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Familie

Das Monster unter dem Bett

Die Angst vor dem Dunkeln gehört zur normalen kindlichen Entwicklung. Dennoch können Eltern viel tun, um ihre Kinder in dieser Phase liebevoll zu begleiten.

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Alamy Stock Photo, Getty Images
11. März 2019

Im Alter von vier bis fünf Jahren beginnen Kinder ihre Emotionen zu verstehen und zu kontrollieren.

Wenn der Vater Nacht für Nacht aufstehen muss, um das Monster unter dem Bett mit dem Besen zu vertreiben, kann das anstrengend sein. Viele Eltern machen die Erfahrung, dass sich ihr mutiges und aufgewecktes Kleinkind nachts mit Ängsten quält und Zuwendung braucht. «Diese Furcht vor der Dunkelheit, Monstern oder Hexen ist ganz natürlich und Teil der normalen Entwicklung eines Kindes», sagt die französische Psychotherapeutin Béatrice Copper-Royer, die sich in ihrem Buch «Enfant anxieux, enfant peureux» mit den Ängsten der Kinder und Teenager auseinandersetzt. «Ängste sind grundsätzlich nichts Schlechtes, denn sie warnen uns vor Gefahren.»

Im Alter von 18 Monaten oder später entdecken Kinder durch die Entwicklung ihrer motorischen Fähigkeiten ein gewisses Mass an Autonomie. Mit dem Anbruch der Nacht ist die neu gewonnene Selbstständigkeit oft plötzlich dahin. Mit einfachen Massnahmen können Eltern ihren Kindern und sich selbst wieder zu einem erholsamen Schlaf verhelfen, so Béatrice Copper-Royer: «Vielleicht möchte das Kind, dass man das Licht anlässt. Das ist normal. In solchen Situationen sollte man nicht unnötig streng sein.» Kinder müssten unbedingt lernen, sich auch mal von ihren Eltern zu trennen. Ein Licht im Gang oder ein Nachtlicht kann ihnen dabei helfen und sie beruhigen. «Wichtig ist vor allem, dass Eltern diese Phase akzeptieren, denn sie wird irgendwann vorübergehen und dann schlafen die Kinder problemlos im Dunkeln ein.»

Problem mit dem Durchschlafen

Oft gibt es jedoch nicht nur Probleme mit dem Ein-, sondern mit dem Durchschlafen. Gerade im Alter von drei bis fünf Jahren passiert es häufig, dass Kinder im zweiten Teil der Nacht Albträume haben und ihre Eltern aufwecken. Dies habe, so Béatrice Copper-Royer, oft mit der ödipalen Phase zu tun, in der Kinder besonders gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil ambivalente Gefühle entwickeln: «Das Kind bewundert diesen Elternteil sehr, wäre aber gleichzeitig gern an seiner Stelle. Durch diese Ambivalenz fühlt es sich schuldig, und diese Besorgnis kann ihm Albträume bescheren.» Normalerweise reichten aber ein paar beruhigende Worte, damit das Kind wieder in sein Bett geht.

Und wenn es nicht will? Béatrice Copper-Royer zufolge sollte man in diesem Fall hart bleiben und dem Kind möglichst nicht erlauben, im Bett der Eltern zu schlafen. «Höchstens ganz am Ende der Nacht, gegen sechs Uhr morgens, zum Beispiel zum Kuscheln. Man darf sich nicht auf Diskussionen einlassen, sondern die Regel mit Ausdauer und Überzeugung durchsetzen, dem Kind sagen, dass man es beschützt.» Da diese Ängste oft Ausdruck von Trennungsangst sind, helfen Rituale vor dem Schlafengehen besonders gut. Ein Buch auf den Knien der Eltern, ein «Gute Nacht» an alle Puppen oder eine andere abendliche Gewohnheit kündigt nach Ansicht der Psychotherapeutin umsichtig den Moment der Trennung an.

Geschichten, die Angst machen

Kinder wenden sich ganz natürlich dem zu, was ihnen guttut. Sie mögen Geschichten, in denen Dinge vorkommen, die ihnen Angst machen. Auf diese Weise lernen sie ihre Emotionen kennen. «Solche Erzählungen erlauben ihnen, ihre Angst vor dem Verlassenwerden zu besiegen.» Insbesondere Märchen helfen Kindern, diese Gefühle zu verstehen und zu beherrschen. «Und natürlich lieben es fast alle Kinder, die gleichen Geschichten immer wieder zu hören. Die Wiederholung und das Happy End beruhigen und bereiten auf den Schlaf vor», so Erfolgsautorin Copper-Royer.

«Manchmal hilft ein Blick von aussen, um Dinge zu korrigieren.»

Béatrice Copper-Royer

Albtraum oder Nachtschreck?

Im Gegensatz zum Albtraum ist der noch besorgniserregendere Nachtschreck eine echte Schlafstörung. In einer Tiefschlafphase ist das Kind grosser Angst ausgesetzt, es schreit in seinem Bett, erkennt seine Eltern nicht und erinnert sich am nächsten Tag nicht mehr daran. «Besonders im Alter von vier oder fünf Jahren sollte man sich fragen, was der Auslöser für diese grosse Angst sein kann: die Geburt eines Geschwisterchens, der Kindergarteneintritt oder ein Freund, der es ärgert? Gibt es Spannungen in der Familie?» Kinder haben Angst davor und fühlen sich schuldig. «Eltern sollten ihnen zeigen, dass das normal ist», meint Copper-Royer.

Wenn das Kind trotz der Reflexion und Konsequenz der Eltern systematisch grosse Schwierigkeiten beim Einschlafen hat und nachts aufwacht, sollte man sich beraten lassen. «Die Symptome werden mit der Zeit sichtbar. Manchmal hilft ein Blick von aussen, um die Dinge wieder in geordnete Bahnen zu lenken.» Oft brauche es nur wenige Gespräche, um eine Vielzahl von Problemen im Zusammenhang mit Schlafstörungen bei Kleinkindern zu lösen. 

Furcht im Dunkeln

8 Tipps zum Umgang mit der Angst

  1. Die Angst akzeptieren, denn sie wird vorübergehen.
  2. Ein beruhigendes Einschlaf-Ritual einführen.
  3. Sich mit einem Nachtlicht oder einem Licht im Gang einverstanden erklären.
  4. Gruselige Geschichten in beru- higender Atmosphäre erzählen.
  5. Das Kind möglichst nicht im Bett der Eltern (ein)schlafen lassen.
  6. Im Gespräch mit dem Kind der Quelle der Angst auf den Grund gehen.
  7. Dem Kind zeigen, dass seine Aggressivität (oder jede andere Emotion) gegenüber einem jüngeren Geschwister normal ist.
  8. Sich beraten lassen, wenn die Probleme fortbestehen oder sich die Eltern überfordert fühlen.