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Alle packen mit an

Immer weniger Kinder müssen im Haushalt mithelfen. Dabei würden sie davon profitieren. Man muss nur wissen, wie man sie richtig motiviert.

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Christoph Kaminski
08. Oktober 2018

Diese Woche hat Mattia (7) das Kompost-Symbol im Ämtliplan. Deshalb muss er das Kübeli leeren. Davon ist er weniger begeistert: «Das stinkt!»

Familiencoach

Sarah Zanoni

Sarah Zanoni ist Familiencoach, pädagogische Psychologin und Buchautorin.

Jetzt kann Mattia (7) den Magneten mit dem Kompost-Symbol zu den erledigten Aufgaben verschieben. Zum Glück, denn der Zweitklässler leert das stinkende Kübelchen nicht wirklich gerne. Aber bei der Familie Pace in Stein AG gehört das dazu: Alle Kinder müssen im Haushalt helfen.

Wer welche Aufgaben zu erledigen hat, ist im Ämtliplan festgehalten. «Wir haben ihn eingeführt, als unser ältester Sohn Alessandro in den Kindergarten kam und unserer Meinung nach alt genug war, mitzuhelfen», erzählt Mutter Christiane Pace (37). «Durch ihre Ämtli sehen die Kinder, dass sich der Haushalt nicht von alleine erledigt und was passiert, wenn man seine Aufgaben nicht erfüllt. Dann läuft das Kompostkübeli zum Beispiel mit der Zeit über.»

Dass es sinnvoll ist, Kinder in die Hausarbeit einzubinden, findet auch Familiencoach Sarah Zanoni (48). «So lernen sie, einen Beitrag an ein funktionierendes Familienleben zu leisten und erwerben dabei praktische Fähigkeiten, die sie zu selbstständigen Menschen machen», sagt die pädagogische Psychologin. Ein Ämtliplan könne dabei eine Hilfe sein. «Vorausgesetzt, es sind nur wenige Ämtli darauf. Sind es zu viele, wirkt das demotivierend und funktioniert nicht.»

Ziele motivieren

Nicht für alle Familien sei der Ämtliplan die richtige Wahl, betont Zanoni, selber zweifache Mutter. «Manche Kinder helfen lieber spontan und unregelmässig, etwa, wenn Besuch kommt.» Die vielen Aufgaben, die dann anstehen, lassen sich gut in Teilaufgaben unterteilen, die auch Kinder erledigen können, etwa die Tischdekoration gestalten oder den Boden aufziehen. «Wenn sie das Ziel vor Augen haben, hier den Besuch, sind Kinder oft leichter zu motivieren.»

Alessandro (11) muss staubsaugen, Luca (8) die Post holen.

Früher habe es ganz selbstverständlich dazu gehört, dass Kinder im Haushalt anpacken, weiss Zanoni. «Wenn sich ein Kind weigerte, hatte es mit Strafen zu rechnen.» Heute müssten die meisten Kinder wenig oder gar nicht bei Arbeiten im Haus helfen. Zanoni vermutet, diese Veränderung hängt auch damit zusammen, dass sich immer mehr Familien eine Haushaltshilfe leisten. «Ausserdem will man nicht ständig mit dem Kind streiten, um ein Ämtli durchzusetzen – und erledigt es dann halt lieber selber. Dies ist zwar inkonsequent, aber verständlich und menschlich.»

Zu Strafen, wie sie früher üblich waren, würde Zanoni nicht gleich greifen, wenn ein Kind seine Arbeiten nicht erledigt. Stattdessen solle man mit Ruhe und Verständnis reagieren. «Erkundigen Sie sich beim Kind, weshalb es keine Lust hat. Fragen Sie, wann es die Aufgabe stattdessen erledigen wird, und sagen Sie, dass Sie es dann daran erinnern werden.» Kinder seien oft kooperativer, wenn sie mitbestimmen dürfen. «Viele Eltern denken, Kinder lernen diese Kompetenzen nur mit Druck. Das ist nicht so. Wenn sich ein Kind ernstgenommen und verstanden fühlt, ist es eher bereit, seinen Beitrag zu leisten.»

Christiane Pace streitet schon lange nicht mehr mit ihren Kindern über die Hausarbeit. «Als der Plan noch neu war, habe ich sie noch an die Ämtli erinnert», erzählt die dreifache Mutter. Mittlerweile müssen sich die Jungs selbstständig am Ämtliplan orientieren. Sind Ende Woche alle Aufgaben erledigt, können sie sich ihr Taschengeld abholen. Sind die Ämtli nicht erfüllt, erledigt Mami sie selbst. Dann gibt es aber auch kein Sackgeld. Das leuchtet dem Nachwuchs ein. «Papi kriegt ja auch keinen Lohn, wenn er seine Arbeit nicht macht», erklärt Luca (8).

 Sind alle Ämtli erledigt, kriegen die drei Jungs von Mami Christiane (37) ihr Taschengeld.

Alessandro (11) sagt, ihm würden die Ämtli sogar Spass machen. Am liebsten räume er sein Zimmer auf. «Ich mag es, wenn es ordentlich ist. Ich würde meine Ämtli auch gratis erledigen.» Sein Mami lacht nur: «So oft wie bei dir ist das Taschengeld aber noch bei keinem deiner Brüder ausgefallen.» Am zuverlässigsten erledige Mattia, der Jüngste, seine Aufgaben. «Er hat aber auch noch nicht so viele Ämtli», protestiert Luca. «Und weniger Schule», fügt Alessandro an.

Ein kleiner Lohn wirkt Wunder

Kinder für geleistete Hilfe zu belohnen, sei eine sinnvolle Motivation, findet Zanoni. Ein finanzieller Anreiz sei eine Möglichkeit. Eine andere, gerade für jüngere Kinder, sei zum Beispiel eine Punktekarte für erledigte Aufgaben. «Ist diese voll, gibt es den Ämtlilohn, vielleicht eine gemeinsame Aktivität oder ein kleines Geschenk.» Es sei hilfreich, das Thema spielerisch anzugehen. «Ein Ämtliwürfel, mit dem man sein nächstes Wochenämtli per Zufall erhält, macht Spass.» Es sei sowieso wichtig, dass das Ämtli eines Kindes immer wieder wechselt.

«Ich würde meine Ämtli auch gratis erledigen.»

Alessandro Pace (11)

Auch Christiane Pace lässt sich ab und zu neue Aufgaben für ihre Jungs einfallen. Neu ist etwa das Unkraut jäten – darauf freuen sich die drei jetzt schon. Und Mattia soll bald auch Glas und PET-Flaschen entsorgen, wie es seine grossen Brüder bereits machen.

Kleine Kinder wollen helfen

Es sei völlig in Ordnung, wenn Kinder die weniger unangenehmen Aufgaben im Haushalt erledigen dürfen, sagt Zanoni. «Das macht die Sache lustvoller für sie – und damit stressärmer für Eltern.» Gerade ältere Kinder seien oft schwer zum Helfen zu bewegen. «Es gibt aber Dinge, die auch für sie eine gewisse Logik haben: etwa das eigene Zimmer aufräumen oder die eigene Schmutzwäsche in den Wäschekorb werfen.» Umgekehrt ist es bei Kleinkindern. «Sie lieben es, zu helfen. Für sie hat das noch nichts mit Arbeit zu tun, sondern ist Teil ihres kindlichen Alltags, in dem alles ein Erkunden, Ausprobieren und Wiederholen ist. Je spielerischer, desto lieber.»

Helfen lassen könne man die Kleinen frühestens, wenn sie laufen können, also rund eineinhalb Jahre alt sind. «Dann kann das Kind zum Beispiel die gut zusammengeklebte Windel in den Windeleimer werfen – das ist zwar kein Ämtli im eigentlichen Sinne, aber ein Anfang», schlägt Zanoni vor. Den Eifer der Kleinkinder sollte man nicht bremsen, weil man Aufgaben für zu schwierig oder gefährlich hält. «Eltern dürfen da ruhig etwas Mut zeigen.» Selbstverständlich soll ein Kleinkind anfangs nur mit einem Kindermesser schneiden – aber mit der Begleitung der Eltern gelingt dies rasch. «Es macht Kinder stolz, wenn sie solche Dinge können, und steigert ihr Selbstvertrauen.»

Um dieses nicht zu zerstören, sollten Eltern sich mit Kritik an den geleisteten Aufgaben zurückhalten und nicht alles nachkorrigieren, rät Zanoni. «Oder wie würden Sie es finden, wenn Ihr Chef nach getaner Arbeit sagt, das müsse man alles nochmals machen?» Und wie sich der Angestellte ab und zu über ein Lob des Vorgesetzten freut, sind auch Kinder darauf angewiesen. «Manche Eltern erachten Mithilfe als Selbstverständlichkeit, für die kein Lob oder Dankeschön nötig ist. Das ist ein Fehler. Denn: Echte Wertschätzung ist der wichtigste Antrieb für Mithilfe.»