlich, Dickdarmspiegelung auf ärztlichen Rat. Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen!

Augendruck (grüner Star)

Wer?
a) alle ab 50 b) Grüner Star in Familie, Diabetes, schwere Fehlsichtigkeit

Wie oft?
a) alle 5 Jahre anlässlich Augenkontrolle b) ab 40 Jahren, Wiederholung auf ärztlichen Rat

Hautkrebs (Melanom)

Wer?
siehe Risikogruppe

Wie oft?
auf ärztlichen Rat

Prostatakrebs

Wer?
Männer ab 50 Jahren - bei familiärem Vorkommen: ab 40

Wie oft?
je nach erstem Resultat

Risikogruppen

Anstelle von allgemeinen Empfehlungen werden heute viele Vorsorgeuntersuchungen gezielt für Risikogruppen empfohlen:

Hautkrebs

Personen, in deren direkter Verwandtschaft Hautkrebs vorgekommen ist, Hellhäutige, Lichtempfindliche, die häufig einen Sonnenbrand erlitten haben oder die oft in Äquatornähe waren und kaum braun werden, sowie Patienten mit vielen "Leberflecken" oder Flecken, die asymmetrisch, grösser als 5 mm sind oder sich schnell verändern oder wachsen.

Brustkrebs

Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Nichtraucherinnen. Durch regelmässige Selbstuntersuchung können viele Formen frühzeitig erfasst werden. Eine Röntgendarstellung der Brüste (Mammographie) wird Frauen über 35 mit bekannter Brustkrebserkrankung der Mutter oder Geschwister vor deren Abänderung empfohlen. Bei allen übrigen Frauen ist sie als Screening-Methode stark umstritten.

Dickdarmkrebs

Über 50-jährige, in deren Familie Darmkrebs vorgekommen ist, sowie solche mit einer bekannten chronisch- entzündlichen Darmerkrankung sollten jährlich Stuhlproben auf versteckten Blutverlust untersuchen lassen.Ein hohes Risiko besteht auch bei Übergewicht und bei Tabakkonsum!

Herz-Kreislauf-Krankheiten

Angehörige von Familien, in denen gehäuft Erkrankungen der Herzkranzgefässe oder Schlaganfälle vorgekommen sind, sowie Raucher und Übergewichtige und junge Glatzenträger sollten sich regelmässig bezüglich Blutdruck, Zuckerkrankheit oder einer Fettstoffwechselstörung untersuchen lassen. Das Ruhe-EKG hat praktisch keinen Vorhersagewert, ob jemand einen Herzinfarkt erleiden wird. Seine Bedeutung liegt darin, die Ursache bestimmter Brustschmerzen zu erklären.

Grundversicherung

Was zahlt die Grundversicherung?

Im Krankenversicherungsgesetz ist geregelt, welche Vorsorgeuntersuchungen durch die obligatorische Grundversicherung gedeckt sind. Unter anderem bezahlt werden:

  • gynäkologische Kontrolle inklusive Krebsabstrich
  • Mammographie bei familiär erhöhtem Brustkrebs-Risiko oder bei Frauen ab 50 alle zwei Jahre
  • Neugeborene und (Klein-)Kinder: diverse Tests bei Neugeborenen, acht Gesundheitsuntersuchungen im Vorschulalter, Schutzimpfungen
  • Darmspiegelung bei Dickdarmkrebs-Fällen in der Familie
  • Untersuchung der Haut bei familiär erhöhtem Hautkrebs-Risiko

Mehr Infos findet, wer den Begriff Krankenpflege-Leistungsverordnung googelt. Die entsprechende Suchfunktion auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit ist längere Zeit ausser Betrieb.