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Familie

Pöbel-Eltern im Abseits

Bereits bei den kleinsten Fussballern kommt es immer wieder zu Ausschreitungen auf und neben dem Platz. Das neue Juniorenkonzept des Schweizerischen Fussballverbands nimmt besonders Eltern in die Pflicht.

FOTOS
Patrick Lüthy, zVg
14. März 2016

Die E-Junioren des BCO Alemannia kämpfen gegen den SV Muttenz um jeden Ball. Eltern und Verwandte müssen dem Spiel auf der Sportanlage Rankhof von der Elternzone aus folgen.


Fairplay

Übermotivierte Eltern

Das neue Fairplay-Konzept sieht vor, dass die Trainer den Spielverlauf still beobachten. Für Instruktionen ist die Halbzeitpause vorgesehen.

Nicht alle Eltern begnügen sich aber mit der Rolle des stillen Zuschauers. Immer wieder kommt es schon bei den Kleinsten zu Pöbeleien und Ausschreitungen. Eltern mischen sich ins Spielgeschehen ein, schreien die Kinder oder den Trainer an und beleidigen den Schiedsrichter. Ein Vorfall ist Luzius Döbelin (18), dem Junioren-Trainer von BCO Alemannia, besonders im Gedächtnis geblieben. Vergangene Saison sind einige Eltern der Gegner während des Spiels auf den Schiri losgegangen. Nach dem Schlusspfiff haben sie vor den Garderoben auf unsere Junioren gewartet und sie ausgelacht, weil sie verloren haben. Das muss man sich mal vorstellen! Warum sich Erwachsene so verhalten, darüber können auch Fachleute nur Vermutungen anstellen. Hinter den Ausrastern stecke wohl eine gewisse Übermotivation, meint Raphael Kern vom SFV vorsichtig. Umso wichtiger sei es, den Eltern klarzumachen, dass beim Kinderfussball der Spass und nicht das Resultat im Vordergrund stehen müsse. Zum Start der Saison 2015/16 wurde daher ein Fairplay-Konzept aufgestellt, das nun von den Vereinen umgesetzt werden soll. Erste und wichtigste Massnahme ist die Einrichtung einer sogenannten Elternzone. Unter dem Motto Präsenz mit Distanz müssen Eltern dem Spielverlauf in einem Abstand von mindestens fünf Metern von der Linie folgen. BCO Alemannia hat dies bereits umgesetzt, sagt Döbelin. Eigentlich finde ich es traurig, dass das nötig ist. Aber es ist schon viel besser geworden.

Trainer beobachten still

Erlebnis statt Ergebnis: Für die Kinder soll vor allem die Freude am Fussball zählen. Nach dem Spiel ist Händeschütteln Ehrensache. 

Tatsächlich kommt es in der Begegnung zwischen BCO Alemannia und dem SV Muttenz kaum zu Protesten. Auch nicht, als die Heimmannschaft in der 17. Spielminute das erste Tor kassiert. Er mische sich nie direkt ins Spiel ein, sagt einer der anwesenden Väter. Ausser wenn der Filius vor sich hin träume. Wenn er schläft, muss ich ihm das doch sagen! Nein, sagt Raphael Kern, das sei Trainersache. Und auch dieser sei dazu angehalten, sich während des Spiels zu beherrschen. So heisst es im Fairplay-Konzept nämlich: Während den Spielen ist der Trainer stiller und aufmerksamer Beobachter. Die Entscheidungen im Spiel überlässt er den Kindern. Der Typus des cholerischen Coachs sei am Aussterben, sagt Kern. Die nötige Gelassenheit eignen sich immer mehr ehrenamtlich tätige Juniorentrainer in den Kursen des SFV an. Dafür erhalten die Vereine Subventionsgelder, ein zusätzlicher Anreiz.

Das ist nicht die Champions League. Es braucht Gelassenheit.»

Raphael Kern (38), Leiter Breitenfussball SFV

Ein Spiel ohne Gewinner?

Auf dem Platz steht es inzwischen 0:3 für die Auswärtigen. Während die Eltern der BCO Alemannia-Spieler leise murren, zeigen die Junioren beider Mannschaften ungebrochene Spielfreude. Oftmals seien die Resultate den Eltern wichtiger als den Kindern, sagt Raphael Kern. Das Motto des SFV lautet denn auch Erlebnis statt Ergebnis. Das ist nicht die Champions League. Bei den Kindern unter zehn Jahren spiele man inzwischen ganz ohne Ranglisten. Das nehme bei allen Druck weg, besonders bei den Trainern. So kommen auch jene Kinder zum Einsatz, die sonst den grössten Teil der Spiele auf der Bank verbringen. Eine Idee, die in Schweden ad extremum geführt wird. Ab 2017 gibt es dort bei Spielern unter 13 Jahren keine Gewinner und Verlierer mehr. Das hält Bianca A. Jasmund für übertrieben. Für die Ressortchefin Breitenfussball in der Nordwestschweiz ist Fussball immer noch ein Wettkampfsport. Wenn man den Kindern etwas beibringen wolle, müsse man schon bei den Kleinen beginnen. Diese Haltung gelte durchaus nicht nur für die spielerischen Qualitäten der Jungen und Mädchen. Am Vorbild der Eltern und Trainer lernen die Kinder, wie man achtsam miteinander umgeht. Wenn der Vater den Sohn brüllend auffordert, den Gegner niederzumachen, bleibt das nicht ohne Folgen. Besonders im Umgang mit jugendlichen Schiedsrichtern wünscht sich Jasmund mehr Respekt. Was die sich anhören müssen, ist schon extrem. Oft hätten die jungen Schiedsrichter nicht den Mut, sich gegenüber den Spieler-Eltern zu behaupten. Wenn sie mit agressiven Eltern konfrontiert werden, verlieren sie die Freude an ihrer Aufgabe und hören auf. Das wollen wir verhindern.

Fussball ein Leben lang

Die Freude am Spiel sei das Wichtigste überhaupt, sagt Raphael Kern. Diese gelte es unbedingt zu bewahren. Unser Ziel ist, dass die Kinder ein Leben lang Fussball spielen, oder zumindest Sport treiben. Bei den Junioren des BCO Alemannia stehen die Chancen dafür gut: Trotz einer Niederlage von 3:6 schütteln die Jungen den siegreichen Gegnern anständig die Hand, von Niedergeschlagenheit keine Spur. In den Garderoben werden Pläne für den Nachmittag geschmiedet: Man trifft sich zum Schutte.

Das Konzept des SFV

Rechtzeitig zu Beginn der Saison 2015/2016 hat der Schweizerische Fussballverband ein neues Konzept für den Kinderfussball aufgestellt. Die Vereine müssen die Empfehlungen nun umsetzen. Dies sind die wichtigsten Massnahmen:

  • Die Eltern verfolgen das Spiel von der Elternzone aus. Diese befindet sich in einigen Metern Abstand vom Spielfeldrand.
  • Die Trainer beider Mannschaften demonstrieren Einigkeit und stehen nahe beieinander in der Coachingzone.
  • Während des Spiels mischt sich der Trainer nicht ein. Er nutzt die Pausen für Instruktionen.
  • Bei den G- (56 Jahre) und F-Junioren (78 Jahre) wird ohne Schiedsrichter gespielt. Bei den E-Junioren (910 Jahre) können jugendliche Schiedsrichter eingesetzt werden.
  • Bei den jüngeren Kindern sind Ranglisten überflüssig.

Wie soll man mit übermotivierten Eltern umgehen?»

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