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Bussi-Bussi ist out

Küssen Sie noch oder umarmen Sie schon? Die Begrüssungsrituale wandeln sich: Statt geküsst, wird heute unter Jungen umarmt.

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Getty Images
08. Oktober 2018

Die Umarmung ist heute die innige Begrüssung unter guten Freunden.

Ich bin ein Mann (54) und heterosexuell. Küssen verbinde ich grundsätzlich mehr mit Frauen. Der erste Mann, den ich geküsst habe, war natürlich mein Vater. Aber der zweite Mann: Das war Arno! Wir begegneten uns auf einer Studentenparty. Eine Freundin stellte uns vor. Und während ich wie gewohnt meine Hand zur Begrüssung ausfuhr, da hatte Arno schon seine Lippen gespitzt – und kam auf mich zu …

Begrüssungskulturell hat sich Arnos Mundkuss nicht durchgesetzt. Glücklicherweise. Ich habe selber auch nicht viel dazu beigetragen, ihn weiter zu verbreiten, denn ich ziehe die klassischen, in die Luft gehauchten Kussandeutungen vor, wie sie in der Schweiz verbreitet sind. Vorzugsweise dreimal – links, rechts, links. Das sorgt im Zwei-Hauchküsse gewohnten Ausland manchmal für Verwirrung – auf durchaus sympathische Art. «Ah ihr Schweizer», heisst es dann, «dreimal!» Die allermeisten übernehmen die Drei-Küsse-Tradition gerne, um uns Schweizer angemessen zu begrüssen.

Frankreich ist voller Kuss-Fallen

Unsere französischen Nachbarn sind bei der Kussbegrüssung übrigens noch viel variantenreicher. Dort gibts sogar eine Landkarte des Küsschens, die «carte des bises». Die zeigt, dass sich die Bretonen mit einem Küsschen zufriedengeben, dass das Gros der Französinnen und Franzosen mit zwei bis drei Küsschen auskommt und dass man in der Champagne und im Loire-Gebiet auf vier Küss- chen setzt. Die Korsen – kein Witz – sollen sich sogar fünfmal zur Begrüssung küssen. Das sorgt selbst bei den kussfreudigen Franzosen manchmal für Verwirrung und Kopfschütteln.

Eine Sache für Männer: der (kräftige) Armdrücker-Gruss.

Diese Episoden zeigen vor allem eines: Es ist fast unmöglich, bei den Begrüssungsregeln sattelfest zu sein. Das bestätigen auch Laura und Devis (beide 17), die in Basel ins Wirtschaftsgymnasium gehen. Meist begrüsse man sich unter Jungs mit dem Armdrückergriff, bei dem sich die Daumen ineinander verkeilen. Bei guten Freunden berühren sich dabei auch die jeweils rechten Schultern. «Diese Tradition kommt aus dem Balkan, wir drücken dadurch eine Zuneigung aus», sagt Devis, der albanische Wurzeln hat.

Abklatschen? «Kinderkram!»

Eine kleine, nicht repräsentative Umfrage bei Studierenden in Zürich zeigt: andere Stadt, gleiche Rituale: Auch Mirco (22), Student aus Zürich, begrüsst seine Kollegen mit dem Armdrückergriff, wie er erklärt. Finger- und Abklatschrituale, die man vor allem aus dem Web kennt (siehe Online-Links), sind hingegen verpönt: «Das ist Kinderkram».

Die jungen Frauen sind etwas variantenreicher. Laura begrüsst ihre Freundinnen entweder mit einem Küsschen oder – immer verbreiteter – mit einer festen Umarmung: «Die Umarmung ist inniger. Das macht man nur bei guten Freundinnen oder Freunden», präzisiert Laura. Dabei werde nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden. Franziska (23) und Sophia (20), beides Studentinnen aus Zürich, bevorzugen ebenfalls den «hug», also die Umarmung. «Gute Freunde umarmt man; Leute, die man weniger gut kennt, etwa Freunde von Freunden, begrüsst man mit drei Küsschen, das ist weniger intim.» Und die Hand geben? «Das ist dann ganz formell», erklärt Franziska.

Dass die Begrüssungsrituale nicht ganz so fix sind, stellt auch Oliver Krüger (45) fest, Ritualforscher und Professor für Religionswissenschaft an der Uni Fribourg: «In Genderstudien zeigt sich, dass sich vor allem im Verhalten der Männer etwas verändert», sagt Krüger. Ein Schulterklopfen, körperliche Nähe oder eine Umarmung sei heute üblicher als noch vor 20 Jahren. Aber: «Das sind Umgangsformen unter Freunden. Den Chef oder die Chefin würde man weder so noch mit Küsschen begrüssen.»

Nicht begrüssen ist ein No-Go

Unabhängig von der Art der Begrüssung, der Akt selber ist immer gleich wichtig, sagt Krüger. Die Verweigerung eines Grusses werde deshalb auch immer sehr intensiv empfunden. «Die Begrüssung ist der Start jeder Kommunikation. Eine verweigerte Begrüssung ist ein Bruch mit der Grundvoraussetzung für Interaktion. Wer das tut, lehnt das Gegenüber ab und drückt damit aus, dass er mit der anderen Person nichts zu tun haben will.»

In Gruppen wirds dann umständlich

Begrüssungsrituale sind auch von der Generation abhängig. Das bestätigen Junge und Ältere. «Drei Küsschen geben ist etwas für die ältere Generation», sagt etwa Nathalie (21), Studentin aus Zürich. Christoph Stokar (59), Autor des ersten Schweizer Benimmführers «Der Schweizer Knigge», bestätigt dies. Er gesteht: «Ich zähle zur älteren Generation, bin konventionell und gehöre zu den Drei-Küssern.» Er hält das Drei-Hauchküsse-Ritual für durchaus angebracht unter Freunden – «es sei denn, es treffen sich fünf Paare. Dann küsst jeder Mann fünf Frauen, und jede Frau neun Personen. Das wird dann umständlich.»

Doch auch hier macht sich die Umarmerei nach und nach breit, wie Martin (58) feststellt. Er geht mit seiner Frau regelmässig tanzen und hält fest: «Mich nervt beides, das Umarmen und die ständige Küsserei. Am schlimmsten ist es beim Verabschieden, wenn alle verschwitzt sind.»

Ein Blick in die Welt

Begrüsst wird überall – aber überall anders

Begrüssungsarten sind kulturell, geografisch und inhaltlich verschieden. Laut dem Ritualforscher Oliver Krüger (45) von der Uni Fribourg unterscheidet man zum Beispiel öffentliche und persönliche Begrüssungen. Zu den öffentlichen Begrüssungen etwa zählt man militärische Grüsse oder den Black Power Salute, der 1968 als politisches Statement aufkam. Auch der berühmte Doppeladler zählt dazu.

Die persönlichen Begrüssungen unterscheiden sich häufig an den Geschlechtergrenzen. In unserem Kulturkreis grüssen Frauen näher, Männer untereinander hingegen distanzierter. Bei ultraorthodoxen Juden etwa gibt es keine Annäherung zwischen Männern und Frauen. Am anderen Ende der Skala steht die Free-Hug-Campaign, eine Bewegung, die vor gut zehn Jahren in Australien gestartet wurde: Menschen bieten anderen Menschen eine Umarmung an, ohne Anlass und ohne Hintergedanken, einfach, weil es angenehm ist, so in Kontakt zu kommen.

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