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Familie

Glücklich mit und ohne Schnee

Die Schneegötter haben sich lange rar gemacht in den Bergen. Zeit für Lamas, Märchen und Eier frisch vom Huhn. Ein Augenschein in Braunwald GL.

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Yannick Andrea
11. Januar 2016

Trotz Schneemangel: Für Charlene (links) und Lucy ist die Skischule mit Skilehrerin Franziska Fritschi und Snowli wie jedes Jahr.


Familienferien

Wenn die Kinder glücklich sind, sind alle glücklich. Das ist das Wichtigste für entspannte Ferien mit der Familie. Braunwald GL ist einer von 26 vom Schweizer Tourismus-Verband ausgezeichneten Familienorten (Seite 16). Hier sind die Kleinen die Könige. Den Ferienkindern Charlene (5) und Lucy (3) Kuster aus Goldingen SG gefällt es auch ohne viel Schnee. Und immerhin, im Hintergrund ragt prächtig der Ortstock (2717 m) in die Höhe mit weisser Festtagsmütze, wie im Prospekt.

Die Familie Kuster mit Hund Milo beim Picknick in der Wintersonne.

Aber es ist ein harter Winter für Braunwald. Zu warm und extrem trocken. Zum Jahreswechsel hat es gerade so viel Schnee, dass wenigstens die Kinder ihren Skiplausch haben. Die Skischule musste dazu das Kinderland vom Hüttenberg (1300 m) auf das Grotzenbüel (1559 m) zügeln. Hier läuft der Kin-derskilift. Skilehrerin Franziska Fritschi hat noch nie einen so verrückten Winter erlebt. Die Zürcherin arbeitet seit sieben Jahren jede Saison in Braunwald. Dieses Jahr gilt ihre Sorge nicht nur den kleinen Gästen, sondern auch der Unterlage. Der Schnee ist sensibel, ein kostbarer weisser Fleck wie nie. Charlene und Lucy merken davon nichts. Für sie ist es wie letztes Jahr. Snowli ist auch wieder da. Franziska hat ihn mitgebraucht: Snowli ist ein Aus-serirdischer. Vom Himmel gefallen, Kopf voran in den Schnee, erzählt die Skilehrerin. Und schon ist das Eis gebrochen. Keck stürzen sich Lucy und Charlene ins Wintersportabenteuer.

Allein schon die Natur

Kein Schnee? Kein Problem!

Die Magie von Braunwald ist nicht vom Schnee abhängig. Das ist der Natur zu verdanken: der Ruhe, dem Panorama, der Luft. Die Bergwelt allein sorgt schon dafür, dass sich die Stimmung hebt. Selbst Familienhund Milo (13) ist froh, wenn er in den Ferien ist. Er fühle sich in Braunwald immer pudelwohl, sagt Patricia Kuster (39), die Mutter der beiden Mädchen: Er wird jedesMal traurig, wenn wir für den Heimweg oben in die Braunwaldbahn steigen.
Kusters sind in Braunwald verwurzelt. Schon als Kind war Patricia mit ihren vier Geschwistern hier in den Ferien. Die Kinderschar verdiente sich den Aufenthalt an der Sonne, indem sie den Grosseltern auf dem Bauernhof Hüttenberg beim Heuen half. Eine Schwester von Patricia führt heute das Hotel Cristal, ihr Bruder Matthias den Bauernhof. Seit Kurzem haben Patricia und ihr Mann Roman (29) eine Ferienwohnung im Dorf. Roman arbeitet im Unterland im Strassen- und Tiefbau. Er verbindet die Ferien mit der Arbeit, indem er Einsätze im Pistendienst leistet. Für ihre kleinen Töchter ist das grösste Glück scheinbar klein und schneeunabhängig. Sie gehen jeden Morgen allein zum Beck, um Brot zu holen. Das ist hier, im autofreien Kurort, gefahrlos möglich.

Natürlich ist das nicht normal. Aber wer will schon normale Ferien?»

Romans Kuster (29), Familienvater

Das Dorf ist selbst eine Art Familie. Drei Teile, verstreut über den ganzen Hang, rund 300 Einwohner und 1702 Gästebetten. In Bruwald, wie die Einheimischen sagen, sind alle aufeinander angewiesen. Und auf die Standseilbahn. Es gibt ja keine Strasse. Von der Bergstation der Braunwaldbahn führt die Gondelbahn Niederschlacht-Hüttenberg ins Skigebiet. In den gelben Schmusekabinen begegnet man dem Glarner Original ebenso wie Touristen aus England oder Holland. Seltener einem Lama.

Kein Winterschlaf für Bartli

Statt mit Schlitten rasen die vier mit Trottinetts bergab.

Nach der Skischule trinken Kusters auf der Sonnenterrasse ein Schiwasser. Zur Stärkung, denn sie haben noch etwas vor. Danach hat Charlene wieder Energie und tanzt zum Skihüttensound der Plütterhütte. Roman erzählt derweil entspannt, wie die Familie gestern zum Wandern auf den Gumen (1901 m) ging: Natürlich ist das in dieser Jahreszeit nicht normal, aber wer will schon normale Ferien? Am Fuss der Eggstöcke ist der Klettersteig offen, mitten im Winter. Dort beginnt auch der Zwergenweg, eigentlich ein Sommerangebot. Doch Zwerg Bartli macht dieses Jahr keinen Winterschlaf. Charlene und Lucy erkundeten das Zwergenschloss und entdeckten in der Edelsteinspalte sogar Eiszapfen. Für die Familie sei es dank Zwerg Bartli ein Prachtstag gewesen, sagt Patricia: Die Kinder würden am liebsten ewig im Zwergenschloss verweilen.
Heute wird weiter improvisiert. Ausnahmsweise dürfen Kusters die Trottinettstrecke testen statt Schlitteln. Nur wenige rutschige Eisflächen sind zu umfahren. Schneller, Dädi!, feuert Lucy ihren Papa an. Die zwei gewinnen um Haaresbreite vor Mama und Charlene. Auf die Sonne ist im Zigerschlitz Verlass. Das Picknick auf dem Bänkli könnte nicht schöner sein. Auch Milo bekommt von Charlene ein Stück Landjäger. Schliesslich sind Ferien.

Lamas in der Seilbahn

Auch die Lamas dürfen in der Seilbahn fahren.

Den Zauber der Bergwelt machen auch die Menschen aus. Jammern tut niemand. Auch wenn es an Schnee mangelt. Ideen haben die Leute von Braunwald genug. Mit dem guten Beispiel voran geht Patric Vogel (36), seit fünf Jahren Hoteldirektor im Märchenhotel Bellevue. Das Hotel hat es in sich. Die Kinder fahren im Lift mitten durch ein Aquarium und sausen auf der Rutschbahn wieder runter. Zum Erlebnis im Familienhotel gehört auch, dass die Kinder sich ihr Ei zum Frühstück selber holen im hauseigenen Hühnerstall, direkt ab Henne.
Familienfreundlichkeit ist im Märchenhotel Chefsache. Jeden Tag um 18 Uhr ist Märchenstunde. Dann erzählen Patric Vogel und seine Frau Nadja abwechslungsweise so fesselnd, dass es auch die Eltern packt. Die Tradition des Märchenonkels hat Patric Vogel von seinem Vater übernommen. Kein Schnee Anfang Januar? Das kann ihn nicht erschrecken. Vor ein paar Jahren wettete er Anfang Saison mit seinen Gästen. Er versprach ihnen Champagner, falls es nicht schneien sollte. Damals gab es Schnee im Überfluss. Das war für alle ein Gewinn.

Alternativprogramm zur Skipiste: Lama-Trekking in Braunwald GL.

Als diese Saison nach Weihnachten die letzte Piste schliessen musste, holte Vogel kurzerhand seine haarigsten Mitarbeiter aus dem Winterquartier zurück: die vierköpfige Lama-Familie. Auch für die Tiere fällt die Winterpause aus, aber sie bewegen sich ja gern. Das Lama-Trekking steht sonst nicht im Winterprogramm. Aber Patric Vogel macht aus der Not eine Tugend und mit Witz das Beste aus der Situation: Der Lama-Ausflug mit Kindern wird im Hotelprogramm zum Skipisten-Trekking. Der Märchenhoteldirektor oder seine Frau sind auf jedem Streifzug dabei, Patric Vogel ist auch Lama-Dompteur. Spucken die Lamas nicht?, fragt ihn Patricia. Nein, das ist Erziehungssache.
Für Lucy und Charlene ist der Spaziergang mit den Lamas die Krönung des Tages. Darauf haben sie sich seit dem frühen Morgen gefreut. Charlene geht mit Lama Montana an der Spitze des lustigen Trosses. Die kleine Lucy ist sofort vernarrt in Fritz. Und am Ende des Spaziergangs steigt die ganze Karawane in die Seilbahn. Ganz spontan. Fast alle haben Platz darin, die Tiere sind sich das Bahnfahren gewohnt.
Später posieren beide Kinder beim Hotel noch mit Sam, dem Alpaka mit Charme. Sam macht Kapriolen, und dann wird sogar Charlene langsam müde. Es war aber auch ein ereignisreicher Tag. Niemand hat den Schnee vermisst. Und die Kleinste bestimmt, wann fertig lustig ist. Ihr gehört auch das letzte Wort: Ich mag nümmä!

Familienfreundliche Skiorte

26 Mal in der Schweiz: Diese Skiorte tragen das GütesiegelFamily Destination des Schweizer Tourismus-Verbandes.

Familien-Tageskarten und familienfreundliche Skipass-Angebote

Schweiz Tourismus hat eine Liste mit kleineren und mittelgrossen Familien-Skigebiete zusammengestellt, bei denen der Tageskarten-Preis für 2 Elternteile und 2 Kinder um die 120 Franken und teilweise sogar erheblich darunter liegt. Diese Gebiete verfügen zwar oft über wenige Liftanlagen und nur wenige Kilometer Pisten, bieten aber eine Vielzahl von attraktiven Pistenpass-Optionen an. Bei den Tageskarten inklusive Mittagessen sind im Normalfall 2 Erwachsene und 2 Kinder im Preis eingerechnet. Erkundigen Sie sich bei den lokalen Informationsstellen unbedingt auch über weitere attraktive Pistenpass-Angebote für Familien und Alleinerziehende.

Die Zusammenstellung der Familien-Angebote

Übrigens fahren Kinder bis zu einem bestimmten Alter in einigen Schweizer Wintersportgebieten sogar gratis Ski.

Übersicht der Gebiete mit gratis Kinder-Ski-Pässen

Keine Trübsal

Höhere Temperaturen stellen Skiorte vor neue Herausforderungen. Gefragt ist ein Plan B.

Letzte Woche ist er doch noch gekommen, der Schnee. Doch Fakt bleibt: Die Winter werden immer wärmer. Laut neusten Studien ist die Durchschnittstemperatur in der Schweiz zwischen 1864 und 2012 um 1,75 Grad gestiegen, die Nullgradgrenze liegt heute im Winter rund 300 Meter höher als noch in den 1960er-Jahren. Für Christophe Clivaz vom Institut für Geografie und Nachhaltigkeit der Uni Lausanne ist klar, dass sich die Schweizer Skigebiete neu orientieren müssen, wenn sie ihr Überleben langfristig sichern möchten. Etwa durch die Fokussierung auf kulturelle oder gastronomische Aspekte. Ein Beispiel sei der Monte Tamaro im Tessin, der sich vom Wintersport verabschiedet hat und auf einen Erlebnispark mit Rodelbahn und die Kirche von Mario Botta setzt.
Diesen Winter waren viele Tourismusregionen gezwungen, kreativ zu werden und Alternativprogramme anzubieten. So waren zum Jahresanfang immer noch mehrere Sommerrodelbahnen, Klettersteige und Seilparks geöffnet, Wandern und Mountainbiken waren angesagt.

Im Dorf von Engelberg OW etwa lag zwar kaum Schnee, dennoch konnten Kinder auf der Klostermatte ihre ersten Ski-erfahrungen sammeln. Die Kinder- und Anfängeranlagen wurden in Betrieb gehalten, ebenso die Langlaufloipe.

Es ist eine spezielle Situation, sagt Marco Zemp von Engelberg-Titlis Tourismus. Auf der einen Talseite, beim Titlis, wird ohne grosse Einschränkungen Wintersport betrieben, auf der anderen, beim Brunni, herrscht Sommer- bzw. Herbstbetrieb. Für Zemp ist das Ganze kein Grund, Trübsal zu blasen: Viele Gäste schätzen die Situation und geniessen es, morgens Ski zu fahren und nachmittags zu wandern.
Bei uns läuft der Wintersport, die Gäste sind soweit zufrieden, sagt Monika König-Gottsponer, Leiterin Kommunikation der Aletsch-Arena mit den Ferienorten Riederalp, Bettmeralp und Fiesch-Eggishorn. Das Walliser Skigebiet profitiert von seiner Höhe zwischen 1845 und 2869 m ü.M. Doch auch hier gibt es Einschränkungen in Bezug auf Schlitteln und Skifahren. Dafür können die Gäste die Schlittelstrecke mit dem Fat Bike absolvieren oder sich die Technik der Bergbahnen und Beschneiungsanlagen erklären lassen.