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Familie

Unaufgeräumt: Chaos im Kinderzimmer

Eltern können ein Lied davon singen: Wo Kinder spielen, entsteht Unordnung. Und wo Unordnung ist bleibt sie meist. Wie man den Nachwuchs stressfrei zum Aufräumen motiviert.

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Markus Lamprecht
23. Oktober 2017

Die Schwestern Lynn (rechts) und Muriel sind wie die meisten Kinder: Im Chaos fühlen sie sich am wohlsten.


Spielecke

Genug ist genug, habe sie geschimpft und das herumliegende Spielzeug kurzerhand in einen Müllsack gesteckt, erinnert sich Franziska (40). Ihre Töchter Lynn und Muriel (heute 7 und 9) hätten entsetzt zugeschaut. Es sollte ihnen eine Lehre sein, zukünftig besser aufzuräumen. Und, hat es etwas genützt? Nein, schmunzelt Franziska, auch, weil ich es selber nicht übers Herz brachte, mich von allen Sachen zu trennen.

Was Erwachsenen schon schwerfällt, scheint für Kinder gar unmöglich. Selbst wenn unzählige Plüschtiere das Kinderzimmer bevölkern: Geht es ums Aussortieren, ist der schäbigste Kuschelbär plötzlich der dickste Freund. Davon weiss auch Franziska ein Lied zu singen. Schon so manche Spielzeugtüte ist unmittelbar vor dem Flohmarkttermin wieder ausgepackt worden, erinnert sich die Mutter.

Tabuzonen und Aufräumtage

Sonntag ist Aufräumtag. Mutter Franziska und Tochter Lynn schaffen im Kinderzimmer gemeinsam Ordnung.

Puppen hier, Lego dort: Irgendwann habe sich Franziska in ihrem eigenen Haus nicht mehr wohlgefühlt. Als Lynn etwa fünf Jahre alt war, habe sie Tabuzonen eingeführt. So konzentrierte sich das Chaos ab dann auf die Kinderzimmer. Doch auch hier kam man irgendwann an Grenzen. Lynn habe lange nicht verstanden, warum sie nach dem Spielen Ordnung machen sollte. Sie hatte doch so viel Spass in ihrem Zimmer, so wie es war, erzählt Franziska. Ein starres Regelwerk aber habe sie nicht einführen können und wollen.

Ausnahmsweise sauge ich um die Spielsachen herum.»

Franziska (40), Mutter von zwei Töchtern

Stattdessen hat man über die Zeit zu einer anderen Routine gefunden. Unter der Woche werde nur das Nötigste wie Fussboden und Schreibtisch aufgeräumt. Die wenige Zeit, die neben Schule und Hobbys noch bleibe, so Franziska, möge sie die Mädchen nicht zu übermässigem Aufräumen drängen. Sonntagnachmittags aber bereiten wir uns alle gemeinsam auf die neue Woche vor, räumen auf und bringen unsere Sachen in Ordnung, erzählt die Teilzeit arbeitende Juristin. So wurde aus dem ungeliebten Aufräumen eine Familienaktion, bei der auch mal gelacht werde.

Ab und zu ein Auge zudrücken

Inzwischen ist auch Lynn in diese Routine hineingewachsen, hat einen Sinn im Aufräumen erkannt und punkto Ordnungsliebe ihre grosse Schwester gar überholt. Gerade das stelle sie aber manchmal vor Probleme. Lynn liebt Rollenspiele und fast jede Figur in ihrem Zimmer erhält eine Rolle, lacht Franziska. Beim Aufräumen scheitere sie dann manchmal an ihren eigenen Ansprüchen und sei völlig überfordert. Da braucht es dann schon noch meine Hilfe, so die Mutter. Bei besonders aufwendig gestalteten Szenarien drücke sie auch manchmal ein Auge zu. Dann sauge ich ausnahmsweise drum herum.

Keine Kreativität ohne Chaos

Kreatives Gestalten gehört zu Franziskas Hobbys und sie bastelt regelmässig mit ihren Kindern. Jeder weiss, dass wir am Ende gemeinsam aufräumen, das laufe ganz automatisch ab. Wichtiger noch als perfekte Ordnung ist ihr, dass ihre Kinder sich fantasievoll beschäftigen. Deswegen lässt sie die Mädchen auch bewusst mit fast allem spielen. Selbst, wenn die Barbies zum Zvieri ein paar Rosinen wollten, darf Lynn diese in ihrem Zimmer servieren.

Ein weiteres Problemfeld: die Geschenkeflut zu den Geburts- und Feiertagen. Je nachdem, wie erfolgreich das Ausmisten vorher war, räume sie altes Spielzeug auch schon mal zeitweise in den Keller, erzählt Franziska. Werde es irgendwann wieder hervorgeholt, sei die Freude manchmal so gross wie bei nagelneuen Sachen. Je älter die Kinder werden, desto kleiner wird das Spielzeug. So wünschten sich Lynn und Muriel immer häufiger Gesellschaftsspiele oder Gutscheine für Zoobesuche, Ausflüge etc. Allerdings: Ein Spielzeug muss immer noch dabei sein, so Franziska. Doch das ist okay und irgendwie auch ein schönes Stück Kindheit.

Interview

Auf keinen Fall selber aufräumen

Aufräum-Coach Martina Frischknecht (41) erklärt, warum man nicht für die Kinder aufräumen soll.

Warum ist das Aufräumen in fast jeder Familie geradezu ein Reizthema?
Die meisten Kinder fühlen sich im Chaos wohl. Deswegen verstehen sie es auch nicht, wenn man sie zum Aufräumen auffordert, und sind überfordert. Meist dauert es bis zum Beginn der Primarschule, bis Kinder selbstständig aufräumen können.

Spielen ist die Arbeit des Kindes, sagte einst Maria Montessori. Sollte man das nicht in den Vordergrund stellen und notfalls einfach selber aufräumen?
Auf gar keinen Fall! Erstens gewöhnen sich so die Kinder daran, dass ihre Eltern für sie aufräumen. Zweitens wissen Eltern nicht, welche Dinge dem Kind wichtig sind, beziehungsweise, was entsorgt werden kann. Und drittens: Man sollte Kindern nicht alles Anstrengende aus dem Weg räumen, sondern sie auch mit Unliebsamem konfrontieren. Das gehört schliesslich zum Leben dazu.

Aufräumen als Schule fürs Leben?
Wenn Kinder nicht lernen, ihre Unordnung wegzuräumen, werden sie es später in Schule oder Ausbildung schwer haben. Das Ordnungsverhalten ist die Basis für systematisches und organisiertes Arbeiten beides Fähigkeiten, um sich zurechtzufinden.

Aber wie erklärt man kleinen Kindern den Sinn von Ordnung?
Am besten, man zeigt ihnen möglichst früh, welche Vorteile Ordnung hat, damit man seine Sachen nicht immer suchen muss. Natürlich sollte man selber stets ein gutes Vorbild sein.

So klappt aufräumen

Kleinkinder: Spielerisch

  • Aufräumen vorher ankündigen (statt mitten ins Spiel zu platzen)
  • Aufräumlieder singen oder CDs anhören
  • Sortierspiele/Wettbewerbe (Wer ist zuerst fertig?)
  • Thematisch aufräumen (z.B. Kuscheltiere zu Kuscheltieren, Autos zu Autos etc.)
  • Jeder Sache einen Platz geben (Körbe, Schachteln, Regale bereithalten)
  • Gewohnheiten und Rituale entwickeln
  • Ganz wichtig: mithelfen, zeigen und vorleben

Schulkinder: Miteinbeziehen

  • Gewisse Grundordnung halten (zu grosses Chaos lenkt vom Lernen ab)
  • Kleine Aufgaben geben anstatt Aufforderungen wie Räum dein Zimmer auf!
  • Thematische Bereiche definieren (Schreibtisch zum Lernen, Spielecke zum Spielen)
  • Kinder mitentscheiden lassen, ihnen eigenes Ordnungssystem zugestehen
  • Checklisten helfen, den Überblick zu bewahren (alle Schulbücher im Rucksack?)

Jugendliche: Eigenverantwortung

  • In der Pubertät Freiräume gewähren (das Zimmer liegt in der Verantwortung des Teenagers, inkl. Chaos!)
  • Gewisse Grenzen ziehen (z.B. kein verschimmeltes Essen im Zimmer)
  • Kompromisse eingehen: Beziehung ist wichtiger als aufgeräumtes Kinderzimmer