X

Beliebte Themen

Familie

Süsse 50+

Silvia Aeschbachs neues Buch übers Älterwerden hat den Nerv der Zeit getroffen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

TEXT
FOTOS
Christoph Kaminski, Gianni Pisano
25. April 2016

Frauen mittleren Alters lassen sich nicht mehr aufs Abstellgleis schieben, sie stellen die Weichen für neue Horizonte, stellt Silvia Aeschbach fest.


Fünf Frauen erzählen von ihren Erfahrungen

Bea Petri (60), Maskenbildnerin, Unternehmerin Lucie Toggenburger (73), Pensionärin, Model Esther Bischofberger (56), selbstständige Unternehmensberaterin, Coach Jeannette Voltz (63), Journalistin Edith Weibel Sovilla (60), PR-Beraterin, Agenturinhaberin

Bestseller

Silvia Aeschbach: Steckbrief

Silvia Aeschbach (55) ist Journalistin. Sie arbeitete bei einem Lokalradio, beim Schweizer Fernsehen und bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen. Beim Nachrichtenmagazin Facts leitete sie das Ressort Gesellschaft und war stellvertretende Chefredaktorin beim Boulevardblatt Blick, bevor sie zur SonntagsZeitung wechselte. Dort leitet sie die deutschsprachige Ausgabe des Lifestyle- Magazins encore!. Im Wörterseh Verlag erschien 2014 ihr erstes Buch Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld. Silvia Aeschbach lebt mit ihrem Partner in Zürich.

Expertin für die Generation 50+

Zum Glück wird mein Gesicht selten so offensiv auf Falten abgesucht, auch wenn ich aufmerksam gemustert werde. Man möchte wissen, was das für eine ist, die behauptet, dass Frauen in den mittleren Jahren sehr viel attraktiver sind, als man ihnen das aus gesellschaftlicher Sicht zugesteht. Und dass es keinen Grund gibt, mit Mitte 50 die Hände in den Schoss zu legen und sich aufs Altenteil vorzubereiten. Mit lll meinem neuen Buch habe ich anscheinend einen Nerv der Zeit getroffen. Für Älterwerden für Anfängerinnen habe ich 13 Frauen zwischen Anfang 40 und Anfang 70 porträtiert und dazwischen eine Art Kolumnen darüber geschrieben, wie ich das Älterwerden empfinde. Innert weniger Wochen bin ich quasi zur Expertin geworden eine Ruth Westheimer der Generation fünfzig plus.

Keine Lust auf Jammern

Noch vor fünf Jahren haben mich die ganzen Diskussionen rund um Nachteile der Menopause und Vorteile von Botox-Injektionen ziemlich kalt gelassen. Wenn sich meine Freundinnen darüber unterhielten, habe ich innerlich abgeschaltet. Mein Lebensmotto war: Lebe in der Gegenwart und mache das Beste aus deiner Situation. Ich hatte keinen Grund zur Klage, lebte ich doch in einer langjährigen, erfüllenden Partnerschaft, besass einen tollen Freundeskreis und zwei liebe Hunde. Und ich arbeitete in meinem Traumberuf als Journalistin.

Die grosse Krise

Dann aber, vor zwei Jahren, erlebte ich durch eine strukturelle Änderung auf der Redaktion eine berufliche Krise, die sich stark auf mein Selbstwertgefühl auswirkte. Zum ersten Mal fühlte ich mich in einer beruflichen Situation machtlos ausgeliefert und dies machte mir so schwer zu schaffen, dass ich kurz vor einem Burnout stand. Damals war ich 53 Jahre alt und arbeitete im Lifestyle-Journalismus, einem Segment, in dem die meisten meiner Kolleginnen sehr viel jünger waren als ich. Ich hatte diesen Altersunterschied kaum gross wahrgenommen, und wenn, hatte ich ihn stets als befruchtend empfunden. Auch karrieretechnisch war es meistens nach oben gegangen. Und nun schien ich plötzlich nicht mehr gefragt zu sein. Ich begann, Bilanz zu ziehen und mich intensiv mit meinem Alterungsprozess auseinanderzusetzen, sowohl im privaten wie auch im gesellschaftlichen Kontext.
So verfahren die berufliche Situation war, so grossartig reagierten meine Familie und meine Freunde. Sie motivierten mich immer wieder und versicherten mir, dass sich alles zum Guten wenden würde, was es schliesslich auch tat. Doch diese Monate des Zweifelns an mir und meinen Fähigkeiten gingen nicht unbemerkt an mir vorbei, ich fühlte mich zum ersten Mal alt und ausgelaugt.
In dieser Zeit führte ich intensive Gespräche mit Freundinnen und Bekannten über das Älterwerden in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn verfallen ist. Ich machte auch neue Bekanntschaften, erfuhr so manche Lebensgeschichte und in mir regte sich der Wunsch, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben. Ich bin erstaunt, welch grosses Echo ich damit auslöse.

Geschichten und Erlebnisse

Es sind nicht nur die Interviews und Lesungen, die mich freuen, sondern vor allem die persönlichen Kontakte oder jene über die sozialen Medien, die mich inspirieren. Mein Verlag leitet mir immer wieder Mails weiter, in denen mir Leserinnen ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Älterwerden schildern. Und wenn ich in der Stadt unterwegs bin, werde ich immer wieder auf mein Buch angesprochen. So hat sich schon manch schönes Gespräch ergeben.
Besonders gerührt bin ich über das Vertrauen, das mir wildfremde Frauen entgegenbringen. Als ich kürzlich in einem Café frühstückte, kamen zwei Damen an meinen Tisch und die eine sagte zu mir: Ich habe Ihr Buch gelesen und empfinde Sie als Seelenfreundin, so sehr haben Sie mir aus dem Herzen gesprochen! Ihre Freundin fügte an: In letzter Zeit habe ich mich so unsichtbar gefühlt, aber nachdem ich Ihr Buch gelesen habe, ist mein Selbstbewusstsein wieder erwacht.
Gerade dieses mangelnde Selbstbewusstsein macht vielen Frauen jenseits der 50 zu schaffen. Es ist nicht nur die körperliche Attraktivität, die zu schwinden beginnt, oder die mangelnde Aufmerksamkeit der Männerwelt, es tauchen zunehmend Schwierigkeiten auf, sei es mit den alternden Eltern, dem Auszug der Kinder, mit Beziehungskrisen und gesundheitlichen Problemen oder, wie bei mir, mit einer beruflichen Krise.

Nicht mehr jung, noch nicht alt

Die mittleren Jahre sind für viele von uns keine Jubeljahre und manchmal auch ein Niemandsland ein Ort zwischen nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Dieses Territorium ist nicht wirklich eine Wohlfühlzone. In einer auf Jugendlichkeit getrimmten Gesellschaft galt eine Frau in mittlerem Alter, im Gegenteil zu den Männern, lange als nicht besonders attraktiv. Das ändert sich nun langsam. Aber auch Männer scheinen sich vom Thema angesprochen zu fühlen. Denn auch wenn ihnen zugestanden wird, dass ihnen die Reife steht, spüren auch sie die nachlassende Energie und viele Probleme, die der Beginn der zweiten Lebenshälfte mit sich bringen kann.

Silvia Aeschabch:Älterwerden für Anfängerinnen - Willkommen im Club!, Wörterseh Verlag. Im Handel oder für Fr. 25.90 plus Fr. 5.- Versandkosten in unserem Shop.

Warum ist das Älterwerden für Frauen so schwierig?»

Haben es Männer leichter?Was denken Sie?Schreiben Sie uns Ihre Meinungen in den Kommentaren.

Hier geht's zu weiteren Wochenfragen

Verwandte Artikel: