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Hilfe, mein Kind ist ein Screenager!

11. Februar 2019

Bis spät in die Nacht ist der Blick von Teenagern aufs Smartphone gerichtet: Es locken Chats, Filmchen und Spiele.

Viele Eltern kennen die Situation: Ihr Sohn, nennen wir ihn Luca (12), liebt das Computerspiel «Fortnite». Es gibt wenig, das ihn so sehr in Bann zieht. Obwohl reihenweise Kämpfer umgenietet werden, ist das Spiel ab zwölf Jahren freigegeben, denn es fliesst kein Blut und besiegte Gegner lösen sich in Luft auf. Glaubt man Luca, toben sich fast alle Jungs in der Klasse auf dem virtuellen Schlachtfeld aus. Mehr als 125 Millionen Menschen weltweit konnte «Fortnite» und der kostenlose Spielmodus «Battle Royale» innerhalb von nur einem Jahr erreichen.

Was den Jungs ihr Ballerspiel, ist den Mädchen «Bibis Beauty Palace». Über fünf Millionen Abonnenten hat der Youtube-Kanal, auf dem die 26-jährige Bianca Heinicke Videos über Mode, Kosmetik oder sonstigen Girly-Kram veröffentlicht. Tendenz steigend.

Neben Games und Video-Communities sind es soziale Medien wie Whatsapp, Instagram oder Snapchat, die die kindlichen Finger kaum zur Ruhe kommen lassen. Zwar haben alle Plattformen im Mai 2018 ihre Altersbeschränkung von 13 auf 16 Jahre hochgesetzt. Effektive Kontrollmechanismen fehlen allerdings. Hier ein Post im Klassenchat, dort ein Selfie … Was die Kids so masslos fesselt, bereitet vielen Eltern Kopfschmerzen. Geht das nicht alles zu weit?

Spielplatz hat (noch) Vorrang

Glaubt man den Untersuchungen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), besteht allerdings kein Grund zur Panik. Gemäss den Ergebnissen der jüngsten Mike-Studie sind Schweizer Kindern zwischen 6 und 13 das Spielen mit Freunden sowie Sport immer noch wichtiger als Gamen (Mike steht für Medien, Interaktion, Kinder, Eltern). Internet und Smartphone haben aber im Vergleich zur Mike-Studie 2015 an Bedeutung gewonnen. Auch der Zusammenhang zwischen dem Medienverhalten von Eltern und Kindern wurde deutlicher. Das bedeutet: Eltern sollten sich mehr denn je ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und ihre Kinder in der digitalen Welt begleiten. Dies gilt ganz besonders bei Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren, bei denen sich eine extreme Nutzung der digitalen Medien negativ auf die Sprachbildung auswirken kann.

Whatsapp top, Mathe flop?

Digitale Erziehung

Die wichtigsten Tipps

  • Bildschirmzeiten gemeinsam besprechen, festlegen und kontrollieren (zum Beispiel durch einen Wecker, den sich das Kind selber stellt).
  • Eine Filtersoftware ist sinnvoll, ersetzt aber nicht den alters­gerechten Dialog über Sexualität und Gewalt.
  • Auf eigene Vorbildfunktion und Medienkompetenz achten.
  • 3-6-9-12-Regel: Kein Bildschirm unter drei Jahren, keine Spielkonsole vor sechs Jahren, kein Internet vor neun Jahren und kein unbeaufsichtigtes Internet vor zwölf Jahren.
  • Der Bildschirm ist kein Babysitter: Freizeitaktivitäten jenseits der digitalen Medien unternehmen.
  • Selbstdarstellung im Internet kritisch hinterfragen und gemeinsam diskutieren.
  • Vorsicht bei Online-Bekannt­schaften: neue Kontakte überprüfen.
  • Kinder sollten keine privaten Daten (Adresse etc.) im Netz weitergeben und auch mit Bildern zurückhaltend sein.
  • Altersfreigaben bei Computer­spielen und Filmen beachten.
Weitere Informationen hier: https://www.jugendundmedien.ch

Viele Eltern fürchten, dass sich das digitale Treiben der Kinder negativ auf die schulischen Leistungen auswirkt. Belegen lässt sich dies nicht. Eine Analyse der Uni Würzburg (D) von rund 60 wissenschaftlichen Studien konnte keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Handynutzung und schlechten Noten feststellen. Im Gegenteil: Unterhalten sich SchülerInnen in sozialen Netzen über Themen wie Hausaufgaben, fielen die Noten sogar leicht besser aus. Nur wer Whatsapp und Co. exzessiv nutzt oder versucht, Hausaufgaben noch «nebenbei» zu bearbeiten, muss mit leichten schulischen Einbussen rechnen.

Ebenfalls interessant: Schüler, die sich besonders viel in sozialen Medien aufhalten, wenden nicht weniger Zeit fürs Lernen auf. Jugendliche nutzen ihre Freizeit heute einfach anders. Was früher der Fernseher war, ist heute das Smartphone.

Regeln statt Strafen

Doch was sollen Eltern tun, wenn der Nachwuchs nur noch gamen und chatten will? Medienexperten raten, in die digitale Welt der Kinder einzudringen, sprich mitzuspielen. So versteht man vielleicht auch die Anziehungskraft – und kann praktikablere Regeln aufstellen. Wer weiss, dass eine Runde «Fortnite» maximal 25 Minuten dauert, kann dies bei den Zeitvorgaben berücksichtigen.

Doch Eltern sollten die digitalen Medien nie zu erzieherischen Zwecken einsetzen. Wer versucht, mit ihnen zu belohnen oder zu bestrafen, gibt ihnen einen noch höheren Stellenwert. Besser sind gemeinsam aufgestellte, klare Regeln (siehe Tipps Seite 103).

Mehr Frieden dank «Screen Time»

Um Spielkonsolen zu nutzen, sollten Kinder mindestens 6-jährig sein.

Wenn die Regeln partout nicht eingehalten (oder geschickt umgangen) werden und es dauernd Ärger gibt, können Eltern technische Massnahmen ergreifen. Apps wie «Screen Time» ermöglichen es, die Handy- oder Tabletzeiten der Kids zu verwalten und zu kontrollieren. Auch mit Apples neuem Mobil Betriebssystem iOS 12 lässt sich die Bildschirmzeit verwalten. Über die Familienfreigabe können Eltern auf den Geräten der Kinder Tageszeiten und Apps freigeben – oder blockieren. Auch Google bietet nun eine derartige Kontrollsoftware an: den «Google Family Link».

Alles nur Zeitverschwendung?

Viele Eltern fragen sich dennoch: Wenn das Gamen schon nicht schädlich sein mag, was bringt es überhaupt? «Spass!», antworten Jungs wie Luca. Aber ob er denn beim Gamen irgendetwas lerne? «Klar, Auswege finden!» 


«Die Sprachentwicklung kleiner Kinder leidet»

Monika Minar (60)

Logopädin in Baar (ZG)

Studien beschwichtigen heutige Eltern: Der Einfluss digitaler Medien auf Kinder sei nicht so enorm. Wie beurteilen Sie die Entwicklung als Logopädin mit langjähriger Erfahrung?

Kinder, die sich im Alter von zwei bis sechs Jahren häufig mit Smartphone oder Tablet beschäftigen, haben einen kleineren Wortschatz. Die Sprachentwicklung leidet und auch das Sprachverständnis entwickelt sich langsamer.

Wie erklären Sie sich das?

Es fehlt der verbale Austausch. Digitale Spiele oder Lernprogramme lassen die Sprache oft ausser Acht. Vieles ist visuell. Meist braucht das Kind zur Navigation nur einen einzigen Finger. Das spiegelt sich auch in der Motorik wider.

Wie äussert sich das?

Ich habe Kinder getroffen, die die Seiten eines Buches mit einer Wischbewegung umblättern wollten. Andere tippten auf Memory-Karten, anstatt sie umzudrehen.

Gibt es nicht auch spezielle Apps zur Sprachförderung?

Ja, sogar in grosser Zahl. Jedoch kann keine die direkte Interaktion und Kommunikation mit der realen Umwelt ersetzen. Das Bild von einer spitzen Nadel ersetzt nie das Gefühl, wenn sie sticht. Die Grösse einer Giraffe erfährt man nur im Zoo.


«Neue Technologien und Medien schüren häufig Ängste.»

Interview Gregor Waller (48), Medienpsychologe Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Mitautor der MIKE-Studie.

Viele Eltern sind verunsichert, was die Auswirkungen digitaler Medien auf ihre Kinder betrifft. Müssen wir uns um unsere Jugend sorgen?

Die Geschichte zeigt, dass neue Technologien und Medien bei der Einführung häufig Ängste und Unsicherheit schüren. Wer würde heute noch vor dem Lesen warnen? 

Was sollen Eltern tun, wenn sie selber die möglichen Gefahren gar nicht abschätzen können? Lieber Regulieren statt zu viel riskieren?

Je mehr Kompetenz sie sich selber im Umgang mit den neuen Medien aneignen, desto besser. Von Verboten halte ich wenig. Kinder wachsen in einer digitalisierten Welt auf und Eltern sollten in dieser ihre Aufsichtspflicht wahrnehmen und ihre Kinder begleiten. 

Stichwort Regulation: Was halten Sie von Selbstbeschränkungsfunktionen wie z.B. im neuen Apple iOS12?

Die Funktion kann dazu beitragen, die eigene Bildschirmzeit (oder die der Kinder) kritisch zu hinterfragen und ggf. anzupassen. Am Schluss lässt sich die Funktion aber immer auch ausschalten oder der Konsum auf andere Geräte verlagern.

Mediennutzung von Kindern (MIKE-Studie 2017)

BU: Während die jüngeren Kinder lieber fernsehen, haben für die Älteren Internet, Games und Handy Vorrang.
(Quelle Diagramm: MIKE-Studie 2017, ZHAW)