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Verbieten verboten

Trotz Handy, Tablet und Co. – auf den Robinson-Spielplätzen hinterlassen die Kinder noch immer ihre Spuren. 

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Pino Covino
24. September 2018

Hier ist jeder seines eigenen Glückes Schmied.

«Eltern bleiben draussen», steht auf dem Schild am Tor des Robinson-Spielplatzes Horburg BS. Mit Baujahr 1957 gehörte er zu den ersten seiner Art in der Schweiz. «Geöffnet von 14 bis 18 Uhr», heisst es weiter, doch es ist noch geschlossen, obwohl es schon fünf nach zwei ist. Aber eben, und das ist ja auch die Philosophie: Robinson-Spielplätze, das verrät bereits ihr Äusseres, sind ein Stück Freiheit für die Kinder – und ein wenig auch für die Leiter. Freiheit von Regeln, Freiheit von Leistungsdruck, auch Freiheit von dem Zwang, unbedingt etwas «Sinnvolles» tun zu müssen.

«Im Gegensatz zu den genormten Spielplätzen gibt es auf dem Robi keinen vorgegebenen Spielraum», sagt Christine Rebmann (43), fügt aber sogleich an, dass auch hier die Freiheit Grenzen habe. Auch Robis müssten immer mehr Richtlinien einhalten. Ein Beispiel: «Beim Hüttenbauen dürfen die einzelnen Bretter nicht mehr schräg, sondern müssen gerade sein», erklärt die ehemalige Primarlehrerin, die seit 16 Jahren zum Leiterteam des Robi Horburg gehört. Und trotzdem: Die Kinder hätten hier immer noch viel Platz, um sich zu entfalten «und sie können mitgestalten, auch das Tagesprogramm».

Wieder mehr Natur

Für Kinder sei das essenziell, findet auch Petra Stocker. Die 36-Jährige ist Programmverantwortliche Spielraum und Spielkultur bei Pro Juventute. «Meiner Ansicht nach ist der Grundgedanke der Robis immer noch das Innovativste in Sachen Spielplatzgestaltung», sagt sie. In der heute schnelllebigen Zeit sei es für Kinder wichtig, dass sie mitgestalten und Spuren hinterlassen können. Ein Konzept, das Stocker auch auf anderen Spielplätzen anwenden möchte. Weg von zu vielen genormten Spielgeräten, hin zu mehr Natur und mehr Naherholungsraum. «Wir sind gerade dabei, die Richtlinien für den Bau von Spielplätzen der Pro Juventute zu überarbeiten, auf die in diversen Gemeinden beim Neubau von Spielplätzen hingewiesen wird.»

Auf dem Robi Horburg hat Leiterin Christine Rebmann heute ein paar Topfblumen mitgebracht. «Diese können die Kinder jetzt einpflanzen.» Auch Schlangenbrot über dem offenen Feuer machen, Äpfel zu Most pressen und den Hasenstall ausmisten stehen auf dem Programm. Aber niemand ist verpflichtet, daran teilzunehmen. «Ein Spielplatz, wo Verbieten verboten ist», lautete einst die Maxime der Robis. «Ein schönes Motto», findet Rebmann, «das versuchen wir auch bis zu einem gewissen Masse zu leben.» Aber natürlich gebe es Grenzen.

«Es gibt keinen vorgegebenen Spielraum.»

Christine Rebmann

Beispielsweise wenn Gewalt im Spiel ist, wenn Dinge beschädigt oder Tiere gequält werden. «Nächsten Frühling erhalten wir ein paar Zwerggeissli», nimmt Rebmann das Thema auf. «Da-rauf freuen sich die Kinder extrem, obwohl für deren Platz das Klettergerüst weichen musste.» Die Tierhaltung gehört neben Bereichen wie Wasser und Feuer zu den typischen Inhalten der Robinson-Spielplätze.

Spielwelt inmitten von Zerstörung

Stark engagiert bei der Entwicklung dieser Freiluft-Abenteuer-Oasen war Pro Juventute. «Kindern Freiräume bieten, in denen sie eigene Erfahrungen machen können, um so ihre gesunde Entwicklung zu fördern.» Dies ist seit jeher das Motto der 1912 gegründeten Schweizer Stiftung.

Unter der Leitung des damaligen Zentralsekretärs Alfred Ledermann (1919–2016), übernimmt Pro Juventute Anfang der 1950er-Jahre in dieser Thematik eine führende Rolle in Europa.

Für Ledermann selbst ist es eine Herzensangelegenheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg hilft der Zürcher Jurist während zwei Jahren im Ausland bei der Betreuung von kriegsgeschädigten Jugendlichen und im Wiederaufbau. Danach erhält er den Auftrag, eine Kinderhilfsaktion im Ruhrgebiet zu leiten: 7000 Kleinkinder und 20 000 Schüler müssen täglich eine Mahlzeit erhalten. Dabei stellt Ledermann fest, dass die Kinder ebenso wie Essen und Kleider auch geistige Nahrung benötigen. Er organisiert Feste und Spielaktionen. Die Erlebnisse im Deutschland der Nachkriegszeit prägen fürs Leben. Insbesondere die Fähigkeit der Kinder, inmitten von Zerstörung ihre eigene kleine Spielwelt zu erschaffen, haben ihn tief beeindruckt. Zusammen mit dem Architekten Alfred Trachsel ruft er 1954 den ersten Robinson-Spielplatz in Zürich-Wipkingen ins Leben. Als Vorbild dienen den beiden die «Byggelegepladser» – die Bauspielplätze, die in den 1940er-Jahren in Dänemark entstanden sind.

Zurück zu «meh Dräck!»

Auf dem Robi Horburg tummeln sich an diesem Mittwochnachmittag zwischen 12 und 15 Kinder. Es ist ein Kommen und Gehen. Frei von irgendwelchen Zwängen. Nur neben dem Trampolin steht eine Sanduhr. Läuft diese ab, müssen die einen Kinder runter, andere dürfen rauf. Es ist ein friedliches Miteinander und doch ist hier irgendwie jeder seines eigenen Glückes Schmid.

«Bei uns haben viele Kinder einen Migrationshintergrund», erklärt Christine Rebmann. Syrien und Eritrea seien auf dem Robi im Basler Klybeck/Matthäus-Quartier (nahe dem Dreiländer- eck von Frankreich, Deutschland und Schweiz) gut vertreten, ganz im Gegensatz zu den Schweizer Kindern. Ob dies vielleicht am Schmuddelimage liegen könnte, das den Robis ein wenig anhaftet? Davon will die Mutter von drei Kindern nichts wissen. «Im Gegenteil», findet sie: «Ich habe das Gefühl, wir befinden uns in einer Zeit der Umkehr. Zurück zu ‹meh Dräck› und weg von der Welle der Übervorsichtigkeit der letzten Jahre und Jahrzehnte.»

Die Tierhaltung ist ein zentraler Inhalt bei der Philosophie der Robinson- Spielplätze.

 


Kurz und bündig

  • Die zentralen Elemente auf einem Robinson- Spielplatz sind Wasser, Feuer, Erde, Tierhaltung und keine vorgegebenen Spielgeräte.
  • Der erste Robi-Spielplatz wurde 1954 in Zürich-Wipkingen eröffnet.
  • Normalerweise müssen Eltern draussen bleiben.
  • Der Robinson-Spielplatz ist ein pädagogisch betreuter Ort.