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Zu Besuch beim Spiele-Papst

Das neue «Spiel des Jahres» ist da! In der Jury des renommiertesten Spielepreises im deutschsprachigen Raum sass Tom Felber über 18 Jahre. Der Zürcher ist nun zurückgetreten.

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Christoph Kaminski
30. Juli 2018

Im Zürcher Quartier Albisrieden hat Tom Felber einen Keller, in dem er Tausende Spiele archiviert.


Zur Person: Tom Felber

Der 54-Jährige ist Journalist und arbeitet als Gerichtsreporter für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Dort schrieb er von 1997 bis 2016 auch eine wöchentliche Spielekolumne. Der Zürcher war von 2000 bis 2008 in der Jury des Vereins «Spiel des Jahres», von 2011 bis Juli 2018 sogar deren Vorsitzender. Er liebt das Spiel, weil es ein Ausgleich zum Ernst seines Arbeitsalltags ist, in dem es oft  um Leben und Tod geht.

   

Tom Felber, sind Sie ein guter oder ein schlechter Verlierer?
Man verliert die Mehrheit der Spiele, deswegen kann ich das gut. Aber auch wenn die Chance, ein Spiel zu gewinnen, nicht hoch ist: Selbst nach den Hunderten Spielen, die ich schon hinter mir habe, brennt in mir immer noch der Ehrgeiz, zu gewinnen. Das ist wichtig, sonst macht es mir und den Mitspielern keinen Spass.

Ist es denn schwer, gegen Sie zu gewinnen?
Durch die lange Spielerfahrung durchschaue ich neue Spiele am Anfang schnell und habe zumindest die ersten paar Spielrunden einen kleinen Vorteil. Wenn die anderen auch dahintergekommen sind, wirds schwieriger für mich.

Will überhaupt noch jemand gegen Sie spielen?
Die meisten aus meinen «Spielgruppen» sind richtig heiss darauf, gegen den Vorsitzenden der «Spiel des Jahres»-Jury zu spielen – und natürlich zu gewinnen. Deswegen strengen sie sich an. Das macht es für mich ganz schön knifflig.

Wie oft sitzen Sie am Spieltisch?
Ich muss so oft wie möglich spielen. Je nach Zeit, die ich habe, kommen durchaus 20 bis 25 Termine pro Monat zusammen: abends oder an Samstag- oder Sonntagnachmittagen.

Wahnsinn! Wie geht das? Und wer macht da mit?
Ich muss einfach die neuesten und spannendsten Spiele mehrfach durchspielen, um zu wissen, wie gut oder schlecht sie sind. Über einen Newsletter rekrutiere ich die Teilnehmer – es kann jeder mitmachen, der will; jede Gesellschaftsschicht ist vertreten.

Wie funktioniert eigentlich die Wahl zum «Spiel des Jahres»?
Jedes der zehn Jury-Mitglieder schlägt monatlich eine persönliche Bestenliste vor. Ausserdem findet ein reger Austausch über ein internes Forum statt, in dem fast täglich ein Spielbericht oder sonstige Neuigkeiten gepostet werden. So haben alle die besten Spiele auf dem Radar. Mitte Mai geht die Jury dann in Klausur.

Was passiert da hinter den verschlossenen Türen?
An vier Tagen werden alle Vorschläge heiss und engagiert diskutiert. Dabei schauen wir, dass auch alle Spiel-Genres berücksichtigt werden, wie etwa Kartenspiele, Spiele für zwei etc. Dann kommunizieren wir eine Empfehlungsliste mit den wichtigsten Spielen. Drei davon nominieren wir fürs «Spiel des Jahres» (siehe unten).

Und dann?
Die tatsächliche Wahl zum Sieger findet erst am Vorabend der offiziellen Verkündung Ende Juli statt. Wir möchten es wirklich spannend machen. Abgestimmt wird dann anonym und geheim.

Entspricht das Ergebnis auch immer Ihrer Meinung?
In der Satzung des Vereins steht, dass das Gewinnerspiel das Spiel als Kulturgut in Gesellschaft und Familie fördern soll. Das «Spiel des Jahres» muss möglichst vielen Menschen gefallen, es sollte innovativ, aber trotzdem einfach sein. Manchmal kam es vor, dass mein Lieblingsspiel «überstimmt» wurde. Als Vorsitzender vertrat ich dann ein Spiel nach aussen, das ich nicht als bestes Spiel ausgewählt hatte. Das ist wie im Bundesrat.

Ist das nicht ein wenig seltam?
Wenn man einen solchen Jury-Job übernimmt, ist man sich dessen bewusst.

Ist der aktuelle Spielejahrgang stark oder schwach?
Es ist ein sehr guter. Aber wir haben eigentlich nie Schwierigkeiten gehabt, gute Spiele zu finden – jedes Jahr kommen ja über 1000 neue Spiele heraus.

Was ist Ihr Lieblingsspiel der vergangenen Jahre?
Puuh – das ist gruppen- und situationsabhängig. Ein Spiel, das ich aber wiederholt gerne spiele und das gut ankommt, ist «Codenames», das «Spiel des Jahres» von 2016. Das kann man immer wieder machen – sowohl mit Leuten, die sonst kaum spielen, als auch mit Kennern.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel?
Als Kind habe ich «Wild Life» zu Weihnachten bekommen, ein Zoospiel. Das habe ich noch gut im Gedächtnis. Natürlich spielte in meiner Kindheit auch Monopoly eine grosse Rolle.

Welche Spiele mögen Sie gar nicht?
Zu komplizierte Spiele liegen mir nicht. Und schwierige Spielregeln finde ich abschreckend. Auch Spiele, die stundenlang dauern und bei denen dann der Zufall über Sieg und Niederlage entscheidet, mag ich nicht. Wenn schon, muss man für seinen Spielwitz, seine Leistung und sein Durchhaltevermögen auch gebührend belohnt werden.

Haben die Schweizer bestimmte Spiele-Vorlieben?
Im Grossen und Ganzen unterscheiden sich die Präferenzen nicht so sehr vom deutschen Markt, dem wichtigsten und grössten weltweit. Aber es gibt eine Tendenz: Einfache Spiele, die kommunikativ und lustig sind, mögen die Schweizer gerne. Bei den Deutschen liegt der Schwerpunkt oft auf etwas komplizierteren Spielmechaniken.

Sie waren seit Jahren Vorsitzender der Jury. Warum treten Sie zurück?
Aus persönlichen Gründen. Die ehrenamtliche Arbeit im Verein war extrem aufwendig, sie nahm zeitweise über 50 Prozent meiner Arbeitszeit ein. Ausserdem musste ich als Vorsitzender Verantwortung für alles tragen, was im Verein passiert. Jetzt bin ich wieder nur für mich selbst zuständig.

Wer mehr über die Spielrunden von Tom Felber wissen oder sogar daran teilnehmen möchte, schickt eine E-Mail.

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