Schlafstörung: Wenn Kinder ihre Eltern am Schlafen hindern | Coopzeitung
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Schlafstörung: Wenn Kinder ihre Eltern am Schlafen hindern

Kinder im Elternbett sind süss solange sie klein sind. Bei älteren Kindern ist es irritierend. Geplagten Eltern empfiehlt Familientherapeut Henri Guttmann deshalb sein Konzept Seitenwagen.

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Getty Images
28. August 2017
Die Harmonie auf diesem Bild täuscht: Für viele Eltern ist es ein Problem, wenn Kinder nachts in ihrem Bett schlafen wollen.

Die Harmonie auf diesem Bild täuscht: Für viele Eltern ist es ein Problem, wenn Kinder nachts in ihrem Bett schlafen wollen.


Co-Sleeping

Am liebsten schlafe ich bei Mami und Papi im Bett, sagt die 5-jährige Federica und schaut ernst aus ihren dichtbewimperten Augen. Sie schüttelt ihre schwarzen Locken und ergänzt: Ausser in den Ferien. Wenn wir alle in einem Zimmer schlafen, dann schlafe ich in meinem Bett.

Im Haus der Familie Ramunno De Corso haben der 10-jährige Luca und die 5-jährige Federica ihre eigenen Zimmer, das Elternschlafzimmer befindet sich eine Etage höher. Federica war drei Jahre alt, als sie zum ersten Mal zu uns ins Bett schlüpfte, erzählt Mutter Patrizia (43). Sie sei krank gewesen, habe Medikamente gebraucht und die Eltern sahen im nächtlichen Besuch kein Problem. Doch von da an tappte die Fünfjährige jede Nacht zu den Eltern, schmiegte sich an die Mutter oder legte sich quer ins Elternbett. Eigentlich finde ich es ja süss, wenn die Kinder zum Kuscheln zu uns ins Bett kommen, erzählt Vater Michele (45). An Schlaf war mit Federica im Bett allerdings nicht mehr zu denken. Oft habe er die Kleine wieder runter in ihr Bett getragen oder habe sich selbst aufs Ausziehbett gelegt. Wir haben Federica versprechen lassen, nicht mehr jede Nacht zu uns ins Bett zu kommen, berichtet Mutter Patrizia, und anfangs habe es auch gebessert. Dann arbeitete mein Mann mehrmals auswärts und während dieser Zeit wollten sogar beide Kinder im Elternbett schlafen.

Das gemeinsame Schlafen von Kindern und Eltern im Familienbett auch Co-Sleeping genannt ist weltweit verbreitet und hat mit kulturellen Gegebenheiten und mit begrenztem Wohnraum zu tun. Doch was Eltern in der einen Kultur als richtig empfinden, befremdet Eltern in anderen Kulturkreisen. So können beispielsweise Mütter aus Kamerun nicht verstehen, weshalb Kinder in westlichen Kulturen im eigenen Bett schlafen müssen. Doch auch in europäischen Ländern wie Italien oder Schweden ist das Co-Sleeping verbreitet. Andere Länder, andere Bedeutung.

Ein urmenschliches Bedürfnis

Vier in einem Bett sind zumindest zum Schlafen zwei zu viel.

Grundsätzlich sei das Schlafen im gemeinsamen Raum respektive Bett ein urmenschliches Bedürfnis, das aber verloren ging und dem heutzutage eher skeptisch begegnet wird, sagt der Kinderarzt Oliver Zerwetz. Seiner Ansicht nach ist diese Form des gemeinsamen Schlafes so lange tolerierbar, als es für alle Beteiligten in Ordnung ist. Aus meiner Erfahrung entwickelt sich bei den Kindern irgendwann bis zum sechsten Lebensjahr selber der Wunsch nach Autonomie, das heisst, dass sich das Kind schliesslich selbst dazu entscheidet, im eigenen Bett zu schlafen. Solange das Kind selber entscheiden könne, wann es zu dieser Abnabelung bereit ist, sei die Möglichkeit zur Entwicklung eines guten Urvertrauens gegeben. Deswegen könne man dem Co-Sleeping sicherlich gelassen begegnen und die Nähe geniessen, so Zerwetz.

Der Wunsch nach Autonomie kommt selber.»

Oliver Zerwetz (48), Kinderarzt

Die Matratze unter dem Bett

Die Familie Ramunno suchte Rat beim Familientherapeuten Henri Guttmann (63). Er empfahl ihnen sein Seitenwagen-Konzept eine kleine Matratze unter dem Elternbett, die bei Bedarf hervorgezogen wird und auf der die Kinder schlafen können. Das hat gut funktioniert und Federica fand ihre kleine Matratze toll, erzählt die Mutter. Die Eltern befürchteten jedoch, dass ihre Tochter gar nicht mehr im eigenen Bett schlafen würde und brachten sie immer wieder zurück in ihr Zimmer. Wenn sie jetzt zu uns kommt, muss sie selber wieder in ihr Zimmer, sagen die beiden und Federica gehorcht.

Den Seitenwagen braucht die Familie heute nicht mehr. Allerdings: Gegenüber der italienischen Verwandtschaft müssten sie ihr Verhalten schon mal rechtfertigen, lacht Vater Michele. Sie ticken in dieser Beziehung anders.

Hierarchie

Verzögerte Entwicklung

Henri Guttmann (63) ist Familientherapeut mit eigener Praxis in Winterthur ZH

Familientherapeut Henri Guttmann erklärt, weshalb er es nicht förderlich findet, wenn Kinder im Elternbett schlafen, und wie sein Konzept Seitenwagen funktioniert.

Was ist problematisch, wenn Kinder im Elternbett schlafen?
Selbstverständlich dürfen Kinder, wenn sie Angst haben oder krank sind, zu den Eltern ins Bett schlüpfen. Wenn aber 6-, 8-, oder 13-jährige Kinder dauernd im Bett der Eltern stationiert sind, dann haben sie bald einmal das subjektive Gefühl, sie seien hierarchisch gleichgestellt. In der Systemischen Familientherapie spricht man von Ich bin gross und du bist klein was nicht heisst, Eltern sind mächtig und Kinder nicht, sondern Eltern sollen die Hauptverantwortung haben, und diese Botschaft soll bei den Kindern ankommen.

Dann haben also Eltern in Ländern, in denen die ganze Familie in einem Bett schläft, ein Autoritätsproblem?
Vor allem in Ländern der Dritten Welt leben Familien oft in einem Raum. Das ist seit Generationen so gewachsen und hat eine andere Bedeutung.

Co-Sleeping ist aber auch in westlichen Ländern wie Italien oder Schweden weit verbreitet.
Ich sehe in meiner Arbeit, dass Eltern und vor allem die Mütter durch die Schlafstörungen sehr erschöpft sind. Auch viele Alleinerziehende lassen ihre Kinder in ihrem Bett schlafen. Wenn ein neuer Partner auftaucht, müssen diese auf dem Sofa schlafen, weil die Kinder ihren Platz nicht hergeben wollen. Das ist nicht gut.

Schlafen im Elternbett ist also ungünstig für die Eltern, aber nicht für die Kinder?
Doch. Kürzlich überzeugte ich einen 12-Jährigen, dass er jetzt im eigenen Bett schlafen müsse. Er machte seither einen enormen Entwicklungsschub.

Sie empfehlen Eltern das Seitenwagen-Konzept. Aus eigenen Erfahrungen?
Als meine Tochter vier Jahre alt war, kam sie jede Nacht zu uns ins Bett. Ich hatte damals eine kleine Matratze unter dem Bett, auf der sie schlafen durfte. So ist das entstanden. Ich empfehle seither dieses Seitenwagen-Prinzip. So gehört das Elternbett den Eltern und Kinder können in der Nähe sein. Falsch ist es, wenn man die schlafenden Kinder in ihr eigenes Bett trägt. Wenn sie aufwachen, sind sie verwirrt und kommen wieder ins Elternbett. Ziel muss sein, dass sie lernen, im eigenen Bett einzuschlafen.

Löst sich das Problem nicht irgendwann von selbst?
Kinder geben ihren Platz im Elternbett nicht freiwillig auf. Diese Form der symbiotischen Nähe ist für die Autonomie-Entwicklung ungünstig. Tagsüber kompensieren sie die Nähe der Nacht mit frechem Verhalten.