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Familie

Im Bally-Dorf

Obwohl in Schönenwerd heute keine Schuhe mehr hergestellt werden, ist das Wirken der berühmten Familie immer noch sehr präsent.

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Getty Images, ZVG
08. September 2016

Der Ballypark ist ein Landschaftsgarten nach englischem Vorbild.


Philipp Abegg mit der Absatznagelmaschine.

In kaum einem Dorf ist die Schweizer Industriegeschichte so gut sichtbar wie im solothurnischen Schönenwerd: Umgenutzte Industriebauten, Villen, Arbeiterhäuser, der wunderschöne Ballypark, ein Schuhmuseum und die kleine, feine Ausstellung der Ballyana-Stiftung zeigen die Ursprünge der Schuhfabrikation eindrücklich auf. Philipp Abegg (51) ist Präsident der Stiftung und ein Nachkomme der Bally-Familie. Sein Vater, Grossvater und Urgrossvater arbeiteten im Familienbetrieb, er selber ist Jurist, kümmert sich jedoch mit Herzblut um die Sammlung, die aus Fabrikationswerkzeugen und -maschinen, Schuhmaterialien, Schuhen und einem Archiv besteht.

Schuhwerkzeuge und Modelle in der Ballyana-Ausstellung.

Der erste Bally wanderte um 1770 aus Österreich in die Schweiz ein. Er war Hausierer und zog mit einem Holzkasten auf dem Rücken von Haus zu Haus, um Seidenbänder zu verkaufen. Dieser Kasten, das älteste Exponat der Ausstellung, steht am Anfang der Firmengeschichte. Der eigentliche Fabrikgründer war Peter Bally, der Sohn des Hausierers. Er konnte vom Chef seines Vaters die Webmaschinen übernehmen und liess ab 1820 teils in Heimarbeit, teils in Lokalen ebenfalls Bänder produzieren.

Immer mehr Fabriken

1840 begannen Ballys, Elastikbänder herzustellen und kamen auf die Idee, diese als Spickel in Schuhe einzuarbeiten. So entstanden die ersten Bottinen, die sich so gut verkauften, dass die Produktion immer weiter vergrössert werden konnte. Um die Maschinen mit eigener Energie zu versorgen, liessen Ballys einen kleinen Kanal bauen. Das Gebiet zwischen Kanal und Aare wandelte Carl Franz Bally 1890 in einen Landschaftspark nach englischem Vorbild um.

Auch alte Reklametafeln sind in Schönenwerd zu bestaunen.

Zur Zeit des Ersten Weltkriegs stand Bally auf dem Zenit: Es war weltweit einer der grössten Schuhproduzenten mit 7500 Arbeitenden und Fabriken im Ausland und vor allem in und um Schönenwerd herum. Während die ersten Ballyschuhe ein Produkt für arme Leute gewesen waren, wurden Ballyschuhe im 20.Jahrhundert immer mehr zum gefragten Luxusprodukt. Das Leder wurde meist von Männern zugeschnitten, genäht wurden die Schuhe von Frauen. Philipp Abegg erinnert im Museum auch an die 1970er-Jahre, als der Niedergang der Schuhfabrik einsetzte, die im Jahr 2000 von den neuen Besitzern, einer amerikanischen Holding, geschlossen wurde. Dieses Kapitel wird hier nicht verschwiegen, doch das Hauptgewicht der Ballyana-Ausstellung liegt bei Objekten wie der Absatznagelmaschine von 1930, die immer noch läuft. So wurden die diversen Lederschichten der Absätze zusammengenagelt, erklärt Abegg und führt weiter zur Fabriksirene. Durch das Eintauchen in die Familien- und Industriegeschichte hat sich Philipp Abegg auch stark mit Gärten und Pärken zu beschäftigen begonnen.

Das Kosthaus: Wo früher die Arbeiter speisten, kann heute geheiratet werden.

Preisgekrönte Parklandschaft

Beim Gang durch den Ballypark erklärt Abegg, was einen englischen Landschaftsgarten ausmacht: Teiche mit künstlich angelegten Felsgrotten, ein geschwungenes Wegnetz im Rasen, Pavillons. Im Park, von dem aus man sehr schön auch auf die Aare sieht, steht unter anderem das 1919 erbaute Kosthaus, wo die Arbeiter verpflegt wurden, und dessen Saal heute als Eventlokal genutzt wird.

Philipp Abegg erzählt im Park von seiner Schönenwerder Grossmutter, die unendlich viele Pflanzen kannte und weltweit die schönsten Gärten bereiste. Doch nie hat sie ein Wort über den familieneigenen Park in Schönenwerd verloren. Ein Rätsel, sagt Abegg. Aber Rätsel und Tabus gibt es in dieser spannenden Familie noch etliche zu entschlüsseln. Die Arbeit geht der Stiftung nicht so schnell aus.

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Der Ballypark, der 2016 den renommierten Schulthess Gartenpreis gewann, ist öffentlich zugänglich. Am Tag des Denkmals vom 10. und 11.September gibt es Führungen, nicht nur im Park, sondern auch im Privatpark des Patrons, dem Felsgarten. Die Ballyana-Ausstellung ist an beiden Tagen von 14 bis 17 Uhr offen (sonst ist die Ausstellung jeden ersten und dritten Sonntagnachmittag im Monat zugänglich). In Schönenwerd gibt es zudem ein Bally-Schuhmuseum, das die Kulturgeschichte des Schuhs präsentiert.

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