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Eine Puppe wird normal(er)

Barbie wird menschlicher: Es gibt sie jetzt in drei verschiedenen Figurformen, mit verschiedenen Haar- und Augenfarben. Toll! Und was sagt Ken dazu?

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Alain Intraina
14. April 2016

Die neuen Barbies der Serie Fashionistas, Fr. 16.90, bei Coop City


Kurvig

Guetzli und Aktienaufschwung

Die wenigsten werden es noch wissen, denn niemand hat über 50 Jahre seines Lebens an ihrer Seite verbracht, wie ich, aber Barbie hat schon einige kosmetische Eingriffe hinter sich. Auch wenn man heute angesichts der neuen Figurtypen von einer echten Revolution spricht, ist es nicht das erste Mal, dass Barbie umgestaltet wurde, um ihr menschenähnlichere Proportionen zu verleihen. Bereits im Jahr 1997 wurde ihr Busen verkleinert und ihre Taille breiter gemacht. Ausserdem wurden andere Ethnien bereits in den Sechzigerjahren bedacht, als Puppen mit afroamerikanischem und asiatischem Aussehen auf den Markt kamen. Zum Beispiel Christie, Brad und Kira.
Die seit Ende Januar verkauften Puppen wurden mit einer neuen, breiten Farbpalette für Haare, Augen und Hautton ausgestattet. Um Mädchen jeder Ethnie eine Spielgefährtin zu geben, mit der sie sich identifizieren können. Natürlich kann man nicht an alle denken. Es wird immer jemanden geben, der das Gefühl hat, zu kurz gekommen zu sein. Ihr Menschen seid nämlich alle einzigartig, während wir einer Serienproduktion entstammen. Wir kommen nämlich aus Gussformen und Öfen. Wie Guetzli.

Ist lebensechter wirklich besser?

Ich finde es ungerecht: Barbie wurde bereits so oft wegen ihres realitätsfremden Taillenumfangs kritisiert. Hat sich aber schon mal jemand über die Figur von Polly Pocket beschwert? In Wahrheit schüchtert Barbie die Menschen ein. Wer noch ausser ihr geht 180 verschiedenen Berufen nach, weiss, wie man (auf High Heels) Skateboard fährt oder ein Flugzeug steuert, und kann einen Spagat machen, ohne jemals das Lächeln zu verlieren? Sie ist ein Ausbund an Perfektion, die von allen gehasste Klassenbeste, die all diejenigen, die nicht wie sie selbst aus Kunststoff bestehen, daran erinnert, dass man lieber nicht in Stöckelschuhen auf ein Skateboard steigen sollte. Der Aktienaufschwung, den Mattel im letzten Vierteljahr verzeichnet hat, ist unter anderem auch ihr zu verdanken Barbara Millicent Roberts, der Puppe, die vom ersten Tag an, als sie 1959 die Fabrik verliess, einen Beruf ausgeübt hat. Zunächst war sie nur ein Model, doch bereits 1965 flog Barbie als Astronautin durch den Weltraum wohlgemerkt vier Jahre, bevor Neil Armstrong seinen ersten Schritt auf dem Mond getan hat. Auch in ihrem Lebenslauf findet man kaum etwas Gewöhnliches. Ich muss aber gestehen, dass auch sie nicht von Misserfolgen verschont geblieben ist. Die schlimmsten Flops hat Barbie immer dann erlebt, wenn sie versuchte, lebensechter zu werden.

Versuch und Irrtum

Zum Beispiel damals, als sie auf magische Weise eine Stimme erhielt und wirklich zu sprechen anfing. Damals hat sie einige intellektuell nicht förderliche Phrasen wie Mathe ist schwierig von sich gegeben (der Satz wurde 1992 aus ihrem Sprachrepertoire gestrichen). Im Jahr 1997 wurde Becky, eine Puppe im Rollstuhl, auf den Markt gebracht. Die Arme konnte aber den Lift in Barbies Traumhaus nicht benutzen. Und dann gab es noch den Hund Tanner, der Hundehaufen hinterliess. Die Idee wurde zwar als realistisch gepriesen, doch leider konnte das Zubehör von kleinen Kindern leicht verschluckt werden und wies erhöhte Blei- und Chromwerte auf.
Es ist aber schon immer ihre Figur gewesen, die für ein nie endendes Debakel sorgt und immer wieder die Frage aufwirft, welche Wirkung Barbie auf die Entwicklung von Mädchen hat. In diesem Kontext wird besonders häufig auf eine Studie verwiesen, die 2006 von drei britischen Wissenschaftlerinnen durchgeführt wurde. Im Rahmen dieser Studie wurde aufgezeigt, dass die berühmte Puppe eine negative Auswirkung auf das Selbstwertgefühl von Mädchen hat, die häufig gerne so wie Barbie sein möchten. Ich finde, hier sollte man auch auf eine andere, von englischen und australischen Wissenschaftlern durchgeführte Studie hinweisen. Diese besagt nämlich, dass, wenn Barbie leben würde, sie sich aufgrund ihrer Proportionen auf allen vieren fortbewegen müsste. Ausserdem würde sie wegen ihrer zarten Handgelenke keine schweren Gegenstände heben können, hätte nur Platz für eine halbe Leber und könnte ihren Kopf nicht halten, weil er für ihren Hals zu schwer wäre.
Vor allem aber besitzt Barbie kein Gehirn. Damit wurde sie leider nicht ausgestattet. Andererseits würde es ihr mit einem Gehirn wohl schwerfallen, bei den ganzen Frankenstein-ähnlichen Frisuren, den immer mal wieder vorkommenden Amputationen oder Aufenthalten in der Mikrowelle nonchalant zu bleiben. Denn laut einer weiteren Studie aus dem Jahre 2005 ist es nichts Ungewöhnliches, dass Mädchen ihre Puppen foltern. Dies gehöre zu ihrer Entwicklung und würde ihnen helfen, ihre Kindheit hinter sich zu lassen. Nein, Barbie wird niemals eine von euch sein. Das ist einfach nicht möglich. Denn schliesslich ist sie nur eine Puppe.

Vorbild Eltern

Psychotherapeutin Renata Dozio Bernasconi über die Superpuppe.

PsychotherapeutinRenata Dozio Bernasconi

Haben Sie in Ihrer Kindheit mit Barbie gespielt?
Ja. Damals hatte sie noch nicht den Ruf einer Magersüchtigen. Mit ihrer kurvenreichen Figur widerspiegelte sie das Schönheitsideal, das damals bei ihrer Entstehung während des Wirtschaftsbooms gängig war. Sie war schön und erfolgreich. Das war damals kein Problem.

Sie wird häufig als falsches Vorbild für Mädchen angesehen.
Dieselbe Diskussion haben wir auch über gewaltverherrlichende Videospiele. Es ist nicht das echte Problem: Gewaltbereitschaft oder Essstörungen bei Jugendlichen haben Ursachen, die tiefer gehen, und dürfen nicht nur auf Videospiele oder die Puppe, mit der sie spielen, zurückgeführt werden. Ausschlaggebend sind Familienverhältnisse und die psychische Entwicklung: Bei Störungen, die mit der Wahrnehmung der eigenen Identität zu tun haben, sind häufig die Erwartungen der Eltern sowie die von ihnen vorgelebte Rolle entscheidend. Ausserdem kann die Mutter für die Tochter ein wichtiges Vorbild sein.

Was raten Sie Müttern also?
Wenn sie ihren Töchtern Barbiepuppen kaufen möchten, dann ist es in Ordnung. Auch die neuen Modelle, falls sie sich dabei besser fühlen. Man darf aber nicht vergessen, dass es nicht das Spielzeug ist, welches das Verhalten der Mädchen bestimmt, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie erleben und zu Hause sowie ausserhalb der Familie beobachten.

Barbie im Louvre

Nach jahrelangen Imageproblemen und Börsentiefs hat der Spielzeughersteller Mattel Ende Januar drei neue Versionen der Barbiepuppe auf den Markt gebracht. Diesmal mit Proportionen, die der Realität näherkommen. Die neuen Modelle der Serie Fashionistas (siehe S. 33) heissen curvy (kurvig), petit (zierlich) und tall (hochgewachsen). Und jedes Modell ist in einer breiten Auswahl an Hauttönen, Augenfarben und Frisuren erhältlich. Ein kluger Schachzug: Die Aktien der Firma sind gestiegen.
Und seit Kurzem residiert Barbie sogar im Louvre in Paris! Nämlich im Nordflügel des Palais du Louvre. Im Museum Les Arts Décoratifs ist eine Ausstellung mit 7000 Puppen auf 1500 Quadratmetern zu bewundern (bis zum 18.September 2016).

Webseite des Museum Les Arts Décoratifs

Schadet Barbie der Entwicklung von Kindern?»

Haben Sie selbst mit Barbies gespielt? Wie hat sich das ausgewirkt? Schreiben Sie uns Ihre Meinungen in den Kommentaren.

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