X

Beliebte Themen

Familie

Expats in der Schweiz

Wegen einer Stelle kommen immer mehr gut ausgebildete Ausländer in die Schweiz. Sie schätzen die Work-Life-Balance.

TEXT
FOTOS
Patrick Gilliéron Lopreno, Mirages Photography
10. Oktober 2016

Sie kamen zu zweit in die Schweiz, jetzt sind sie zu dritt: Akkshay Chugh und Minnal Dhingra mit Sohn Ayaan.


Traumland

Euer Recycling-System hat mich lange Zeit verwirrt, sagt Akkshay Chugh (31) lachend. Ende letzten Jahres ist der Inder mit seiner Frau Minnal (37) in die Schweiz gekommen, da er eine neue Stelle als Relationship Manager bei einer Bank hat.
Inzwischen leben sie zu dritt in Zürich, im Januar kam Sohn Ayaan auf die Welt. Die Familienplanung war der Hauptgrund, dass es das indische Paar hierher zog: Die Schweiz gilt in Indien als Traumland. Sie ist bekannt für die hohe Lebensqualität. Alles ist sauber, der öffentliche Transport funktioniert perfekt, und selbst in der Stadt sind überall Grünflächen zu finden. Wir dachten, es sei ideal, um hier mit einem kleinen Kind zu leben, schwärmt Minnal. Und so setzte sich Zürich gegen London und Singapur durch, wo Akkshay ebenfalls Jobangebote hatte.

Wichtiges Know-how

Familie Chugh-Dhingra möchte, dass Sohn Ayaan in der Schweiz aufwächst.

Mit ihrem Entscheid ist Familie Chugh-Dhingra nicht alleine. Die Schweiz gilt als attraktives Auswandererland für Hochqualifizierte, wie die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Die Anzahl Ausländer mit einem Universitätsabschluss hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt von 169000 auf 476000.
Als Expatriate, kurz Expat, gilt im strengen Sinne nur, wer von seiner Firma in die Schweiz geschickt wurde. Diese Mandate sind oft von beschränkter Dauer und beinhalten sogenannte Expat-Packages. Dies sind Leistungspakete, die zum Beispiel die Kosten für die Schule der Kinder und für die Wohnungsmiete beinhalten.
Oft bewerben sich heutzutage auch Ausländer auf Stellen in der Schweiz: Dank den neuen Kommunikationsmöglichkeiten ist es für Arbeitgeber und -nehmer viel einfacher geworden, sich zu finden. Auch wenn Tausende von Kilometern zwischen ihnen liegen. Über Skype etwa können problemlos Vorstellungsgespräche geführt und Vertragsbedingungen ausgehandelt werden, weiss Giovanni Ferro-Luzzi, Arbeitsmarktspezialist und Professor an der Universität Genf.
Dies war bei Akkshay Chugh der Fall. Die Bank suchte explizit nach Indern. Ich betreue indische Kunden, die im Mittleren Osten leben. Vertrauen ist im Invest- ment Banking essenziell. Deshalb ist es wichtig, einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund zu haben, erklärt er. Zudem kannte er das Leben im Ausland bereits: Seinen ersten Job hatte Akkshay in den USA, danach lebte er für eine Weiterbildung ein Jahr lang in Paris.
Auch andere Schweizer Unternehmen holen gezielt Ausländer in die Schweiz. Etwa LOréal Suisse: Bei uns arbeiten Deutsche und Franzosen, welche bereits im Ausland für LOréal tätig waren und ihre dort gesammelten Erfahrungen mitbringen, erklärt Generaldirektor Marc-André Heller.

Gute Work-Life-Balance

Stellen in der Schweiz sind gefragt. In der aktuellen Umfrage der Expat-Plattform Internations befindet sich die Schweiz unter den ersten 10 Plätzen. Auf Internations haben Expats die Möglichkeit, sich zu vernetzen und Tipps auszutauschen. Zum einen wird die Work-Life-Balance in der Schweiz positiv wahrgenommen. Die meisten schätzen aber auch, dass sie dank der florierenden Wirtschaftslage einen Ar-beitsplatz auf sicher haben, weiss Gründer und Co-CEO Malte Zeeck. Die Qualität der Schulen, die Nähe zur Natur und die gute medizinische Versorgung ziehen gut gebildete Ausländer scharenweise ins Land.

Nicht nur eitel Sonnenschein

Doch selbst das Paradies hat seine Schattenseiten. Im weltweiten Ranking verlor die Schweiz 17 Ränge im Vergleich zum Vorjahr. Aktuell liegt sie noch auf Platz 31. Es sind die hohen Kosten für den Lebensunterhalt, die den Expats zu schaffen machen. Lebensmittel, Krankenkasse oder Kinderbetreuungsgebühren sind massiv höher als anderswo.
Am meisten zu kämpfen haben die Zuzüger aber mit den Mietkosten: Die Firmen bringen dich hierher und erwarten, dass du innerhalb von einer Woche eine Wohnung findest. In der Schweiz ein Ding der Unmöglichkeit. Ausländer werden oft diskriminiert, die Preise sind exorbitant. Ich hätte mir von meinem Arbeitgeber mehr Unterstützung erhofft, erzählt ein Italiener. Er arbeitete zuvor in den USA. Dort habe man sogar eine Mietreduktion bekommen, wenn man einen Mietvertrag über eine längere Dauer abschloss.

Job-Interviews können über Skype einfach geführt werden.»

Giovanni Ferro-Luzzi, Arbeitsmarktspezialist

Nicht nur die Finanzen machen Expats das Leben schwer. Es sind auch die Einheimischen: 36 Prozent aller Befragten bemängeln, dass sich die Schweizer unfreundlich gegenüber Ausländern verhielten. Das hat sicher mit den Abstimmungen über die Ausschaffungs- und Durchsetzungsinitiativen zu tun, meint ein Brasilianer. Wer nicht viele einheimische Freunde habe, nehme die Schweizer nur durch die Medien wahr. Und dort haben in den letzten Jahren sehr kritische Diskussionen stattgefunden.

Parallelgesellschaft

Integration eine der grössten Herausforderungen für Expats. 32 Prozent fühlen sich gemäss der Internations-Umfrage in der Schweiz nicht richtig zu Hause. 30 Prozent finden es schwierig, sich an die lokale Kultur zu gewöhnen und zwei Drittel bekunden Mühe, Schweizer Freunde zu finden.
Ein Phänomen, das auch die Fachstelle für Integrationsfragen des Kantons Zürich beobachtet: Im Bereich der sozialen Integration entstehen häufig Expat-Parallelgesellschaften. Viele verfügen über wenige einheimische Freunde, heisst es. In Städten wie Zürich oder Genf, wo die meisten Expats leben, gibt es zum Beispiel Restaurants und Cafés, in denen fast nur Englisch gesprochen wird. Oder Expat-Clubs wie etwa der American Womens Club. Man bleibt unter sich.
Dieses Problem hat Familie Chugh-Dhingra nicht. Wir haben das Glück, in einer Siedlung zu leben, in der grossen Wert auf das Zusammenleben gelegt wird. Man trifft sich im Hof, isst gemeinsam, hilft einander. Es ist ein bisschen wie in Indien, sagt Minnal.
Für sie ist das besonders wichtig. Denn sie gab ihre Karriere in Indien auf, um ihrem Mann zu folgen und sich um Baby Ayaan zu kümmern. Wie Minnal ergeht es vielen Frauen. Ihre Ehemänner bekommen ein Stellenangebot in der Schweiz, die Arbeitsbewilligung gilt allerdings nur für diese. Deshalb bleiben die Frauen zwangsläufig zu Hause und sind isoliert. Denn neue Freundschaften knüpft man oft am Arbeitsplatz.
Damit ihr nicht die Decke auf den Kopf fällt und sie Schweizer Mütter kennenlernt, besucht Minnal mit ihrem Sohn Kurse. Dort kommt man rasch in Kontakt. Auch wenn es kulturelle Unterschiede gibt, so hat man doch eine grosse Gemeinsamkeit; die Kinder. Das verbindet sofort. Trotzdem will sich Minnal im nächsten Jahr, wenn die ganze Familie eine B-Bewilligung erhält, nach einem Job umsehen. Ich habe zuvor im IT-Bereich gearbeitet und gehört, dass diese Leute in der Schweiz sehr gefragt sind. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass ich auch hier etwas finden werde.

Deutsch als Herausforderung

Um eine neue Stelle zu finden, muss Minnal Deutsch lernen. Bis jetzt verstehen die beiden Inder kein Wort. Damit sind sie nicht alleine: Expats haben aufgrund ihres befristeten Aufenthalts anders gelagerte oder verringerte Integrationsbedürfnisse. Die Bereitschaft, die Sprache zu lernen, ist bei dieser hoch mobilen Gruppe nicht immer gegeben, so die Fachstelle für Integrationsfragen. Wir wollen einen Deutschkurs belegen, sagt Akkshay. Unser Sohn Ayaan wird fliessend Deutsch sprechen. Es ist uns sehr wichtig, ihn auch in dieser Sprache zu verstehen.
Im Gegensatz zu anderen Expats kann sich Familie Chugh-Dhingra gut vorstellen, in der zu Schweiz bleiben. Nicht nur wegen der Lebensqualität, sondern auch wegen ihres Buben: In Indien müssen Kinder die ganze Zeit lernen. In einem Land von über einer Milliarde Menschen muss jeder versuchen, der Beste zu sein. Die Konkurrenz ist riesig. Hier in Europa gehören auch Sport und Spiel zum Kinderleben, alles ist viel ausgeglichener. Wir wünschen uns, dass Ayaan so aufwächst.

Hochspezialisiert

Tatiana Warkentin und John Hammell sind gerne im Rosengarten in Bern

Zufall

Nach einem schlechten Tag bewarb sich der Kanadier John Hammell auf eine Stelle in der Schweiz und landete in Bern.
Dass die Kanadier Tatiana Warkentin (32) und John Hammell (35) vor fünf Jahren in die Schweiz kamen, war purer Zufall. Ich hatte einen schlechten Tag bei der Arbeit. Deshalb bewarb ich mich für eine Stelle beim Weltpostverein, erzählt John. Die internationale Organisation mit Sitz in Bern war auf der Suche nach jemandem, der sich auf Bankensysteme spezialisiert hat. Zu meinem Glück gibt es nur wenige mit diesem Wissen, weiss Informatiker John. Er bekam den Job.
Dem Ehepaar blieben gerade mal 30 Tage für den Umzug. Kaum in Bern angekommen, erlebten sie ihren ersten Kulturschock. Wir hatten fast nichts dabei und wollten das Nötigste einkaufen. Weil aber ein Feiertag war, waren alle Läden geschlossen, so Tatiana. Die Schweizer Ladenöffnungszeiten sind bis heute eine Mühsal geblieben. Wenn alles um 18.30 Uhr schliesst, musst du dich sehr gut organisieren!
Anfangs arbeitete nur John. Tatiana, die zuvor eine 100-Prozent-Stelle hatte, blieb während drei Jahren zu Hause. In dieser Zeit begann sie den Blog The Dubious Hausfrau zu schreiben. Darin berichtet sie über das Expat-Leben in der Schweiz. Inzwischen arbeitet Tatiana wieder ebenfalls beim Weltpostverein, als Schreibkraft.
Die beiden geniessen das Leben in der Schweiz in vollen Zügen: Das Essen ist sehr gut, die Schokolade, der Käse, das Brot. Und guter Wein ist viel günstiger als in Kanada, schwärmen sie. Einziger Wermutstropfen: dass ihre Familien so weit weg sind. Sie versuchen, diese mindestens einmal im Jahr zu besuchen.
Tatiana und John haben Arbeitsverträge, die jeweils auf drei Jahre befristet sind. Wir hoffen, dass wir bleiben dürfen. Uns gefällt es hier!

Spontan

Die Sprache als Herausforderung

Geli Carney mit ihren Töchtern Marianne und Blythe.

Die Carneys aus England leben seit drei Jahren in Genf. Für den Umzug blieben der vierköpfigen Familie gerade mal sechs Wochen Zeit.

Ihre Töchter sind zufrieden und das bestärkt sie in ihrem Entscheid. Vor fast drei Jahren hat Geli Carney (45) mit ihrer Familie ihr Dorf in England verlassen, um gemein-sam mit ihrem Mann Andrew in Genf zu leben. Dieser hatte eine Stelle als Kommunikationsleiter bei einer multinationalen Firma angenommen. Es war eine grossartige Möglichkeit für ihn und eine grosse Herausforderung für uns vier! Wir hatten gerade mal sechs Wochen, um unseren Umzug zu organisieren. Meine ältere Tochter freute sich. Die Kleine allerdings war sehr traurig. Das war schwer für mich, erinnert sich Geli.
Der Start in das neue Leben war harzig: Am Anfang befand ich mich in einem Ausnahmezustand. Ich verstand kein Wort und kannte niemanden. Französisch zu lernen, die Schweizer Administration zu verstehen und neue Freunde zu finden, war nicht einfach.

Die Engländerin arbeitet im Moment nicht, dafür organisiert sie Anlässe für den American Womens Club of Geneva, wie etwa dieses Essen.

Marianne (12) und Blythe (10) besuchen die internationale Schule und haben schnell neue Freunde gefunden. Umso besser sie Französisch sprechen, umso wohler fühlen sie sich. Für Geli ist es wichtig, ihre Töchter weltoffen zu erziehen. Sie glaubt, dass ihnen dies viel für ihre Zukunft bringt.
In England war Geli als Lehrerin und Gastro-Journalistin tätig. Seit sie in der Schweiz ist, arbeitet sie nicht mehr: Zuerst muss ich mein Französisch verbessern. Danach hoffe ich, eine Anstellung zu finden. In der Zwischenzeit organisiert sie ehrenamtlich Anlässe für den American International Womens Club of Geneva.
Das Einzige, womit Geli in der Schweiz Mühe hat, sind die Preise. Aber die wunderbare Landschaft mache alles wieder wett. Wir haben hier das Skifahren entdeckt, wir lieben es, schwärmt Geli.

Interview

Carolina Souviron ist Managing Partner bei Swiss Benefits. Die Firma kümmert sich um die rechtlichen Aspekte eines Umzuges in die Schweiz und hilft Expats im Umgang mit den Behörden.

Aus welchen Ländern stammen die Arbeitskräfte, die die Firmen gerne in die Schweiz holen möchten?
Das kommt auf das Unternehmen an. Häufig sind es Personen aus Drittstaaten (nicht EU oder EFTA). Unsere Klienten kommen aus der ganzen Welt, mit Schwerpunkt auf Südafrika, Australien, USA und Grossbritannien. Sie sind hauptsächlich in der IT, im Medizinalbereich und anderen hoch spezialisierten Branchen tätig.

Welches sind die grössten Herausforderungen für die Familie der Expats?
Dies ist natürlich sehr individuell. Die Bürokratie wird häufig unterschätzt. Ansonsten gibt es die üblichen Herausforderungen bezüglich Sprache und Kultur. Es beginnt bei den anderen Lebensmittelbezeichnungen und geht bis in die Waschküchenpolitik.

Unsere Klienten kommen aus der ganzen Welt»

Welche weiteren Entwicklungen beobachten Sie in der Expat-Arbeitswelt?
Tendenziell wird es immer schwieriger für Unternehmen, die auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen sind, solche innerhalb nützlicher Frist in die Schweiz zu holen. Die Verträge sind häufiger als früher auf ein Jahr befristet. Des Weiteren hat der Aufwand für Arbeitgeber und Arbeitnehmer massiv zugenommen, insbesondere bei der Anstellung von Fachkräften aus Drittstaaten.

Weshalb?
Einerseits muss nachgewiesen werden, dass keine geeigneten Arbeitnehmer in der Schweiz oder im EU/EFTA- Raum aufzufinden sind, was einiges an Zeit und Administration nach sich zieht. Andererseits besteht das Risiko, dass das ohnehin kleine Kontingent für Personen aus Drittstaaten bereits erschöpft wurde.

Blog der Kanadierin Tatiana Internations, eine Networking-Plattform für Expats Fachstelle für Integrationsfragen des Kanton Zürich